Lokführer hatte nur Kurzausbildung: Bisher neun Tote bei Zugunglück in Brühl

Lokführer hatte nur Kurzausbildung : Bisher neun Tote bei Zugunglück in Brühl

Brühl (dpa/lnw). Die Bergungsarbeiten an der Zug- Unglücksstelle im rheinischen Brühl werden "mit gebremstem Tempo" weitergeführt. Es müsse vor Ort entschieden werden, ob die Arbeiten in der Nacht unterbrochen werden, sagte ein Polizeisprecher am Sonntagabend in Köln. Die fast völlig zerstörten Waggons des Unglückszuges seien stabilisiert worden, hieß es. Mögliche weitere Verletzte in den Wagen seien so "relativ sicher". Am Montag sollen den Angaben zufolge vor allem die bislang neun Toten identifiziert werden.

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p class="text">Der Nachtexpress D 203 von Amsterdam nach Basel war im Bahnhof der Kleinstadt Brühl zwischen Köln und Bonn am frühen Sonntagmorgen entgleist und hatte eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Bis zum Sonntagabend waren neun Tote geborgen worden, weitere 50 Menschen erlitten zum Teil schwere Verletzungen.

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p class="text"> Den Opfern und deren Angehörigen sprachen außer Bahn-Chef Hartmut Mehdorn auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement (beide SPD) auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner und der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Kock, ihr Mitgefühl aus. Clement ordnete überdies Trauerbeflaggung an den Gebäuden des Landes an.

Nach ersten Ermittlungen von Bahn, Polizei und Eisenbahnbundesamt hatte der 28-jährige deutsche Lokführer den Bahnhof mit über 120 Stundenkilometern passiert, obwohl dort wegen einer Baustelle lediglich eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Stundenkilometern zugelassen war. Dadurch sprang der Nachtexpress in einer Weiche aus den Schienen und schrammte hart an den Vorgärten mehrerer Häuser entlang, bevor sich die Lok mit ihren Puffern in eine Hauswand bohrte. Die Bewohner, ein Ehepaar, hatten Glück im Unglück - weil sie sich im Obergeschoss des Gebäudes aufhielten, blieben sie unverletzt. Baustelle kurz zuvor eingerichtet

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p class="text">Besonders tragisch: Die Baustelle war erst wenige Stunden vor der Katastrophe eingerichtet worden. Der 28-Jährige blieb zwar bei dem Unglück unverletzt, er erlitt aber einen schweren Schock und wurde in die psychiatrische Abteilung eines Krankenhauses in Euskirchen eingeliefert.

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p class="text">Zwei der insgesamt neun Wagen des Nachtexpress' lösten sich von dem übrigen Zug und wickelten sich um einen Stahlträger am Bahnsteig. Die Lok hob bei dem Crash regelrecht ab und schlitterte anschließend an der Böschung entlang, bis sie in der Hauswand zum Stehen kam. Die Auswertung von Fahrtenschreiber und Sprachaufzeichnungen aus der Führerkanzel der Lok sollen aber endgültige Aufschlüsse über die Unglücksursache bringen.

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p class="text">Unterdessen berichtet der Fernsehsender N24, der Lokführer des Unglückszuges habe lediglich eine verkürzte Ausbildung von sieben Monaten gehabt. Der 28-Jährige war im Bahnhofsbereich drei Mal so schnell wie erlaubt gefahren.

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p class="text">Nach Angaben des Kölner Polizeichefs Winrich Granitzka überlebten 48 Reisende, die aus aller Welt stammten, das Unglück ohne Verletzungen. Auch am Sonntagabend wurden noch immer einige Fahrgäste vermisst. Die Polizei vermutet, dass sie sich unter Schockeinwirkung vom Unfallort entfernt haben und auf andere Art ihr Reiseziel erreicht haben könnten.

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p class="text">Bei den Rettungsarbeiten waren bis zum Nachmittag etwa 200 Feuerwehrleute und mehr als 300 Polizisten im Einsatz. Hinzu kamen über hundert Mitarbeiter anderen Hilfsorganisationen sowie vom zahlreiche Bundesgrenzschützer und vier Hubschrauber.

Drei kleine Kinder überlebten die Zugkatastrophe kaum verletzt. 50 Skifahrer aus den Niederlanden, die das Unglück ebenfalls unverletzt überstanden hatten, setzten ihre Reise in den Süden bereits am Sonntagmorgen in Bussen fort.

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p class="text">Der tägliche Nachtexpress D 203 erreicht normalerweise seinen Zielbahnhof Basel planmäßig am nächsten Morgen um 06.40 Uhr. Im Winter ist er nach Angaben von Bahnsprecher Manfred Ziegerath auch bei Ski-Fahrern beliebt, weil sie damit praktisch im Schlaf ihre südlichen Urlaubsgebiete erreichen.

Der Fernverkehr zwischen Köln und Koblenz wird bis zum Abschluss der Aufräumarbeiten über die rechte Rheinstrecke mit Halt in Bonn- Beuel umgeleitet. Nach Auskunft der Deutschen Bahn AG soll der Zugverkehr voraussichtlich an diesem Montagabend wieder aufgenommen werden. Die Polizei verwies darauf, dass es frühestens im Laufes des Montags weitere offizielle Erklärungen der Behörden gebe.

(RPO Archiv)
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