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Hobby-Pilot landet aufe auf Rotem Platz: Wie Mathias Rust Moskau düpierte

Hobby-Pilot landet aufe auf Rotem Platz : Wie Mathias Rust Moskau düpierte

Am 28. Mai 1987 landete ein deutscher Hobby-Pilot auf dem Roten Platz in Moskau – und düpierte damit die gesamte Flugabwehr der Sowjetunion. Für viele Russen war die Aktion des damals 18-Jährigen ein Symbol für Missstände und Schlampereien in der schwankenden Weltmacht.

Am 28. Mai 1987 landete ein deutscher Hobby-Pilot auf dem Roten Platz in Moskau — und düpierte damit die gesamte Flugabwehr der Sowjetunion. Für viele Russen war die Aktion des damals 18-Jährigen ein Symbol für Missstände und Schlampereien in der schwankenden Weltmacht.

Die Zwiebeltürme der Basilius-Kathedrale leuchten in der Frühlingssonne. Vom Roten Platz dringt die Musik eines Jugendfestivals herüber. Auf dem Wassilewski Spusk, einem kleinen asphaltierten Platz unterhalb der Kathedrale, kontrolliert ein Verkehrspolizist den Fahrer eines weißen Geländewagens.

Der Polizeimajor (54), der seinen Namen nicht nennen mag, tut hier schon seit Sowjetzeiten Dienst. Und er erinnert sich noch gut an den 28. Mai 1987. "Ich sah das kleine Flugzeug von da drüben kommen", erzählt er und zeigt in den Himmel über der Großen Moskwa-Brücke, "erst dachte ich: Das müssen Dreharbeiten für einen Film sein."

Doch es war kein Film. Es war die Cessna des 18-jährigen Hobbyfliegers Mathias Rust im Landeanflug auf den Roten Platz. "Er flog hier entlang, landete auf der Großen Moskwa-Brücke und rollte vor der Kathedrale in einer Linkskurve aus. Das Flugzeug kam so zum Stehen, dass der Bug Richtung Kremlmauer zeigte", so der Polizeimajor. Rust habe die Tür geöffnet, dann aber noch einen Schluck Wasser getrunken, bevor er ausgestiegen sei. "Da war sein Flugzeug schon umringt von Milizionären. Und als ich ihn sah, war mir gleich klar: Das ist ein Ausländer."

Mit seinem Husarenstück blamierte Rust die Weltmacht Sowjetunion und ihre Flugabwehr bis auf die Knochen. Rust verstand seinen Flug als Friedensmission: Er wollte Kremlchef Michail Gorbatschow treffen, um ihm eine Versöhnungsbotschaft zu übermitteln. Gorbatschow aber schäumte vor Wut über das Versagen der Luftabwehr. Geschickt nutzte er den Vorfall, um politische Gegner loszuwerden: Verteidigungsminister Sergej Sokolow, der Chef der sowjetischen Luftverteidigung sowie 300 weitere Generäle wurden gefeuert.

"Für uns war das damals ein richtiger Schock", erinnert sich die pensionierte Ingenieurin Tatjana Sergejewna (63). Ende der 80er Jahre sei die Unzufriedenheit der Sowjetbürger ständig gewachsen. "Dass diese Landung möglich war, interpretierten meine Freunde und ich als Folge der vielen Missstände und Schlampereien, die wir am Arbeitsplatz und im Alltag wahrnahmen."

Der junge Hobbypilot aus Wedel bei Hamburg bereitet seinen Flug monatelang vor. Die Cessna 172 P mietet er für drei Wochen — für "Rundflüge über der Nordsee". Er baut die Rückbank aus, um Platz für zusätzliche Treibstoffkanister zu haben. Dann fliegt er nach Reykjavik und einige Tage später nach Helsinki. Dort meldet er am 28. Mai einen Flug nach Stockholm an. Er fliegt ein Stück auf der Route, verschwindet dann aber vom Radar. Die Finnen vermuten einen Absturz, die Küstenwache sucht in der Ostsee nach dem Wrack. Da hat Rust schon Kurs auf die Sowjetunion genommen.

Russische Behörden klassifizieren bis heute alle Dokumente zum Fall Rust als geheim. Ehemalige sowjetische Militärs streiten darüber, warum der Flieger ungehindert so tief ins Land eindringen konnte. "Wir hätten ihn hundert Mal abschießen können, aber wir haben es nicht getan", behauptet Gorbatschows Verteidigungsminister Dmitri Jasow. Der Grund für das Zögern: Im Jahr 1983 hatte die sowjetische Luftwaffe eine Boeing 747 der Korean Airlines abgeschossen, 269 Menschen kamen ums Leben. "Nach dem Vorfall mit der koreanischen Boeing gab es eine Anweisung, Zivilflugzeuge nicht abzuschießen", so Jasow, "und dies war eine Sportmaschine."

Der damalige Chef der Flugabwehr im Luftraum Moskau, Wladimir Zarkow, sagte dagegen in einem Interview, Rusts Cessna sei während des fünfstündigen Fluges über sowjetisches Terrain nur ganze 18 Minuten unter Beobachtung gewesen.

Die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" recherchierte die Hintergründe — und stieß dabei auf ein unglaubliches Gemisch aus Kompetenzwirrwarr, Schlamperei und Entscheidungsunfähigkeit: Um 14.29 Uhr erscheint die Cessna zum ersten Mal auf den Radarschirmen der Sowjets. Als das unbekannte Flugobjekt nicht auf die Parole "Freund oder Feind?" reagiert, steigt ein Kampfflugzeug vom Ty0p MiG-23 auf.

Die MiG kommt der Cessna so nahe, dass Rust die Atemmaske des Piloten sehen kann. Doch der Kampfjet saust an der langsamen Sportmaschine schnell vorbei. Und als die MiG erneut auf die Suche geschickt wird, ist Rust unterhalb der Radargrenze abgetaucht. Zudem erreicht sein Flugzeug bald die Zone einer anderen Flugabwehr-Einheit — die Informationen werden offenbar nicht weitergegeben.

Gegen 15 Uhr kommt Rust im Luftraum über Pskow an. Wie die "Nowaja Gaseta" schreibt, findet hier gerade die Flugübung einer Luftwaffeneinheit statt. Einige der Flugschüler haben Probleme bei der Umstellung des Flugzeugcodes. Daraufhin wird vom Boden aus alles neu kodiert, was gerade in der Luft ist — auch Rusts Cessna. "Er flog weiter mit einer sowjetischen Luftfahrt-Registrierung", so die "Nowaja Gaseta". Im Moskauer Umland habe die Flugabwehr Rust nur als Verkehrssünder erfasst: Gemeldet habe man den "Verstoß gegen die Luftfahrtregeln", nicht das Eindringen eines feindlichen Flugobjekts.

Kurz vor sieben Uhr abends landet Rust auf dem Roten Platz. Ein Polizeioffizier verlangt seinen Pass. "Er sah mich lange an, bat jemanden um Übersetzung und fragte dann, wo mein russisches Visum sei", erinnerte sich Rust später in einem Interview. Als Rust erklärt, er habe keins, brüllt der Offizier: "Das kann ja gar nicht sein!" Niemand kann glauben, dass der junge Mann einfach so eingeflogen ist.

Wenig später wird Rust von Beamten des Geheimdienstes KGB zum Verhör fortgebracht. Er kommt ins "Lefortowo"-Gefängnis. Ein Gericht verurteilt ihn zu vier Jahren Haft. Nach 432 Tagen wird er am 8. August 1988 begnadigt und darf wieder zurück zu seinen Eltern. Ein Jahr nach seiner Rückkehr gerät Mathias Rust wieder in die Schlagzeilen: Bei seinem Zivildienst im Krankenhaus in Rissen attackiert er eine Schwesternschülerin mit einem Messer, weil sie ihn nicht küssen will.

Wegen versuchten Totschlags wird er zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, nach 15 Monaten aus dem Gefängnis entlassen. Es folgen weitere Prozesse und Geldstrafen wegen Diebstahls und Betrugs. Heute arbeitet der 43-Jährige als Finanzanalyst bei einer Firma in der Schweiz.

(RP/csi/rm)