"Wenn Rettung benötigt wird, hat jeder einzelne die Verpflichtung zu helfen"

Carola Rackete im Porträt : „Wenn Rettung benötigt wird, hat jeder einzelne die Verpflichtung zu helfen“

Um aus Seenot gerettete Menschen in Sicherheit zu bringen, legt sie sich mit der italienischen Regierung an - und riskiert eine lange Gefängnisstrafe: Die 31-jährige Kapitänin Carola Rackete aus Kiel.

Sie hat sich mit dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3" trotz des strikten Verbots aus Rom den Weg in den Hafen von Lampedusa erkämpft - in der Nacht zum Samstag wurde sie deshalb festgenommen. Jetzt droht ihr eine lange Haftstrafe.

Rackete hat auf See schon einige Erfahrung. Nach meereskundlichen und umweltwissenschaftlichen Studien in Deutschland und Großbritannien war sie zu Polar-Expeditionen in der Arktis und der Antarktis unterwegs. Sie findet diese Kältezonen „schön und sehr inspirierend“, zugleich nimmt sie von den Polarreisen die „traurige“ Erkenntnis mit, "was Menschen dem Planeten antun".

Doch nach Racketes Überzeugung tun die Menschen nicht nur ihrem Planeten viel an, sie fügen sich auch „gegenseitig Schaden zu“. Die europäische Bevölkerung schaue dabei zu, wie ihre Regierungen im Mittelmeer eine Bastion gegen Flüchtlinge errichteten.

Für die Unzufriedenheit in Italien über den Umgang mit der Flüchtlingsproblematik hat Rackete Verständnis. Es gebe in der EU „eine Ungerechtigkeit“, weil es Italien überlassen worden sei, mit den Flüchtlingen zurechtzukommen. Eine „viel größere Ungerechtigkeit“ bestehe aber zwischen der Nord- und der Südhalbkugel der Erde.

Auf ihrer bislang letzten Mission nahm die „Sea-Watch 3“ am 12. Juni vor der Küste Libyens 53 Flüchtlinge an Bord. 13 von ihnen, darunter Frauen, Kranke und Kinder, durften zwischenzeitlich nach Italien gebracht werden. Mit 40 weiteren Migranten an Bord harrte das Schiff bis zuletzt vor Lampedusa aus - in der Nacht zum Samstag dann verlor Rackete die Geduld.

Nach langem Warten auf eine Lösung, „die sich leider nicht abzeichnet, habe ich mich jetzt entschlossen, selbständig im Hafen anzulegen“, sagte die 31-Jährige in einem Video der Hilfsorganisation Sea-Watch.

Nach Angaben der italienischen Polizei steuerte Rackete das Schiff ohne Rücksicht an einem Polizei-Schnellboot vorbei, das versuchte, der „Sea-Watch 3“ den Weg zu versperren. Im Hafen von Lampedusa wurde Rackete dann von Polizisten vom Schiff abgeführt. Italienischen Medienberichten zufolge drohen ihr bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Der Hardliner Matteo Salvini, Innenminister der rechtsradikalen Lega, sieht sich in dem Kräfemessen als Sieger: „Mission erfüllt“, schrieb der Minister bei Twitter. „Verbrecherische Kapitänin festgenommen, Piratenschiff beschlagnahmt, Höchststrafe für die ausländische Nichtregierungsorganisation.“

Die Besatzung der „Sea-Watch 3“ arbeitet ehrenamtlich, bis auf Kapitänin Rackete und den ersten Maschinisten, die bezahlt werden. Im Sommer 2016 übernahm Rackete ihre erste Mission für die Hilfsorganisation mit Sitz in Deutschland. Damals ergänzten sich zivile Seenotretter und eine Flottille von europäischen Militärbooten dabei, die Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu bergen. Inzwischen wurde die staatliche Seenotrettung zurückgefahren, geblieben sind private Hilfseinsätze.

Auf Seenotrettung besteht nach Racketes Meinung ein unumstößliches Recht. „Es spielt keine Rolle, wie jemand in Not gerät - da können auch Feuerwehren und Krankenhäuser nicht nach fragen“, sagt Rackete. Ebenso sei es auf hoher See: „Wenn Rettung benötigt wird, hat jeder einzelne die Verpflichtung zu helfen.“ Mit dem Regierungsantritt von Salvinis Rechtspopulisten im Juni 2018 habe Italien seine Verpflichtungen über Bord geworfen, befindet Rackete.

Salvinis Regierung wiederum droht Kapitänen, Eignern und Betreibern von Flüchtlingsschiffen mit bis zu 50.000 Euro Strafe sowie juristischer Verfolgung wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung und mit Beschlagnahme der Schiffe, wenn für die Einfahrt in die italienischen Hoheitsgewässer keine Genehmigung vorliegt. In Rackete sieht er eine „Nervensäge“, die "auf dem Rücken von Einwanderern" einen politischen Kampf führt.

„Wenn mich jemand anklagt, bin ich bereit ins Gefängnis zu gehen“, sagte Rackete vor ihrer Festnahme trotzig.

(zim/AFP)