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Wiederaufbau in der Ukraine​: Wie örtliche Freiwillige in Kiew helfen​

Wiederaufbau in der Ukraine : Wie örtliche Freiwillige den Menschen in Kiew helfen

Die russischen Invasoren haben es nicht geschafft, Kiew zu umzingeln - aber vor ihrem Rückzug in der Umgebung schwere Zerstörungen hinterlassen. Doch viele obdachlos gewordene Einwohner sind geblieben - und der Winter rückt näher.

Als die russischen Angreifer versuchten, Kiew zu umzingeln, wurde einer ihrer Vorstöße vor Maria Metlas Haus gestoppt - aber erst nachdem Artilleriefeuer und Panzergeschütze das Gebäude zerstört hatten. Jetzt setzt die 66-jährige Ukrainerin auf andere Einwohner in ihrem Heimatdorf, um einen Platz zum Leben zu haben, wenn der Winter kommt.

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Und es gibt einen Silberstreif am Horizont. Fast jeden Morgen tauchen Gruppen von Freiwilligen auf, um aus Trümmern und Ruinen alles zu holen, das wiederverwendet werden kann. Sie trennen die Funde säuberlich, bilden Haufen von Ziegelsteinen, zerstörten Küchengeräten - um daraus Altmetall zu gewinnen - und Stücken von Isolierplatten. Das Material wird zum Wiederaufbau der Häuser benutzt, die in den frühen Tagen des Krieges im Umkreis der ukrainischen Hauptstadt zerstört worden waren.

Das Dorf Nowoseliwka war während des 36-tägigen Angriffs auf Kiew ein Schauplatz heftiger Kämpfe. Metalltüren sind von Kugeln aus Maschinengewehren durchlöchert und Häuser wie das, in dem Metla wohnte, wurden zerbombt. „Wir haben in den Keller geschleppt, was wir konnten. Fünf Bomben - eine, zwei, drei, vier, fünf - explodierten im Feld hinter uns“, schildert Metla inmitten der Ruinen dessen, was einst ihr Wohnzimmer war. Sie hat ein von Feuer beschädigtes Trainingsfahrrad und eine Ikone von St. Nikolaus behalten - als Erinnerung an das Leben vor dem Krieg.

Ukrainische Stellen haben kürzlich die Schäden, die bislang allein an der Infrastruktur entstanden sind, auf umgerechnet mehr als 100 Milliarden Euro beziffert. Das entspricht etwa zwei Dritteln des ukrainischen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020. Und Schätzungen gehen dahin, dass der Wiederaufbau mehr als das Siebenfache dieser Summe kosten könnte. Vor diesem Hintergrund hat die Ukraine an westliche Länder appelliert, zusätzlich zu ihren Spenden eingefrorene russische Vermögenswerte zu benutzen, um dem Land unter die Arme zu greifen.

Derzeit werden Containerhäuser aus Polen in der Nähe von Nowoseliwka aufgestellt, einem Ort mit Obstgärten, Sonnenblumenbeeten und Hinterhöfen mit Hühnern etwa 140 Kilometer nördlich von Kiew, vor den Toren der Stadt Tschernihiw. Aber das Ausmaß der Zerstörung ist so groß, dass sich Dutzende örtliche Initiativen gebildet haben, um den Wiederaufbau voranzutreiben.

„In vielen anderen Ländern würden Leute vielleicht ein Schild ‚Zum Verkauf‘ aufstellen, wenn ihr Zuhause zerstört worden ist, und in eine andere Stadt umziehen. Aber so ist es hier nicht“, sagt Andrij Galjuga, ein lokaler Freiwilligen-Organisator. „Leute hängen sehr an dem Ort, aus dem sie kommen, und sie wollen nicht weggehen.“ Galjugas Organisation Bomoschemo steht in Kontakt mit ähnlichen anderen Initiativen, die überall in der Umgebung von Kiew entstanden sind.

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In einem zerstörten Haus klettert der Helfer eine beschädigte Treppe hinauf und gibt einer Crew von 25 Freiwilligen Anweisungen dabei, Schlackenbetonblöcke aus den Ruinen auf eine Rutsche zu laden und andere Baumaterialien mit Spitzhacken und Brechstangen loszulösen. Kinder und Frauen helfen mit, die Besitzerin des zerbombten Hauses, Schanna Dynaewa, versorgt die Helfer mit Getränken und belegten Broten.

„Ich bin ihnen so dankbar. Leute um mich herum haben so viel geholfen“, sagt sie. Als sie von ihrer Flucht vor den Bomben erzählt, bricht sie in Tränen aus, wird von ihrer ebenfalls obdachlosen Nachbarin Metla in den Arm genommen.

„Ich hoffe, dass ich auf meinem Grundstück bleiben kann, vielleicht anfangs in einer improvisierten Unterkunft“, sagt Dynaewa. „Ich weiß nicht, was mit uns geschehen wird. Der Winter wird bald hier sein. Ich sorge mich einfach die ganze Zeit.“

(albu/dpa)