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Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan: 100-Milliarden-Dollar-Treffen in Ankara

Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan : Das 100-Milliarden-Dollar-Treffen

Wladimir Putin besuchte Recep Tayyip Erdogan in Ankara. Es ging um Energie, Handel und eine strategische Partnerschaft.

Herzlich hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gestern in Ankara seinen russischen Kollegen Wladimir Putin empfangen, der mit großem Gefolge zu einem eintägigen Arbeitsbesuch in die türkische Hauptstadt gekommen war. Beide Länder sind entschlossen, ihre regionalpolitischen Differenzen zu ignorieren und sich auf den Ausbau ihrer wirtschaftlichen Beziehungen zu konzentrieren. "Realpolitik in Aktion", schrieb der frühere EU-Botschafter in der Türkei, Marc Pierini, beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Anlass für den Besuch von Putin war das Treffen eines gemeinsamen Regierungsausschusses mit der Türkei, das einer Kabinettssitzung gleichkam. Gleich zehn russische Minister begleiteten Putin. Aus türkischer Sicht ging es bei dem Besuch vor allem darum, die Russen zu einer Senkung des Erdgaspreises zu bewegen. Russland liefert rund zwei Drittel des türkischen Gasbedarfs; die Türkei ist nach Deutschland der zweitgrößte Abnehmer von russischem Gas. Putin ließ mit sich handeln und erklärte nach seinem Gespräch mit Erdogan, die Türkei erhalte ab Januar einen Preisnachlass von sechs Prozent bei Erdgas und außerdem drei Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich.

Zudem will Russland nach Putins Worten das geplante Projekt einer Gas-Pipeline durch das Schwarze Meer in die EU wegen fehlender Unterstützung durch Brüssel streichen. Gazprom-Chef Alexej Miller bestätigte den Stopp des Projekts. Stattdessen soll eine Pipeline in die Türkei ins Auge gefasst werden, die das Gas über Griechenland nach Westeuropa bringen könnte. Eine solche Pipeline würde die Türkei zu einem wichtigen Verbündeten für Moskau machen. Die Türkei sei ein "strategischer Partner", sagte Putin.

Die Abhängigkeit von Moskau beim Erdgas ist einer der Gründe dafür, dass der sonst nicht um klare Worte verlegene Erdogan beim Thema Russland auffällig zahm agiert. So kritisierte die Türkei zwar die Annexion der Krim durch Moskau, schloss sich aber nicht den westlichen Sanktionen gegen Russland wegen der Ukraine-Krise an. Die Türkei glaube nicht an die Wirksamkeit solcher Sanktionen, hieß es in türkischen Regierungskreisen zur Begründung.

Auf 100 Milliarden Dollar jährlich (rund 60 Milliarden Euro) wollen die beiden Länder ihren Handelsaustausch in den kommenden Jahren ausbauen - das wäre das Dreifache des bisherigen Volumens. Rund 100 türkische Bauunternehmen sind derzeit in Russland tätig; im Gegenzug schickt Russland jährlich vier Millionen Touristen an türkische Strände.

Zudem bauen die Russen das erste türkische Atomkraftwerk, das im kommenden Jahrzehnt im südtürkischen Akkuyu ans Netz gehen soll. Kurz vor seinem Besuch ging Putin in einem Interview mit der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu auf die Bedeutung des 16-Milliarden-Euro-Projekts für die Beziehungen ein. Die Umweltverträglichkeitsprüfung für Akkuyu sei mit positivem Ergebnis abgeschlossen worden, erklärte das türkische Umweltministerium. Atomkraftgegner warnen dagegen vor einer Erdbebengefahr in der Region.

Als "100-Milliarden-Dollar-Besuch" wurde Putins Visite in den türkischen Medien bezeichnet. Angesichts der großen Pläne für die Wirtschaftsbeziehungen wollten Putin und Erdogan keine Zeit mit außenpolitischem Streit vergeuden. Das galt auch für das Thema Syrien. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenzen bekräftigten Erdogan und Putin ihre gegensätzlichen Standpunkte. Der türkische Präsident unterstrich, ohne Entmachtung des syrischen Präsidenten Baschar al Assad werde es in dem Bürgerkriegsland keine Lösung geben. Dagegen betonte Putin, das syrische Volk müsse darüber entscheiden, ob Assad an der Macht bleibe oder nicht.

Einen Schlagabtausch, bei dem die tiefen Gegensätze zwischen beiden Staaten sichtbar wurden, leisteten sich Erdogan und der Gast aus Moskau dann allerdings doch: Putin betonte mit Blick auf Syrien, Assad sei durch eine Wahl bestätigt, worauf Erdogan anmerkte, Diktatoren erzielten immer die höchsten Wahlergebnisse.

Sonst trübte kein öffentlich ausgetragener Streit das einvernehmliche Treffen. Im Gegenteil: Erdogan nannte den russischen Präsidenten gar einen "werten Freund".

(RP)