Fall Julia Timoschenko in der Ukraine: Wenig Mitleid mit der Gasprinzessin

Fall Julia Timoschenko in der Ukraine : Wenig Mitleid mit der Gasprinzessin

Die Familie der Politikerin richtet dramatische Appelle an das Ausland. Prominente Politiker kündigen an, die EM-Spiele in der Ukraine zu boykottieren. Die Menschen in der Ukraine reagieren weitgehend zurückhaltend. Die "Gasprinzessin" sitzt wahrscheinlich nicht zu Unrecht im Gefängnis, glauben viele Bürger.

Der geflochtene blonde Heiligenschein der Julia Timoschenko täuscht nur noch wenige Menschen in der Ukraine darüber hinweg, dass die einstige Heldin der Orangenen Revolution auch eine Sünderin ist. Ihr sagenhafter Aufstieg im Gasgeschäft in den 1990er Jahren kam nicht legal zustande, und in ihrer nachfolgenden Karriere als Politikerin hat sie sich auch nicht immer als lupenreine Demokratin erwiesen.

Gefängnis — Regierung — Gefängnis

Julia Timoschenko galt lange Jahre als eine der schillerndsten Politfiguren Europas. Die gelernte Wirtschaftswissenschaftlerin aus der Industriestadt Djnepropetrowsk, die zahlreiche Vertreter der ukrainischen Elite hervorbrachte, hat in den wirren Jahren des Neubeginns nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine atemberaubende Karriere hinter sich gebracht: von der Spitze eines mächtigen Gaskonzerns ins Gefängnis, von der Regierung in die Opposition — und nun wieder ins Gefängnis.

Rückblick: Von 1995 bis 1997 leitete Timoschenko die "Vereinten Energiesysteme der Ukraine", bei denen auch ihr Mann und ihr Schwiegervater beschäftigt waren. Das trug der jungen und erfolgreichen Managerin bei ihren Landsleuten den Spitznamen "Gasprinzessin" ein. Ihre politische Karriere begann im März 1998 mit ihrer Wahl zur Parlamentsabgeordneten.

Fotos für Glamour-Zeitschrift "Elle"

Von Dezember 1999 bis Januar 2001 war Timoschenko stellvertretende Ministerpräsidentin in der zunächst reformorientierten Regierung von Viktor Janukowitsch. Ihre Aufgabe sollte es sein, den korrupten Energiesektor des Landes zu reformieren. Sie arbeitete viel und schlief angeblich im Büro — fand aber auch Zeit, für das Titelbild der Glamour-Zeitschrift "Elle" zu posieren.

Das politische Ansehen Timoschenkos im Inland ist nachhaltig ramponiert. Ihr ehemaliger Mitstreiter, Ex-Ministerpräsident Viktor Juschtschenko, spricht nur noch sehr ungern über die ehemalige Ikone der Orangenen Revolution. "Sie war der größte Fehler meines Lebens", sagt der von einem Giftanschlag schwer gezeichnete Politiker. Selbst zum Schauprozess gegen Timoschenko will sich Juschtschenko nicht öffentlich äußern. Timoschenko habe nationale Interessen verraten, sagt er. Sonst nichts.

"Nicht ganz ohne Grund"

Das Interesse am Fall Timoschenko in der Ukraine ist offensichtlich geringer als im Ausland angenommen. Zwar legten am 1. Mai einige Getreue Blumen vor dem Gefängnis in Charkow nieder. Sonst war es ein normaler Feiertag in Stadt. Am Maifeiertag bummelten sie durch die Stadt, vorbei an grünen Linden und blühenden Kastanien. Zur 1.Mai-Demonstration erschienen etwa tausend meist ältere Bürger. Sie schwenken rote Fahnen und Lenin-Porträts, ein Militärorchester spielt Marschmusik. "Naja, ich denke, dass Timoschenko nicht ganz ohne Grund im Gefängnis sitzt", sagt ein Rentner mit Schirmmütze.

Ein großer Teil der rund 45 Millionen Ukrainer lebt in großer Armut. Das Vertrauen in die politische Elite ist weitgehend zerstört. Regierungen stehen unter dem Generalverdacht der Korruption. Timoschenkos Blessuren beeindrucken wenige Ukrainer. Die Lage in den Staatsgefängnissen ist generell katastrophal. Gefährliche Krankheiten wie Tuberkulose greifen um sich. Timoschenkos Hungerstreik ist vielen nicht mehr als ein Achselzucken wert — in den Zuchthäusern des Landes gibt es schlimmere Schicksale als das der Gasprinzessin, glauben sie.

Mann lebt im Exil

Dramatische Aufrufe des Timoschenko-Clans scheinen derzeit wenig zu bewirken: Timoschenkos Mann appellierte jetzt in einem offenen Brief an seine Frau, den Hungerstreik abzubrechen. "Ich wende mich an meine Frau und die Mutter unserer Tochter mit der Bitte, den Hungerstreik zu beenden", schrieb er auf Julia Timoschenkos Webseite.

Aleksandr Timoschenko lebt mittlerweile im politischen Asyl in Tschechien. Mitte der 1990er Jahre saß er selbst in Haft. Der Tod seiner Frau würde nur einem Menschen nützen: "Dem gegenwärtigen Präsidenten Janukowitsch, der ihre physische Vernichtung will und weiter Folter und Erniedrigung gegen sie anwendet."

Deutschland macht weiter Druck

Das Ausland versucht den Druck auf die Regierung in Kiew weiter aufrecht zu erhalten. Außenminister Guido Westerwelle droht der Regierung mit Konsequenzen für den geplanten EU-Beitritt. "Die ukrainische Regierung muss wissen: Der Weg nach Europa führt über eine Brücke, die auf zwei Pfeilern steht: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit", sagte Westerwelle der "Bild"-Zeitung.

Als Mitglied des Europarates müsse die Ukraine ihrer Verpflichtung zu menschenrechtlichen Mindeststandards nachkommen. Er sei in großer Sorge um die Gesundheit Timoschenkos. Er biete der Ukraine daher an, die inhaftierte Politikerin in einem deutschen Krankenhaus behandeln zu lassen, in dem eine gute Betreuung garantiert sei.

Dass dieses Angebot in Kiev auf fruchtbaren Boden fällt, erscheint heute als unwahrscheinlich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Julia Timoschenko und ihre Verletzungen

(csi)
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