Newcastle: Australiens Kohle-Metropole schafft die digitale Revolution

Newcastle: Australiens Kohle-Metropole schafft die digitale Revolution

Einst war Newcastle geprägt von Kohle und Stahl. Heute ist die Stadt eine der innovativsten auf dem fünften Kontinent.

Über Jahrzehnte war Newcastle die Kohle- und Stahlmetropole Australiens. Doch das vermeintliche schwarze Gold hätte die Stadt beinahe an den Rand des Ruins getrieben. Denn als vor knapp 20 Jahren der Rohstoffkonzern BHP ein großes Stahlwerk in Newcastle schloss, stand die Stadt vor den Trümmern ihrer Existenz. Newcastle hat sich jedoch neu erfunden. Mit dem Konzept der "Smart City", also der schlauen Stadt, hat sich der Ort selbst aus dem Morast, den Kohle und Stahl hinterlassen haben, wieder herausgezogen.

Profitiert hat die Stadt dabei auch von ihrer Lage. 2013 zog der TÜV Rheinland (heute Ex Testing and Certification) beispielsweise mit seinem Testlabor von Adelaide nach Newcastle. "Die Newcastle-Region ist ein perfekter Standort", sagte Geschäftsführer Ajay Maira. Einige der schönsten Strände Australiens sind vor der Haustür, Sydney ist nur zwei Stunden entfernt, eine Weinregion liegt im Hinterland.

Mit rund 400.000 Einwohnern hat die Stadt zudem gerade die richtige Größe für neue Unternehmen und ihre Innovationen. Viele Firmen testen beispielsweise neue Produkte und Servicedienstleistungen in Newcastle, bevor sie sie in den großen Metropolen ausrollen. Die lokale Regierung prüfte hier schon neue Gesetze wie Sperrstunden für Kneipen, McDonald's ließ die Bürger in Newcastle als Erste ein neues Menü probieren und der Verkehrsverband will selbstfahrende Autos in den ruhigen Straßen der kleineren Stadt testen anstatt auf den überfüllten Highways von Sydney.

17,8 Millionen australische Dollar (zwölf Millionen Euro) werden ausgegeben, um in der gesamten Innenstadt freies W-Lan zu installieren. Dies soll junge Unternehmer und kreative Köpfe anziehen und vor allem genutzt werden, um neue Ideen und Innovationen umzusetzen. In Newcastle stehen Straßenlaternen, die auf Bewegung reagieren und ohne Spaziergänger oder Autos ausgeschaltet bleiben, um Energie zu sparen. Es werden Apps getestet, die Autofahrern in Echtzeit verraten, wo freie Parkplätze sind und wie man dorthin kommt, und Sensoren an den Mülltonnen, die eine Nachricht schicken können, wenn der Behälter voll ist.

Sensoren sollen künftig in der Stadt auch Daten sammeln - wie viele Menschen vorbeigehen, wie viele Rad fahren oder wie der Verkehr fließt. Firmen dürfen auf diese Daten zugreifen und sie für sich nutzen. Und auch die Stadt will aus ihnen lernen - beispielsweise feststellen, ob eine Straße erweitert werden muss, es einen neuen Fußgängerüberweg braucht, eine neue Ampel oder einen Radweg. Die Universität in Newcastle wird mit eingebunden. In einem Innovationszentrum sollen dort künftig Jungunternehmer und Wissenschaftler zusammenarbeiten. Studenten sollen mitwirken und Ideen einbringen. "Was wir versuchen, ist, Teile des Stadtzentrums in einen Ort zu verwandeln, wo Start-ups, neue Geschäfte und kleinere bis mittelständische Unternehmen zueinanderfinden können", sagte Nathaniel Bavinton, der in der Gemeinde für die Transformation verantwortlich ist, dem britischen "Guardian".

Noch ist nicht alles wieder rosig in Newcastle. Noch ist die Jugendarbeitslosigkeit mit rund zwölf Prozent hoch, noch ist die Stadt auf ihren Kohleexport angewiesen. 167,7 Millionen Tonnen Kohle sind allein im vergangenen Jahr von dort verschifft worden.

Doch in den vergangenen 20 Jahren ist eine Transformation angestoßen worden. "In fünf Jahren werden die Menschen überrascht sein", sagte Bavinton. Dann werde Newcastle unter Umständen die lebenswerteste Stadt Australiens sein und Melbourne damit den Rang ablaufen. "Es wird ein international anerkanntes Zentrum der Technologie und Innovation sein und ein Ort, wo die Menschen hinziehen wollen", prophezeite der Australier.

(RP)
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