Wie die Ukraine den Umsturz erlebt: Am Tag Null ist es still

Wie die Ukraine den Umsturz erlebt : Am Tag danach ist es still auf dem Maidan

In Massen strömen die Ukrainer an den Schauplatz der blutigen Gefechte in Kiew - Schlachtenbummler im wörtlichen Sinn. Statt Erleichterung aber dominiert Unsicherheit: Noch ist die Angst vor den Schlägertrupps nicht gewichen.

Das besiegte Monster steht direkt hinter der ersten Barrikade. Die Fensterscheiben hinter den Schutzgittern sind geborsten, die riesige Motorhaube ist abgerissen, Drähte und Schläuche hängen heraus. Es stinkt nach Dieselöl. Vor dem zerstörten Wasserwerfer posieren Janna und Jewgeni Dobrowolski mit ihren Kindern Boris (16), Anton (14) und der fünfjährigen Margarita. "Die Kinder sollen sehen, wie unsere Jungs das Land in eine neue Welt gezogen haben", sagt Janna Dobrowolska stolz, "wir machen diesen Spaziergang ganz bewusst, damit sie sich daran erinnern."

Es überwiegt Nachdenklichkeit und Trauer

So wie die Familie aus Kiew machen es an diesem Sonntag viele. Kaum 24 Stunden nach der Flucht von Präsident Viktor Janukowitsch strömen die Menschen in Massen über die Flaniermeile Kreschtschatik, den Unabhängigkeitsplatz Maidan und die Gruschewski-Straße im Zentrum der Hauptstadt. Zehntausende wollen jetzt die Orte sehen, wo sich noch vor wenigen Tagen Polizeitruppen und Regierungsgegner mörderische Straßenschlachten lieferten. Doch statt Erleichterung dominieren Nachdenklichkeit und Unsicherheit - und Trauer über die 82 Todesopfer, die die Kämpfe forderten. Viele Menschen haben Blumensträuße und Kerzen dabei, die sie an spontan eingerichteten Gedenkstellen ablegen.

Jelena Marintschuk steht vor dem demolierten Wasserwerfer und weint. "Es sind so widersprüchliche Gefühle, die mich überkommen", sagt sie. Da sei der Schock über das, was geschehen sei, aber zugleich die Zuversicht in den morgigen Tag. "Es ist toll, dass es gute, vernünftige Menschen gab, die mit ihrer Überzeugung, für die richtige Sache einzustehen, das alles gestoppt haben", sagt sie. Erleichterung spüre sie aber nicht, dafür sei es noch zu früh. "Die Macht wechselt ja nur von einem zum anderen", ist ihre Befürchtung, "aber wir brauchen doch neue, frische Leute."

Ein Bild der Verwüstung

Wie im von den Regierungsgegnern kontrollierten Lwiw (Lemberg) im Westen des Landes nahe der polnischen Grenze sind mittlerweile auch in Kiew alle Polizisten verschwunden. Anstelle der verhassten Uniformierten patrouillieren jetzt Freiwillige der Bürgerwehr "Samoobrona" ("Selbstverteidigung").

Die Kiewer Innenstadt bietet immer noch ein Bild der Verwüstung. Über dem Unabhängigkeitsplatz ragt das ausgebrannte achtstöckige Gewerkschaftshaus wie ein rußgeschwärztes Mahnmal in die Höhe. Hier hatten die Regierungsgegner in den vergangenen Wochen ihre Zentrale eingerichtet. Nach dem Feuer sind sie auf das gegenüberliegende Hauptpostamt ausgewichen.

Die Reste der Schlacht stehen ordentlich an der Seite

Immer noch liegt Brandgeruch in der Luft, der Boden ist überall schwarz, die in der Hitze geschmolzenen Plastikkugeln der Straßenlaternen hängen wie surreale Gebilde an den Pfählen. Auf dem Kreschtschatik fehlt das Kopfsteinpflaster - die Demonstranten haben die Steine als Wurfgeschosse gegen die Polizei eingesetzt. Pflastersteine, die nicht benötigt wurden, hat man nun zu ordentlichen Quadern auf der Straße aufgetürmt; offenbar sollen sie so schnell wie möglich wieder verlegt werden. Zwischen den Zelten, die nicht abgebrannt sind, steht Reihe um Reihe leerer Flaschen. Die militanten Regierungsgegner hatten die Bürger um Flaschenspenden gebeten, um Molotow-Cocktails herzustellen.

Die Männer mit den olivgrünen Helmen, den Tarnmasken und kugelsicheren Westen sind noch da. Sie beschützen jetzt das Parlament und das Regierungsgebäude an der Gruschewski-Straße. Und sie stehen auf den Barrikaden und regeln den immer dichter werdenden Strom der Schlachtenbummler: "Eingang rechts, Ausgang links!" Eine ältere Frau bleibt stehen. Sie schüttelt dem gepanzerten Kämpfer die rußgeschwärzte Hand: "Danke, dass ihr durchgehalten habt!" Der Mann lächelt höflich und erwidert: "Danke euch Bürgern, dass ihr uns so gut versorgt habt. Keiner war hungrig."

Viele sind immer noch bewaffnet

Mit der Amnestie für die Maidan-Kämpfer geht es offensichtlich voran: 64 während der Proteste festgenommene Demonstranten sind inzwischen wieder auf freiem Fuß; drei weitere sollen nach Angaben des kommissarischen Innenministers heute entlassen werden. Außerde sollen alle Teilnehmer der blutigen Proteste in Kiew rehabilitiert werden; ihre Strafverfahren würden eingestellt, hieß es.

Trotz der freundlichen Szenen - ein Rest von Anspannung ist überall spürbar. Viele haben weiterhin Knüppel und andere Schlagwaffen dabei. Ein dürrer Mann namens Petro aus Iwano-Frankiwsk im Westen des Landes hat einen Baseballschläger in die Beintasche seiner Tarnfleck-Hose gesteckt. Wofür braucht er den noch? "Wer weiß, vielleicht kommt plötzlich wieder Krieg," sagt Petro. Immer noch seien die "Tituschki" in Kiew unterwegs -durchtrainierte Männer meist aus dem Osten des Landes, die im Auftrag des Regierungslagers Demonstranten verprügelten. Die Unruhe bleibt, solange nicht geklärt ist, wo sich der untergetauchte Präsident Janukowisch aufhält. Zwischenzeitlich hieß es, Janukowitsch verstecke sich in Charkiw. Der Bürgermeister der ostukrainischen Industriestadt, Gennadi Kernes, dementierte das: Janukowitsch habe die Ukraine verlassen und sei "Geschichte".

Hier geht es zur Bilderstrecke: 2014: Die Gesichter des Protests in Kiew

(RP)