Unsere Welt im Jahr 2030: Wie die CIA die Zukunft sieht

Unsere Welt im Jahr 2030: Wie die CIA die Zukunft sieht

Alle vier Jahre legen die Geheimdienste der USA einen Bericht über die Zukunft der Welt vor. Derzeit wagen die Experten einen Blick ins Jahr 2030: China wird bis dahin weltgrößte Volkswirtschaft sein.

Asien wird Nordamerika und Europa bis 2030 als ökonomisch stärkste Region der Welt abgelöst haben. Spätestens dann liegt China vor den USA auf dem Spitzenplatz der größten Volkswirtschaften. Zur alles dominierenden Supermacht, wie es die Vereinigten Staaten nach dem Ende des Kalten Krieges waren, kann das Reich der Mitte allerdings nicht aufsteigen.

USA bleiben Primus inter Pares

Vielmehr bleiben die USA im globalen Kräftespiel der Primus inter Pares, der Erste unter Gleichen. Kein anderes Land kann harte Machtfaktoren wie wirtschaftliche Potenz und militärische Stärke auf ähnliche Weise mit der "weichen Macht" kulturellen Einflusses vereinen.

Dies sind die Kernaussagen eines in dieser Woche veröffentlichten Berichts, in dem die amerikanischen Geheimdienste das Kunststück wagen, die Zukunft vorherzusagen, genauer: die Entwicklungen der nächsten zwei Dekaden. Alle vier Jahre erstellt der National Intelligence Council (NIC), ein koordinierendes Gremium in Washington, unter dem Titel "Global Trends" eine neue Prognose. Und wie alle vorangegangenen hat er auch die jetzige mit dem Hinweis versehen, dass jähe Wendungen — Kriege, neue Technologien, eine Krise der Weltwirtschaft — sämtliche Szenarien über den Haufen werfen können.

Die Welt wird eine radikal andere sein

In jedem Fall werde die Welt des Jahres 2030 im Vergleich zur heutigen eine radikal andere sein, schreiben die Autoren. Der historische Aufstieg des Westens, beginnend um 1750, wird sich endgültig umgekehrt haben, Asiens traditionelles Gewicht wird wiederhergestellt sein. Neben China, dem bald noch dynamischer wachsenden Indien und Brasilien erlangen regionale Schwergewichte wie Kolumbien, Indonesien, Nigeria, Südafrika und die Türkei zunehmende Bedeutung, auf Kosten Europas, Japans und Russlands. Das alternde Europa dürfte allein schon wegen seines Geburtenrückgangs zurückfallen, das typische Beispiel für eine Gesellschaft, in der die Balance zwischen "erwerbsaktiven und -inaktiven" Bürgern nicht mehr stimme.

Als prägenden Faktor, vergleichbar mit einer tektonischen Plattenverschiebung, charakterisiert der NIC das Entstehen einer starken globalen Mittelschicht. Zum ersten Mal überhaupt wird eine Mehrheit der Erdenbewohner 2030 nicht mehr in Armut leben, erstmals wird die Mittelschicht in den meisten Ländern das wichtigste soziale und ökonomische Segment bilden. Daher wachse der Konsum von Nahrung, Wasser und Energie deutlich schneller als die Weltbevölkerung, nämlich um 35, 40 beziehungsweise 50 Prozent.

Bedrohung durch Ressourcen-Knappheit

Parallel dazu schränke der Klimawandel die Verfügbarkeit lebenswichtiger Ressourcen immer mehr ein. In Nahost und Nordafrika, im westlichen Zentralasien, in Südeuropa, dem Süden Afrikas und dem Südwesten der USA sei mit noch weniger Niederschlag zu rechnen. Weltweit werde jeder Zweite in Gebieten mit akuter Wassernot leben. Folglich müsse globale Sicherheitspolitik vor allem daran gemessen werden, wie vernünftig man mit knappen Ressourcen umgehe.

Pessimistisch klingt die Prognose für den Nahen Osten. Demnach bleibt die Region wahrscheinlich die instabilste des Planeten, auch wenn sich die arabische Welt auf eine demokratische Öffnung zubewegt. Künftige Kriege in Nahost könnten ein "nukleares Element" beinhalten, viele dieser Konflikte dürften immer schwerer unter Kontrolle zu bringen sein. Apropos Nuklearmacht: Zu den 15 Nationen, in denen die Staatsgewalt zu scheitern und das Chaos zu regieren drohe, zählen die Schlapphüte neben Ländern wie Afghanistan, Jemen und Uganda auch das atomar bewaffnete Pakistan.

Kissinger und die Telefonnummer

Und Europa? Da lässt die schonungslose Analyse an Henry Kissinger denken, den Altaußenminister, der gesagt haben soll, er wüsste nicht, welche Telefonnummer man anrufen müsste, um mit Europa zu sprechen. An der Wirtschaftskraft einzelner europäischer Staaten bestehe kein Zweifel, konstatiert der Bericht. "Die Schlüsselfrage ist, ob Europa auf der internationalen Bühne entsprechend seinem kollektiven Gewicht auftreten kann." Die Amerikaner sehen es eher skeptisch. Die ökonomische Logik, wonach eine vertiefte Integration zwingend geboten sei, stehe im Widerspruch zur Logik zahlreicher Bürger, die großen Wert auf separate Nationalstaaten legen und nur eine begrenzte Integration wünschen.

Drei mögliche Drehbücher stellt der NIC zur Debatte. Nach dem ersten ("geringe Wahrscheinlichkeit") fällt erst die Eurozone und danach die EU auseinander. Neue Handelsschranken und massive Kapitalflucht drohen flächendeckend eine große Depression wie in den 1930er Jahren auszulösen. Nach dem zweiten, schon eher denkbaren Szenario wird der Euro zwar gerettet, kann aber auf Dauer weder mit dem Dollar noch mit dem chinesischen Renminbi, der alten und der neuen, zusätzlichen Leitwährung, konkurrieren. Nach dem dritten feiert die Idee eines europäischen Bundesstaats eine eindrucksvolle Renaissance. "Nachdem sie in den Abgrund geschaut haben, einigen sich die meisten Politiker Europas auf einen föderalistischen Sprung nach vorn. Die Öffentlichkeit unterstützt diesen Schritt, weil es zu riskant ist, den Status quo zu bewahren."

Weltordnung aus den Fugen

Für bedenklich halten die Verfasser eine Art europäische Nabelschau, die sich in ihren Augen mit dem zu erwartenden Einflussverlust von Briten, Franzosen oder Deutschen verbindet. Ein geschwächtes, eher mit sich selbst beschäftigtes Europa könnte nur noch in geringerem Maße als stabilisierende Macht in benachbarten Regionen auftreten. Ob die Weltordnung aus den Fugen gerate, hänge maßgeblich davon ab, ob die Ordnungsmacht USA neue Partner findet. Das bestmögliche Szenario wäre eine reifende Kooperation mit China, glauben die Geheimdienstler. Doch erst eine schwere geopolitische Krise, etwa ein drohender nuklearer Schlagabtausch zwischen Indien und Pakistan, könnte Washington und Peking zusammenbringen.

(RP/csi)
Mehr von RP ONLINE