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Krise in der Ukraine: Wie gefährlich sind Moskaus neue Soldaten?

Krise in der Ukraine : Wie gefährlich sind Moskaus neue Soldaten?

Beängstigend effizient, mit Uniformen aus Goretex sowie neuesten Schutzwesten und Funkgeräten – die russischen Truppen von heute unterscheiden sich in Ausrüstung und Professionalität stark von denen 2008 im Georgien-Krieg.

Beängstigend effizient, mit Uniformen aus Goretex sowie neuesten Schutzwesten und Funkgeräten — die russischen Truppen von heute unterscheiden sich in Ausrüstung und Professionalität stark von denen 2008 im Georgien-Krieg.

Der Auftritt des Nato-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen schwankte zwischen Drohung und Ausweichmanöver. "Wenn Russland in der Ukraine weiter intervenieren möchte, wäre dies ein historischer Fehler", warnte Rasmussen bei einer Tagung der Bündnispartner in Paris. Doch auf die Frage, ob die Nato im Fall einer russischen Invasion in der Ost-Ukraine militärisch eingreifen würde, ging der Däne in Deckung. Er sprach lediglich von "ernsthaften Konsequenzen" und weiterer Isolation Moskaus. So könnte die Nato die Verträge von 1997 und 2002 aufkündigen, in denen sich das Bündnis verpflichtet, keine "substanziellen Streitkräfte" in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion zu stationieren.

Ankündigungen wie diese werden die Russen in ihrem Großmacht-Taumel kaum beeindrucken. So tönt der Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrats, Viktor Oserow, Kremlchef Wladimir Putin könne jederzeit den Befehl zum Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine geben. Das Mandat, das der Sicherheitsrat Putin vor der Krim-Invasion Ende Februar ausgestellt habe, behalte weiterhin seine Gültigkeit.

Gefragt, ob der Präsident seine Soldaten auch in den Süden und Osten der Ukraine schicken könne, sagte Oserow: "Theoretisch ja." Nach Angaben von Nato-Militärs stehen im Grenzgebiet zur Ukraine 35 000 bis 40 000 russische Soldaten bereit. Der Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove warnte, innerhalb von drei bis fünf Tagen könnte Russland mit seinen Truppen jeden Punkt in der Ukraine erreichen.

Der Westen zittert vor Putins Soldaten. Bei der Invasion der Krim präsentierte sich eine reformierte russische Armee in Bestform. Ihre Ausstattung, ihre Mobilität und ihre Effizienz unterscheiden sich von jener schwachen Truppe, die 2008 im Krieg gegen Georgien zum Einsatz kam. Damals gelang es zwar, einen technisch und zahlenmäßig weit unterlegenen Gegner in fünf Tagen zu bezwingen. Doch der Georgien-Krieg offenbarte den desolaten Zustand der russischen Streitkräfte. Die Militärs verwendeten veraltete Karten und Bomben, die ihre Ziele um einen halben Kilometer verfehlten. Kampfjets fielen vom Himmel, Panzer blieben am Straßenrand liegen, Soldaten griffen zum eigenen Handy, weil die Funkgeräte so schlecht waren.

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Der Kreml zog die Konsequenzen: Innerhalb der vergangenen drei Jahre wurde eine Armeereform umgesetzt, die selbst der kremlkritische Militärexperte Alexandr Golz als "die radikalste der vergangenen 150 Jahre" bezeichnet. Der Bestand an Offizieren wurde reduziert, der Wehrdienst von zwei Jahren auf ein Jahr gekürzt, mehr Zeitsoldaten beschäftigt. Das Verteidigungsministerium erhöhte mehrfach den Sold, um den Dienst fürs Vaterland wieder attraktiv zu machen. Die Reform äußerte sich selbst in kleinen Details: Die verhassten Graupen wurden vom Speiseplan der Armeekantinen gestrichen, statt Fußlappen gibt es nun Socken. Der Militäretat ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und beträgt in diesem Jahr 70 Milliarden Dollar (57 Milliarden Euro).

Auf der Krim zeigte sich das Ergebnis dieser Reformbemühungen. Staunend notierte ein Kriegsreporter der "New York Times", die Ausstattung der russischen Elitesoldaten dort unterscheide sich kaum von jener der US-Truppen. Die Uniformierten, die etwa vor dem Flughafengebäude in Simferopol patrouillieren, trugen moderne Tarn-fleck-Anzüge aus Goretex, neue Helme, Nachtsichtgeräte, Knieschützer und die neueste Generation schusssicherer Westen. Viele Soldaten sind ausgestattet mit modernsten Funkgeräten — kleine Kästchen, die an der Uniform befestigt werden und codierte Signale absetzen. Ein Mini-Mikrofon wird am Helm getragen.

Westliche Militärbeobachter schließen aus dieser Neuerung, dass sich auch in der inneren Struktur der Truppe etwas geändert hat: Der einzelne Soldat, früher in der russischen Armee nur dumpfer Befehlsempfänger, hat nun buchstäblich "etwas zu melden", er wird als professioneller Kämpfer anerkannt. "Als Ergebnis der Reform hat Russland heute die absolute militärische Vormachtstellung, wenn nicht in Europa, dann aber auf jeden Fall im postsowjetischen Raum", konstatiert Militärfachmann Golz.

Zumindest mit der ukrainischen Armee hatten die Russen leichtes Spiel. 1,5 Milliarden Dollar gab Kiew jährlich für die 150 000 Soldaten aus — der russische Verteidigungshaushalt ist 46mal so groß.

(RP)