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Russland und das "zweite Lockerbie": Wird MH17 zum "Anfang vom Ende Putins"?

Russland und das "zweite Lockerbie" : Wird MH17 zum "Anfang vom Ende Putins"?

Ist Flug MH17 der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Wird sich das unscheinbare Kürzel wirklich als "Anfang vom Ende des russischen Präsidenten" erweisen, wie das Nachrichtenportal "Nowoje Wremja" aus Wladimir Putins Heimat mutmaßt?

Der Kreml-Chef fand sich in der Vergangenheit schon öfters im weltpolitischen Abseits wieder, etwa im Syrien-Konflikt, bei Menschenrechtsfragen oder wegen der ersten Akte der Ukraine-Krise.

Doch der mutmaßliche Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs mit 298 Toten in der Ostukraine hat die Weltgemeinschaft in nie dagewesener Weise aufgeschreckt. Die Empörung über die Tragödie richtet sich außerhalb Russlands fast einhellig gegen Putin, weil die prorussischen Separatisten als seine Günstlinge gelten.

Und nach Überzeugung der meisten westlichen Kommentatoren schossen eben diese Rebellen erst die Linienmaschine vom Himmel - und ignorierten dann an der Absturzstelle im eigenen Einflussgebiet selbst elementarste Regeln zur Sicherung von Beweisstücken.

US-Außenminister John Kerry schimpfte über die "grotesken" Szenen aus Grabowe, über "betrunkene Separatisten", die Ermittlungsarbeiten behindern, pietätlos Leichen aufeinanderstapeln und "Spuren verwischen".

Die Niederlande und Malaysia schickten lieber gleich eigene Forensiker in die Ukraine, anstatt auf die Ermittlungshilfe jener Separatisten zu bauen, die offenbar auch einen Flugschreiber zurückhalten.

Sollten unabhängige Experten zu dem Schluss kommen, dass die Schuld beim Kreml oder bei den Rebellen liegt, dürfte Moskau das Untersuchungsergebnis nach Expertenmeinung kaum anerkennen - erst recht nicht, wenn die These der US-Regierung bestätigt wird, dass Aufständische das Flugzeug mit einer Rakete aus russischen Militärbeständen abschossen.

"Russland wird seine Verantwortung auch leugnen, wenn Beweise vorliegen, besonders dann, wenn es nur Indizien sind", meint der bekannte russische Ökonom Sergej Gurijew. Sollten die Ermittler Russland direkte Schuld geben, "würde das dem Staat kolossalen Schaden zufügen", vermutet Jewgeni Gontmacher von der Denkfabrik Civic Initiatives Committee.

Australiens Regierung - die 27 getötete Landsleute an Bord von MH17 betrauert - droht schon mit der Ausladung Russlands vom nächsten G20-Gipfel, falls die Tragödie nicht mit uneingeschränkter Hilfe Moskaus aufgeklärt wird.

Großbritanniens Regierung fordert einen "fundamentalen Kurswechsel" gegenüber Russland. Und auch Deutschland und Frankreich als mächtigste EU-Länder drohen mit verschärften Sanktionen. Nach den bisherigen Konten- und Einreisesperren hieße das dann wohl: Wirtschaftssanktionen.

Schon jetzt bedeutet der Flugzeugabsturz wohl den traurigen Höhepunkt der heftigsten Ost-West-Konfrontation seit dem Ende des Kalten Kriegs, auch die Börsen gingen nach der Tragödie auf Talfahrt. "Wir erleben eine tektonische Kollision zwischen Russland und dem Westen", sagt Juli Nisnewitsch von der Moskauer Hochschule für Wirtschaft.

Die Polarisierung ist nicht gleichbedeutend mit einem Zerfall der Anhängerschaft Putins im Landesinneren: Nach der Krim-Annexion im März verlor das geächtete Russland zwar seinen Platz im Mächtekonzert der G8-Nationen, dafür gewann Putin weiter an Beliebtheit im Volk.

Die internationalen Reaktionen auf die MH17-Tragödie werden nun von russischen Staatsmedien erneut als reflexhafte Vorverurteilungen belächelt, der Kreml stellt sich als Opfer eines Propagandakriegs dar.

Die Kreml-Kritikerin Julia Latynina Recht sieht die Causa MH17 indes als "zweites Lockerbie" - und stellt Wladimir Putin damit in eine Reihe mit Libyens langjährigem Machthaber Muammar al-Gaddafi. Der wurde nach dem Anschlag auf ein US-Passagierflugzeug über dem schottischen Lockerbie im Jahr 1988 international zum Paria - und blieb bis zu seinem Tod geächtet.

(DEU)