Benedikts schwieriger Besuch

Benedikts schwieriger Besuch

Der Papst kommt 2011 zum dritten Mal nach Deutschland. Er besucht Berlin, Erfurt und Freiburg. Nicht nur wegen der Stationen ist der Staatsbesuch eine große Herausforderung – der Papst trifft auch auf eine Kirche in der Krise.

Georg Ratzinger will nicht dabei sein. Wenn Papst Benedikt XVI. (83), früher Joseph Ratzinger, im September 2011 seine deutsche Heimat besucht, dann wird er seinen älteren Bruder wohl nicht treffen. Er wolle den vielen Menschen nicht im Weg sein, die den Papst sehen wollten, sagt der inzwischen stark sehbehinderte, 86 Jahre alte frühere Regensburger Domkapellmeister. Die Stationen – Berlin, Erfurt, Freiburg – lägen "so weit weg", erklärt Ratzinger, der in Regensburg lebt.

Er hat damit nicht nur geografisch recht, sondern auch in viel weiterreichender Hinsicht. Denn obwohl Papst Benedikt 2011 schon zum dritten Mal nach Deutschland kommt, ist diese Visite eine mehrfache Premiere. Erstens: Der Papst wird nach zwei Pastoralbesuchen erstmals zum Staatsbesuch erwartet. Er reist also nicht zuerst als Seelsorger, sondern als Staatsoberhaupt der Vatikanstadt.

Zweitens: 2005 (Köln) und 2006 (München, Altötting, Regensburg) besuchte der Papst Gravitationszentren des deutschen Katholizismus, kirchliche Kernlande. Von den Stationen 2011 steht nur Freiburg in dieser Reihe, und auch Freiburg nur bedingt. Denn es ist zwar Erzbistumssitz und katholisch geprägt, aber auch bis zur Selbstgefälligkeit alternativ. Das könnte dafür sorgen, dass Freiburg kein klares "Heimspiel" für Benedikt wird. "In Freiburg gibt es immer an allem Kritik", sagt bereits der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon.

Noch viel weiter ab vom Zentrum des katholischen Erdkreises sind die weiteren Stationen. Erfurt bezeichnet die weitgehende Entchristlichung Ostdeutschlands durch 40 Jahre DDR. Ausgerechnet dort wird Benedikt mit der evangelischen Pfarrerin Christine Lieberknecht (CDU) auf eine Ministerpräsidentin treffen, die dem atheistischen Staat reserviert gegenüberstand. Lieberknecht hat recht, wenn sie den Besuch als Anerkennung für christliche Unbeugsamkeit in Zeiten der Diktatur sieht.

Und dann Berlin, Schwerpunkt der Reise. Es steht wie keine andere Stadt in Deutschland für das Voranschreiten einer offensiven Kirchenferne, die den Platz des Religiösen im öffentlichen Leben lieber heute als morgen tilgen würde. Der rot-rote Senat unter Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) etablierte "Ethik" als Pflichtfach; das Volksbegehren dagegen ("Pro Reli") scheiterte. Auch über die liberale Berliner Ladenschlussregelung im Advent gerieten Kirchen und Senat in Streit. Die Kirchen errangen einen Sieg vorm Verfassungsgericht. Und schließlich hat Berlin für Benedikt XVI. auch eine persönliche Note: Als Chef der Glaubenskongregation erlebte Ratzinger 1996, wie beim Besuch Johannes Pauls II. Farbbeutel das Papamobil trafen.

Benedikts Besuch wird aber nicht nur wegen der Wahl der Stationen sein bisher mit Abstand schwierigster in Deutschland sein. Der Papst wird auch eine katholische Kirche wiedertreffen, die in ihre schwerste Krise seit Jahrzehnten gestürzt ist. Gründe sind der Skandal um Hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen und der auch von vielen Katholiken als hilflos empfundene Umgang der Kirche damit. In den ersten zwei Monaten des Jahres, auf dem Höhepunkt der Enthüllungen, halbierte sich das Vertrauen in Kirche und Papst beinahe – auch unter Katholiken. Und ein Viertel bis ein Drittel der Katholiken spielt mit dem Gedanken an Kirchenaustritt; die Zahlen sind über den Skandal hinweg etwa gleich geblieben.

Ermutigend immerhin ist die Erkenntnis von Demoskopen, dass viele Deutsche, und längst nicht nur kirchlich gebundene, von der katholischen Kirche Orientierung erwarten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Freiburgs Erzbischof Robert Zollitsch, für den der Papstbesuch auch eine persönliche Anerkennung sein dürfte, übt sich daher in Optimismus: "Ich bin der festen Überzeugung, dass von ihm für viele Menschen kraftvolle Impulse ausgehen werden."

Auch wenn er eigentlich zum Staatsbesuch kommt, wird Benedikt in Deutschland nicht zuletzt als Seelsorger gefragt sein.

(Rheinische Post)
Mehr von RP ONLINE