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Was Staaten im internationalen Vergleich erfolgreich macht

Internationaler Vergleich : Darum sind einige Staaten erfolgreicher als andere

Viele Faktoren entscheiden darüber, wie mächtig ein Land ist und wie gut es im internationalen Wettbewerb abschneidet. Die Maßstäbe dafür haben sich verschoben. Größe allein ist jedenfalls kein Erfolgsrezept mehr.

Erfolgreiche Staaten sind mächtige Staaten, und dies waren in der Vergangenheit vor allem Länder, die sich mit überlegener Militärtechnik und der nötigen Skrupellosigkeit gegenüber ihren Nachbarn durchgesetzt haben: Eroberung, Beute, Ruhm - darum ging es. Eine klare Sache. Heute werden dagegen vor allem die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, die Innovationskraft und die Bildungskompetenz eines Landes als Erfolgsfaktoren bewertet. Neuerdings setzen Wissenschaftler sogar blumige Faktoren wie Glück und Wohlbefinden in Gleichungen ein, die abbilden sollen, ob ein Staat reüssiert.

Ganz ausgedient haben militärische Argumente deswegen aber noch lange nicht. Den jüngsten Beweis dafür lieferte Russlands Präsident Wladimir Putin, der Teile der benachbarten Ukraine annektieren ließ. Der unverfrorene Landraub mag in den Augen patriotisch gesinnter Russen den Umstand kompensieren, dass ihr Land ökonomisch auf dem absteigenden Ast ist. Denn es sind heute die volkswirtschaftlichen Makrodaten, die über die Platzierung in der Rangliste der Nationen entscheiden.

In Ranglisten liegen kleinere Länder vorn

Die vielleicht bekannteste davon liefert der jährlich vom Weltwirtschaftsforum erstellte "Global Competitiveness Report", der die Wachstumschancen von 144 Ländern bewertet. Dort rangiert Russland derzeit nur auf Platz 38 hinter Nationen wie Estland oder Aserbaidschan. Auf den vordersten Plätzen liegen die Schweiz, Singapur, die USA, die Niederlande, Deutschland, Hongkong und Schweden. Mit Ausnahme der Vereinigten Staaten also vor allem kleinere bis mittelgroße Länder.

Aber auch beim "Human Development Index" ("Index der menschlichen Entwicklung") der Uno, der individuelle Faktoren wie Bildung, Gesundheit und Pro-Kopf-Einkommen stärker gewichtet, sind kleine Nationen wie Norwegen und die Schweiz seit Jahren auf die Spitzenplätze abonniert. Ist also nicht Größe, sondern im Gegenteil Kleinheit förderlich für den Erfolg von Staaten? Es spricht jedenfalls einiges dafür, dass die Entwicklung der letzten Jahrzehnte kleineren Staaten handfeste Vorteile verschafft hat.

So hat die Globalisierung die Entfernungen aus ökonomischer Sicht drastisch schrumpfen lassen. Zugleich wurden weltweit Handelshemmnisse abgebaut, in Europa entstand ein gewaltiger Binnenmarkt, und über das Internet können nun nicht nur Waren, sondern auch Dienstleistungen von jedem Standort der Welt angeboten werden. Waren kleine Binnenmärkte früher von Nachteil, hängt wirtschaftlicher Erfolg künftig nicht mehr von nationaler Größe ab. Sondern von Anpassungsfähigkeit und Beweglichkeit. In dieser Disziplin tun sich kleine Staaten leichter als große.

Kleine Länder haben bewiesen, dass sie meist rascher als ihre großen Nachbarn auf politische, wirtschaftliche und technologische Veränderungen reagieren können. Zum einen, weil es in kleinen Gesellschaften tendenziell leichter fällt, sich auf gemeinsame Ziele zu verständigen. Zum anderen, weil ein Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung leichter zu organisieren ist. Kleine Länder wie etwa Dänemark oder Neuseeland haben prompt sehr viel schneller mit politischen Reformen auf die Globalisierung reagiert als etwa Frankreich oder Italien. Andererseits zeigen Beispiele wie Großbritannien, Deutschland oder der USA, dass auch größere bis sehr große Nationen durchaus in der Lage sind, einen Kurswechsel vorzunehmen. Die Größe von Staaten entscheidet also nicht allein über Erfolg oder Scheitern.

Auch die Politik setzt wichtige Rahmenbedingungen, und sie kann auch bestimmte Wettbewerbsnachteile eines Staates kompensieren. In Deutschland spielt in dieser Hinsicht der häufig kritisierte Föderalismus eine bedeutende Rolle. Die deutsche Kleinstaaterei hat nämlich neben ihren unbestreitbar negativen auch ihre positiven Seiten. Sie zerlegt die Bundesrepublik in kleinere Einheiten, unter denen ein gewisser Wettbewerb herrscht und die dezentrale Lösungen ebenso schnell umsetzen können wie kleine Nationalstaaten. Offiziell wird das zwar nicht gerne gesehen, denn Auftrag jeder Bundesregierung ist es, möglichst gleichartige Lebensbedingungen in ganz Deutschland anzustreben. Aber im weltweiten Vergleich macht eine gewisse Dosis Wettbewerbsföderalismus durchaus Sinn. In noch viel stärkerem Maß gilt das für die USA, die in mancher Hinsicht eher organisiert sind wie ein Staatenbund und nicht wie ein Bundesstaat.

Wie wichtig sind die Staaten selbst überhaupt noch?

Es sind auch Antworten auf die langwierigen Entscheidungsprozesse in parlamentarischen Demokratien, die sichtlich Mühe haben, auf neue Herausforderungen geschmeidig zu reagieren. Die drastischen Veränderungen durch die Globalisierung haben bereits eine Debatte darüber angestoßen, ob die Zukunft nicht eher den straff geführten Autokratien gehört, die solche Anpassungen mit brachialer Gewalt einfach von oben anordnen. Die Rede ist vom "chinesischen Modell". Andererseits mehren sich die Anzeichen, dass die totale Kontrolle über das Land und seine Bevölkerung, nach der Chinas Führung strebt, dem Erfolg auch sehr schaden kann. Denn ein solches System hemmt kreative Kräfte und erstickt Unternehmertum.

Am Ende bleibt die Frage, wie wichtig die Staaten selbst überhaupt sind. In einer jüngst veröffentlichten Studie des National Intelligence Council, einer Denkfabrik der amerikanischen Geheimdienste, diskutieren die Autoren verschiedene Szenarien, nach denen sich die Weltordnung in den kommenden Jahren entwickeln könnte. Eines geht davon aus, dass die Bedeutung der Staaten angesichts der zu erwartenden rasanten technologischen Entwicklung dramatisch abnimmt. Die Folge: Unternehmen und andere nichtstaatliche Organisation würden dann eine größere Rolle bei der Gestaltung der Welt spielen als die heute führenden Nationen.

(bee)