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Terroristen könnten Lage für ihre Zwecke missbrauchen: Wie die Gewalt in Ägypten die islamische Welt verunsichert

Terroristen könnten Lage für ihre Zwecke missbrauchen : Wie die Gewalt in Ägypten die islamische Welt verunsichert

Die chaotischen und blutigen Unruhen im Land am Nil haben Auswirkungen auf die Region und die islamische Welt. Die Nachbarn Ägyptens sind nicht gegen eine ähnliche Entwicklung gewappnet. Die Unsicherheit könnten Terroristen für ihre Zwecke missbrauchen.

Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen den in Ägypten von der Macht vertriebenen Islamisten und den kompromisslos durchgreifenden Militärmachthabern werden kaum durch westliche Friedensappelle gestoppt werden können, seien sie noch so scharf und trotzig formuliert.

Es geht im Land am Nil im Prinzip um die Machtfrage zwischen Islamisten, die einen Staat aufbauen wollen mit dem islamischen Recht (Scharia) als Richtschnur, und den säkularen Kräften, die die Religion eher als Privatsache begreifen und einen weltoffenen freiheitlichen Rechtsstaat wollen.

Die Entscheidung dieser Grundsatzfrage macht die Entwicklung in Ägypten über die Landesgrenzen hinaus so interessant. Sie ist für die gesellschaftliche Entwicklung der arabischen Welt von enormer Bedeutung. Die Entscheidung der Frage nach Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und individuellen Bürger- und Freiheitsrechten gewinnt für das Staatsverständnis vieler islamischer Staaten an Bedeutung, auch wenn die arabischen nur rund 15 Prozent aller Muslime weltweit ausmachen. Daher ist auch nicht verwunderlich, wenn die Nachbarstaaten die Entwicklungen am Nil mit Argusaugen beobachten.

Der Arabische Frühling ("Arabellion") hatte in Tunesien begonnen. Doch das Land ist immer noch nicht befriedet. Innerhalb eines halben Jahres wurden zwei prominente Politiker aus dem säkularen oppositionellen Lager ermordet. Noch vor wenigen Tagen hatten mehr als 40 000 Demonstranten den Rücktritt der Regierung gefordert. Doch auch Tausende von Islamisten gingen auf die Straße. Zu Zusammenstößen kam es bisher nicht. Die gemäßigte islamistische Regierungspartei Ennahda lehnt die Oppositionsforderung nach einer politisch neutralen Regierung ab. Der Streit geht weiter.

Libyen ist von Machthaber Muammar al Gaddafi befreit, doch nicht von der Gefahr des Zerfalls. Gaddafi hatte im Land enorme Waffenlager angehäuft, die heute den Stammesfürsten Macht und Einfluss garantieren. An eine Unterordnung unter staatliche Autorität denken weder sie noch die Milizen. Wer sie trotzdem zwingen will, riskiert einen Ausbruch von Gewalt.

Auch in der islamischen, weitgehend demokratisch verfassten Türkei gärt es. Oppositionelle gehen gegen den gemäßigten islamistischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan auf die Straße. Vordergründig geht es um den Erhalt des Gezi-Parks im Herzen von Istanbul, in Wirklichkeit geht es aber um den Abbau von Freiheitsrechten durch einen immer stärker autoritär auftretenden Regierungschef. Die Folge: schwere Unruhen mit Toten und Verletzten. Den gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi hatte Erdogan noch vor gut einem Jahr auf einem Parteikongress als Ehrengast gefeiert. Das türkische Militär, das sich seit Ausrufung der Republik 1923 als Hüter der säkularen Verfassung verstand, hat Erdogan an die Leine gelegt. Ein solches Szenario wird die ägyptischen Militärs wohl zu ihrem harten Kurs gegen die Muslimbrüder mitinspiriert haben.

Die Feudalregime am Golf wie Saudi-Arabien oder die Emirate stehen klar zur ägyptischen Militärführung, die sie finanziell unterstützen. Sie wollen keinen Islamistensieg, denn sie wollen ihre Regime retten als Garanten auch gegen demokratische Einflüsse. Und das, obwohl sie selbst streng islamisch sind.

In dieser riesigen Zone der Unsicherheit hat ein islamistisches Terrornetzwerk wie Al Qaida leichtes Spiel. Seine Kämpfer sind im Bürgerkrieg in Syrien aktiv, sie bomben im immer noch unbefriedeten Irak, sie sorgen in Afghanistan mit Hilfe der Taliban mit Anschlägen für Unsicherheit und haben im Jemen eine bedrohliche Basis. Der Übergang in all diesen Ländern und Regionen zu mehr individueller Freiheit und Demokratie wird dem Westen noch viel Geduld abverlangen.

(RP)