Wie Cyril Aggett von Schülern aus der Einsamkeit gerettet wurde

Gesellschaft : Wie Cyril Aggett aus der Einsamkeit gerettet wurde

Ein 86-jähriger britischer Rentner wurde von Schülern aus seiner Isolation geholt. Der Kampf gegen die Vereinsamung ist aber auch Regierungspolitik.

Als seine Frau Shirley starb, wurde es einsam um Ciryl Aggett. Die Welt des 86-Jährigen schrumpfte, er ging nicht mehr aus. Sie wurde auch leise: Niemand im Haus mehr, der Geräusche machte. Und Ciryls Tage begannen spät. Manchmal stand er vor zwei Uhr nachmittags nicht auf.

Der ehemalige Schuhmacher lebt in der südenglischen Hafenstadt Plymouth, gleich neben der Coombe Dean School. Und deren Schülern fiel auf, dass Aggett nicht mehr vor die Tür trat. Sie klopften an, fragten nach seinem Befinden und luden ihn zum Lunch in der Schule ein. Das war, meint Ciryl Aggett heute, seine Rettung. Jetzt geht er an vier Tagen in der Woche zum Mittagessen in die Schulkantine und freut sich, dass es dort so laut ist.

Aggetts Geschichte ging durch die britische Presse und fand weite Resonanz. Nicht nur, weil sie ein Happy End hatte, sondern auch, weil das Problem so akut ist. Jeden kann die Einsamkeit heimsuchen, aber unter den Senioren des Landes ist sie weit verbreitet. Über 15 Millionen Menschen fühlen sich manchmal oder oft einsam, das sind erstaunliche 23 Prozent aller Briten. Von den Menschen, die 75 Jahre oder älter sind, leben 51 Prozent allein. Bis zum Jahr 2025 soll die Zahl der über 50-Jährigen, die sich einsam fühlen, um die Hälfte auf mehr als zwei Millionen steigen.

Angesichts dieser Zahlen spricht die britische Regierung von einer Einsamkeitsepidemie. Vereinsamung als Krankheit zu sehen, ist nicht übertrieben. Denn die möglichen Folgen des Alleinseins können tödlich sein. Einsamkeit ist gesundheitsschädlicher als 15 Zigaretten am Tag oder Fettleibigkeit, fand eine Untersuchung der Brigham Young University heraus. Einsame Menschen leiden verstärkt unter Demenz, Herzerkrankungen und Depression. Sie haben ein um 29 Prozent höheres Sterberisiko. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Einsamkeit verursacht Stresshormone, die Entzündungen und andere Gesundheitsprobleme auslösen. Zugleich gehen Menschen, die einsam sind, seltener zum Arzt, und nehmen ihre Medizin weniger regelmäßig ein – von Sport treiben oder gesunder Ernährung gar nicht zu reden.

Die britische Regierung hat die Bedeutung des Problems erkannt und 2018 als erste weltweit ein Ministerium für den Kampf gegen die Einsamkeit eingerichtet. Man hat eine „Einsamkeitsstrategie“ formuliert, ein Budget von rund zwölf Millionen Pfund zur Verfügung gestellt und eine Ministerstelle geschaffen, die ressortübergreifendes Arbeiten koordinieren soll.

Die jetzige Amtsinhaberin Baronesse Diana Barran stellte soeben einen neuen Zwei-Millionen-Pfund-Fonds vor, der Hilfsorganisationen finanziell unterstützen soll, Leute zusammenzubringen und soziale Verbindungen zu schaffen, denn, so unterstreicht Barran, „Einsamkeit ist einer der größten Herausforderungen für die Volksgesundheit, denen sich unser Land gegenübersieht.“

Wie wird geholfen? Das Einsamkeitsministerium unterstützt 126 Projekte, die dem Alleinsein auf ganz unterschiedliche Weise zu Leibe rücken. Wander-Gruppen und Gemeinde-Chöre werden subventioniert, Stadtteilzentren und Beratungsstellen bekommen Zuschüsse, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Eine Initiative nennt sich der „Rural Coffee Caravan“: ein Wohnwagen-Café, das durch 70 Dörfer in der Grafschaft Sussex tourt und ambulante Kaffee-Treffs anbietet. Gerade auf dem Land, wo Pubs schließen und Buslinien eingestellt werden, ist der Zuspruch groß, wenn der Cappuccino zum Kunden kommt. Ein anderes Projekt ist „Happy to Chat“, wo Parkbänke zu Orten erklärt werden, an denen die Leute zu Plauderei und Schwatz aufgerufen sind.

Die Regierung hat jetzt Allgemeinärzten ermöglicht, Gesellschaft auf Rezept zu verschreiben. Das „Social Prescribing“ ist seit Mitte 2019 eine offizielle Behandlungsmöglichkeit im britischen Gesundheitssystem. Die soziale Medikation bringt Patienten mit Helfern zusammen, die bei sozialen Problemen assistieren oder Aktivitäten organisieren. In den Arztpraxen wurden Stellen geschaffen für „Link Worker“, die soziale Angebote vermitteln können. Und die natürlich viele gute Ratschläge für vereinsamte Menschen parat haben.

Ciryl Aggett hat ein Mittel für sich selbst herausgefunden: Er bekämpft die Einsamkeit durch Musik. Er hat sich eine neue Stereoanlage gekauft, die auch seine alten Schallplatten spielen kann. Von der Tonkunst der 20er bis zu den 70er Jahren ist alles dabei. „Wenn es mir zu viel wird“, sagt Aggett, „lege ich meine Platten auf und genieße das. Es ist genau die Musik, die ich mag, nicht das moderne Zeug.“