Warum die Wahl in Indien so bedeutend ist

900 Millionen Inder wählen : Die größte Wahl aller Zeiten

In Indien starten die Parlamentswahlen mit insgesamt 900 Millionen Wahlberechtigten. So ist die Stimmungslage an den Wahllokalen vor Ort.

Ein Mann zieht eine kleine Flagge aus der Hosentasche. Auf ihr ist ein weißer Lotus auf orangem Grund zu sehen. Um den Mann wuseln zahlreiche Menschen durch die enge Gasse von Meerut, einer Kleinstadt zwei Stunden entfernt von Neu Delhi in Indien. Einige hupen sich mit Motorrollern den Weg frei. Sie alle sind auf dem Weg zum Wahllokal. Plötzlich hebt der Mann die Flagge in die Höhe und schreit: „Modi überall, Modi in allen Häusern!“ Die Menge stimmt mit ein. Sie alle feiern den Auftakt der diesjährigen Parlamentswahlen im Bundesstaat Uttar Pradesh. Dieser gilt mit rund 200 Millionen Einwohnern als Richtungsweiser für den Ausgang der Wahl.

Landesweit haben insgesamt 900 Millionen Inder in den kommenden Wochen die Möglichkeit, ihre Stimme abzugeben. Umfragen zufolge hat der derzeitige Präsident Narendra Modi - trotz voraussichtlichen Stimmverlusten - gute Chancen auf eine Wiederwahl. Besonders in Meerut hat er eine große Anhängerschaft. Aus den Fenstern der Gasse, die zum Wahlbüro führt, hängen zahlreiche Lotus-Flaggen. Es ist das Symbol der hinduistisch nationalistischen Partei BJP von Präsident Modi und für jeden im Land ein eindeutiges Kennzeichen - lag doch 2015 die Alphabetisierungsqoute lediglich bei rund 70 Prozent.

Auch an Shivanks Haus, das unmittelbar neben dem Wahlbüro steht, ist mit dem Blütensymbol geschmückt. „Ich denke, dass Modi ein starker und durchsetzungsfähiger Präsident ist“, sagt der 19-jährige Schüler. Bei den Parlamentswahlen vor fünf Jahren hatte Modis Partei zum ersten Mal die absolute Mehrheit der Mandate erhalten und die Wähler unter anderem mit dem Versprechen nach wirtschaftlichem Wachstum und mehr Arbeitsplätzen überzeugt.

Shivank (19) ist Schüler und lebt unmittelbar neben dem Wahllokal in Meerut. Er und seine Familie haben ihr Haus mit Lotusflaggen der BJP von Präsident Modi geschmückt. Foto: Marie Ludwig

Trotzdem leiden viele Menschen im Land immer noch unter gravierender Arbeitslosigkeit. Obwohl die Regierung aktuelle Zahlen aus einem Arbeitslosenbericht zunächst zurückhalten wollte, veröffentlichte die indische Zeitung Business Standard folgende Zahlen: Lag die Arbeitslosenquote 2012 noch bei 2,2 Prozent, so ist die bis Juni 2018 auf 6,1 Prozent angestiegen. Die Quote erreichte damit den höchsten Stand seit 45 Jahren. Auch die Demonetisierung der Landeswährung im Jahr 2016 hat vor allem beim armen Teil der Bevölkerung für einen Vertrauensverlust gesorgt. Tausende konnten tagelang kein Bargeld an den Automaten abheben und auch ansässige Wirtschaftsunternehmen hatten mit den Folgen des mangelnden Geldtransfers zu kämpfen.

Tatsachen, die die meisten Bewohner der Stadt in Uttar Pradesh trotzdem nicht von einer Wiederwahl ihres derzeitigen Präsidenten abhält. Nur ein junger Mann sagt, dass er seine Meinung nicht hier in der Menge der Modi-Anhänger äußern möchte.

Der Journalist Naresh Fernandez, Chefredakteur des liberalen Onlinemagazins „scroll“ schreibt viel über den Hype um die Person Modi. Der Politiker wisse genau, wie er sich in der Öffentlichkeit am besten präsentiert. „Die Menschen vertrauen ihm auch, weil er Single ist und er nicht im Verdacht steht, das Amt an seine Kinder abzugeben“, sagt Fernandez. Modi stelle sich als Wächter der Nation und Maximierer des Wohlstandes dar und hat damit sichtlichen Erfolg.

„Modi muss gewinnen, denn er bringt uns wirtschaftlichen Wohlstand und natürlich ist es klar, dass wir viele Jobs brauchen, wenn wir viele Kinder bekommen“, sagt Poonam Jomher, die als Lehrerin arbeitet. Allein seit den letzten Parlamentswahlen sind 84 Millionen neue Wahlberechtigte hinzugekommen - eine Anzahl an Neuwählern, die über der Einwohnerzahl Deutschlands liegt. Sie appelliert, nicht alle Probleme auf die Regierung zu schieben und glaubt daran, dass vieles auf lokaler Ebene verändert werden kann.

Poonam Jomher arbeitet als Lehrerin in der Kleinstadt Meerut. Foto: Marie Ludwig

Wenige Kilometer weiter, in der ländlichen Umgebung Meeruts, wünschen sich die Menschen einen anderen Ausgang der Wahl. Es ist wesentlich ruhiger als in Meerut. Auf den Straßen ziehen Wasserbüffel Karren mit Zuckerrohr vorüber, davon leben hier die meisten. Brijpal Singh ist der Leiter der Dorfgemeinschaft und wird Modi nicht wählen. Er ist frustriert davon, dass die Bauern ihre Ware nicht rechtzeitig bezahlt bekommen und würde sich eine vor allem eine Verbesserung des Gesundheitssystems wünschen. „Modi wollte 20 Millionen Jobs schaffen, das ist nie passiert - unseren Rückhalt hat er nicht“, sagt Singh. Er wird eine Partei wählen, die besonders im Bundesstaat Uttar Pradesh Zulauf bekommt. Und ein paar Straßen weiter - in einem muslimischen Viertel - ist auch nichts von der Modi-Euphorie wie in Meerut zu spüren. Die Wähler hier sind enttäuscht von Modis Verhalten und dem der hinduistischen BJP gegenüber ihrer Religion.

Brijpal Singh (rechts), Leiter einer Dorfgemeinschaft nahe Meerut, will nicht, dass Präsident Modi wieder gewählt wird. Foto: Marie Ludwig

Insgesamt sind 1700 Parteien bei dieser Wahl vertreten. Als realistischer Gegner der BJP wird lediglich eine andere Partei genannt. Herausforderer Rahul Gandhi gehört der sozialliberalen Kongresspartei an und wirbt mit einem Grundeinkommen für die arme Bevölkerung. Würde er die Wahl gewinnen, so könnten 50 Millionen arme Familien ein Grundeinkommen von umgerechnet 900 Euro im Monat bekommen.

Wer die größte Wahl aller Zeiten gewinnen wird, kann erst nach dem 23. Mai bekannt gegeben werden. Bis dahin finden die Wahlen in sieben Phasen in insgesamt 29 Bundesstaaten statt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Parlamentswahl in Indien - eine Mammutveranstaltung

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