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Finanzkrise: Wie Geithners Giftschrank funktioniert

Finanzkrise : Wie Geithners Giftschrank funktioniert

Düsseldorf (RPO). Insgesamt bis zu einer Billion Dollar an sogenannten toxischen Wertpapieren will US-Finanzminister Timothy Geithner den strauchelnden US-Banken abnehmen. Ist das der Weg aus der Krise?

US-Finanzminister Timothy Geithner will das Finanzsystem der Vereinigten Staaten mit einem Hilfsprogramm von bis zu einer Billion Dollar stabilisieren. Ziel sei es, Banken und andere Finanzkonzerne von faulen Krediten und anderen Risiko-Wertpapieren zu befreien, schrieb Geithner in einem Beitrag für das "Wall Street Journal". Das Programm umfasse zunächst 500 Milliarden Dollar, könne aber auf eine Billion Dollar erweitert werden.

Hintergrund ist der nun verkündeten Entscheidung ist der eingefrorene Interbankenhandel: Noch immer sind die Kreditmärkte wie gelähmt. Weil kein Institut weiß, wie viele faule Wertpapiere noch in den Bankbilanzen anderer Institute schlummern, leihen sich die Banken gegenseitig kaum noch Geld. Grund sind die weltweiten Ausfälle von Krediten, die durch die US-Immobilienkrise im Herbst 2007 ihren Anfang nahm. Das Finanzsystem arbeite "immer noch gegen seine Erholung an", schrieb Geithner deshalb in einem Leitartikel für das "Wall Street Journal".

Geithners Plan soll das ändern. Er soll die Bankbilanzen von faulen Kreditforderungen gründlich säubern, die nach Geithners Worten das Finanzsystem "verstopfen". So soll das Vertrauen unter den Banken wiederhergestellt werden. Dazu will er eine eigene Staatsbehörde mit dem Namen "Public Investment Corp" ("Öffentliche Investmentgesellschaft") gründen, schreibt die "Washington Post". Geithner selbst will die Regierungspläne offiziell am Montag verkünden.

Die staatliche Behörden soll dem Bericht zufolge in zweierlei Weise tätig werden: Einerseits soll der Staat selbst abschreibungsgefährdete Forderungen aufkaufen, andererseits soll sie Garantien für private Investoren übernehmen, die bereit sind, entsprechende Wertpapiere zu kaufen.

Die Hoffnung: Sollten die Kreditwirtschaft durch die gesäuberten Bilanzen wieder in Schwung kommen und so ein Crash vermieden werden, erholen sich Aktienmärkte und Immobilienpreise. Dann könnte der Staat die Risiko-Papiere später wieder verkaufen, höchstwahrscheinlich mit Gewinn.

Knackpunkt des Plans bleibt der Preis für die risikoreichen Geldanlagen. Diese müssten von den Akteuren der US-Finanzbranche ermittelt werden, schrieb Geithner. Nur so könne gewährleistet werden, dass die Regierung nicht zu viel für die Finanzprodukte zahle. Aber genau den, kann in einem durch die Finanzkrise verunsicherten Markt derzeit niemand wirklich ermitteln.

Im Kampf gegen die Rezession werden in den USA inzwischen auch sonst alle Register gezogen. Die US-Notenbank Fed lässt die Notenpresse immer schneller rotieren. Am vergangenen Mittwoch kündigte sie den Kauf von US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren im Umfang von über einer Billion Dollar an. Die Notenbank kauft damit die Schulden des Staates ab — mit neu geschaffenem Geld. Das sorgt für eine enorme Ausweitung der Geldmenge und bringt den Dollar unter Druck; die Kapitalmärkte werden mit Liquidität überflutet.

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Doch an dem eigentlichen Problem der Finanzwelt ändert das alles wenig: Nach wie vor trauen sich die Banken gegenseitig nicht über den Weg, weil sie noch unentdeckte Löcher in den Bankbilanzen fürchten. Hintergrund sind komplizierte Kreditverschreibungsgeschäfte: Finanzinstitute versuchten ihr individuelles Risiko an den Kreditmärkten zu minimieren, indem sie das Ausfallrisiko in sogenannten Credit Default Swaps (CDS) untereinander handelten und somit breit streuten. Das führte zu langen Ketten von gegenseitigen Abhängigkeiten.

Durch das Platzen der US-Immobilienblase fielen Kredite massenhaft aus. Es droht eine Abwärtspirale von Ausfällen, die gleich einer Kette von Dominosteinen umfallen. So brachte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers das Weltfinanzsystem an den Rand des Abgrunds.

Wie viele der Kredite in der Bankbilanzen noch abgeschrieben werden müssen, weiß derzeit niemand. In der angespannten Lage lässt sich ein Marktwert der Kreditforderungen nicht ermitteln, weil kaum einer bereit ist, in der Finanzkrise risikobehaftete Forderungen zu kaufen. Den Banken wird daher sowohl in den USA als auch in Deutschland inzwischen erlaubt, Kredite und Wertpapiere nicht mehr nach dem Marktwert ("Fair Value"), sondern im gesamten Volumen beziehungsweise Anschaffungspreis zu bilanzieren. Das schönt die Bilanzen — schafft aber weder Transparenz noch Vertrauen. Deshalb kommt der Interbankenhandel bisher kaum in Schwung. Weil die Banken sich gegenseitig keine Kredite zu Verfügung stellen, stockt auch das Geschäft mit Krediten an die Realwirtschaft.

An den US-Aktienmärkte wurden die Nachrichten von Geithners Plan positiv aufgenommen: Vor allem Finanztitel sorgten beim japanischen Nikkei-Index für ein kräftiges Plus von 3,4 Prozent, auch der deutsche Leitindex Dax startete mit deutlichen Gewinnen in den Handel.

Geithner hatte das neue Rettungspaket für den US-Finanzssektor bereits im Februar angekündigt. Die Vorgängerregierung von Präsident George W. Bush hatte der Finanzbranche bereits im Herbst mit Hilfen von 700 Milliarden Dollar unter die Arme gegriffen. Dabei wurden die Bilanzen der Banken aber nicht gesäubert. Die Hilfen flossen als direkte Finanzspritzen an die Institute.

Mit Material von AFP

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