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Bisheriges Corona-Management gerät unter Druck

Steigende Infektionszahlen : Bisheriges Corona-Management gerät unter Druck

Die Infektionszahlen steigen, Mediziner sind angesichts einer hohen Impfquote unter älteren Menschen aber noch nicht besorgt. Weil vorerst keine Überlastung des Gesundheitssystems mehr droht, werden Forderungen nach einem Neustart im Umgang mit der Pandemie laut.

Ende des vergangenen Jahres meldeten die Gesundheitsämter dem Robert-Koch-Institut teils mehr als 30.000 Neuinfektionen pro Tag, Mitte Januar folgte dann der traurige Rekord von mehr als 1200 Todesfällen in Zusammenhang mit dem Corona-Virus binnen 24 Stunden. Von solchen Zahlen ist Deutschland nun weit entfernt, die damals allgegenwärtigen Alarmmeldungen aus Intensivstationen längst abgeklungen. Denn die Infektionszahlen steigen derzeit zwar kontinuierlich an, eine unmittelbare Überlastung des Gesundheitssystems droht nach Ansicht vieler Experten aber vorerst nicht mehr. Denn die besonders vulnerablen Gruppen der älteren bevölkerung und Menschen mit Vorerkrankungen verfügen häufig über vollständigen Impfschutz. Das Risiko eines schweren Covid-Krankheitsverlaufes scheint damit in den meisten Fällen gebannt.

Angesichts dessen werden nun Forderungen laut, das Corona-Krisenmanagement nicht mehr an den steigenden Infektionszahlen und Inzidenzwerten auszurichten. Die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) fordert gar eine völlige Neuausrichtung. „Wir brauchen einen Neustart im Corona-Management. Es darf nicht mehr allein der Inzidenzwert als Grundlage für neue Maßnahmen dienen“, sagte Leutheusser-Schnarrenberger unserer Redaktion. „Die Impfquote und die Belastung des Gesundheitswesens müssen als zusätzliche Faktoren in die Entscheidungsfindung miteinbezogen werden.“

Auch in der Bundesregierung wird darüber nachgedacht, auf welcher wissenschaftlichen Grundlage man künftig die Corona-Maßnahmen verhängen sollte – auch wenn RKI-Präsident Lothar Wieler weiterhin eine Niedrig-Inzidenz-Strategie fordert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits die Notwendigkeit neuer Grenzwerte für neue Beschränkungen angemahnt. Durch die höhere Impfquote sei etwa die Zahl der Hospitalisierungen und von Corona-Patienten auf Intensivstationen geringer als früher, sagte er. Derzeit seien 75 Prozent der über 60-Jährigen vollständig geimpft, ein Viertel nicht. „Wenn Sie die Maßzahl nehmen, können sie sagen: 200 ist das neue 50", so Spahn. Wann es zu einer Neuausrichtung kommen wird, ist jedoch offen. Aus Regierungskreisen hieß es, dass bei der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 10. August auch darüber mit den Ländern beraten werden solle.

Von dort gab es bereits erste konkrete Vorschläge, anhand welcher Werte künftig über Beschränlungen bis hin zu einem weiteren Lockdown in einer vierten Welle entschieden werden könnte. So setzen sich die SPD-geführten Länder Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz für ein Ampelsystem ein. Nach Darstellung der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer könnte darin eine Hospitalisierungsinzidenz enthalten sein, die sich aus der Zahl der Infektionen in Relation zur Anzahl der Erkrankten in den Krankenhäusern ergibt. „Darauf könnten wir aufbauen und sehr schnell einen neuen Warnwert entwickeln, der einen nachvollziehbaren Gefährdungsgrad für die gesamte Gesellschaft angibt“, sagte Dreyer. Abgeordnete von FDP und Linke fordern wiederum eine Anpassung des Infektionsschutzgesetzes, um neben der Inzidenz weitere Faktoren zur Grundlage künftiger Corona-Maßnahmen zu machen.

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Aus juristischer Sicht könnte es problematisch werden, Einschränkungen für die Bevölkerung gerichtsfest zu halten, wenn die bisherige Rechtfertigung einer drohenden Überlastung des Gesundheitssystems entfällt. Doch Gesundheitsexperten und auch Spahn warnen davor, angesichts der heute höheren Impfquote allzu sorglos auf den Herbst zu blicken. Die vierte Welle kann Deutschland durchaus noch hart treffen, so der Tenor. Spahn mahnte, dass eine Verdopplung der aktuellen Inzidenz alle zwölf Tage zu Werten jenseits der 400 im September, vielleicht 800 im Oktober führen könnte.

Umso wichtiger ist aus Sicht der Bundes- und der Landesregierungen ein schnellerer Fortschritt der Impfungen. Und auch Ex-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger fordert dies, insbesondere, um junge Menschen vor weiteren Einschnitten in der Bildung zu bewahren. „Wir brauchen einen Restart für den Schulbeginn, damit junge Menschen nicht wieder isoliert im Distanzunterricht lernen oder nach wenigen Unterrichtstagen in Quarantäne müssen“, sagte sie. „Das Impftempo bei jungen Menschen muss daher beschleunigt werden“, so Leutheusser-Schnarrenberger. 

Doch ungeachtet des massiven Drängens führender Politiker plant die Ständige Impfkommission (Stiko) offensichtlich vorerst keine neue Empfehlung zu Corona-Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren. Solche Forderungen empörten ihn, sagte Kommissionsmitglied Martin Terhardt am Freitag dem Sender RBB. Er äußerte die Erwartung, dass es eine neue Stiko-Empfehlung in dieser Sache erst in einigen Wochen geben werde. Bisher sei die Datenlage noch nicht ausreichend, um eine Corona-Schutzimpfung für die Zwölf- bis 16-Jährigen allgemein zu empfehlen, bekräftigte Terhardt die bisherige Haltung der Stiko. Diese rät zu solchen Impfungen von Jugendlichen und älteren Kindern bislang nur in Risikofällen. Ansonsten solle individuell nach ärztlicher Beratung entschieden werden.