Irak: Zurück bleibt die Ungewissheit

Irak : Zurück bleibt die Ungewissheit

Washington (RPO). Der letzte Kampfverband der USA hat am Donnerstag den Irak verlassen. Sieben Jahre nach dem Einmarsch hält Präsident Barack Obama damit sein Versprechen, das er den kriegsmüden Amerikanern gab. 50.000 Männer und Frauen in Uniform sollen zwar bleiben, um die irakische Armee zu beraten. Dennoch herrscht riesige Ungewissheit. Hat die Regierung in Bagdad genug Kraft, um einen Rückfall ins Chaos zu verhindern?

Eine Siegesparade in den USA wird es für die heimkehrenden Kämpfer nicht geben, dafür hat der Irak-Krieg zu viele Wunden geschlagen. Zumindest wurde den Soldaten der letzten US-Kampfbrigade, die in der Nacht zu Donnerstag aus dem Irak abzog, eine der Ehrbezeugungen des Medienzeitalters zuteil: die Live-Übertragung in die Abendnachrichten der amerikanischen Fernsehsender. Die Kameras surrten, als die Soldaten sieben Jahre nach der Invasion die Grenze zurück nach Kuwait überschritten.

"Ein historischer Moment"

"Ein historischer Moment", erklärte die US-Regierung. Der Kampfeinsatz im Irak geht offiziell zu Ende. Bis Dezember 2011 sollen noch 50.000 US-Soldaten in dem Land bleiben, um die irakischen Truppen auszubilden und zu beraten. Das große militärisch-politische Unterfangen der USA im Irak tritt in eine neue Phase.

Was die US-Soldaten aus dem Irak mitnehmen, sind Erinnerungen an tote Kameraden, an Sprengsätze am Straßenrand und Angriffe aus dem Hinterhalt. Die Dauerbelastung hat traumatische Stresserkrankungen zum Begleiter einer ganzen Armee-Generation gemacht. Mehr als 4400 US-Soldaten ließen ihr Leben. Mehr als einmal drohte die US-Invasion an jener Gewalt zu scheitern, die sie selbst im Irak mit entfesselt hat.

Politiker bringen keine Regierung zustande

Was die US-Soldaten zurücklassen, ist ein Land in Ungewissheit. Ein halbes Jahr nach der Parlamentswahl haben die zerstrittenen irakischen Politiker immer noch keine Regierung zustandegebracht, das Risiko eines Rückfalls in die Gewalt ist nicht gebannt. Der Abzug birgt die Gefahr eines Machtvakuum, in dem extremistische Kräfte die Lähmung der politischen Institutionen im Streit der Religions- und Volksgruppen ausnutzen könnten.

"Die große offene Frage ist nun, wie der politische Prozess im Irak weitergeht", urteilt der Irak-Experte Kenneth Pollack vom Brookings-Institut in Washington. "Wenn alles gut geht, können wir unsere Truppen rasch weiter reduzieren", sagt er. "Wenn es aber schlecht läuft, könnte das Land definitiv in den Bürgerkrieg zurückfallen - und es wird viel mehr Truppen bedürfen, dies zu verhindern."

Bushs Waffen wurden nie gefunden

Fast schon vergessen ist, dass US-Präsident George W. Bush seine Invasion im Irak 2003 mit der Gefahr durch Massenvernichtungswaffen im Arsenal von Saddam Hussein begründet hatten. Solche Waffen wurden nie gefunden. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass sich Bush im Kampf gegen den Terrorismus mit dem Irak vermutlich das falsche Schlachtfeld ausgesucht hat. Der Einsatz band Kräfte, die eigentlich in Afghanistan benötigt wurden, wo die El Kaida ihre Machtbasis festigte.

Nachdem der Irak-Einsatz in blutigem Chaos unterzugehen drohte, hatte die US-Armee seit Anfang 2007 in einer immensen Kraftanstrengung auf eine Strategie gesetzt, die den Kampf gegen Aufständische in Kooperation mit einheimischen Kräften und auf den Schutz der Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt stellte. In aufwändiger Überzeugungsarbeit am Boden brachte die US-Armee örtliche Stammesführer auf ihre Seite und entzog den extremistischen Aufständischen langsam den Boden.

"Wiederaufbau von Vorhandenem"

Im vergangenen Dezember entschloss sich Obama, die Strategie in Afghanistan zu kopieren und dort die Zahl der US-Soldaten aufzustocken. Ein Erfolg ist damit aber nicht garantiert. Afghanistan sei schwieriger als der Irak, warnen Experten. Das zerklüftete Bergterrain mit weit verstreuten Siedlungen bedeutet für die Militärs eine große Herausforderung.

Auch was die staatlichen Strukturen angeht, unterscheiden sich beide Länder immens. Im Irak gibt es die Tradition einer starken Zentralregierung. In Afghanistan haben Jahrzehnte des Kriegs die politischen Institutionen zerstört. "Im Irak ging es um den Wiederaufbau von Vorhandenem, in Afghanistan geht es um einen Aufbau von Null an", resümiert der Experte Nathan Freier vom Center for Strategic and International Studies in Washington in einer Studie.

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2010: Der Abzug der US-Armee aus dem Irak beginnt

(AFP/csi)