Wahlen in Kanada: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Justin Trudeau und konservativem Rivalen Andrew Scheer erwartet

Wahlen in Kanada : Mehrheit für Ex-Polit-Superstar Trudeau wackelt

In Kanada sind die Wahllokale geöffnet. Umfragen zufolge steht ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem amtierenden Premierminister Justin Trudeau und seinem konservativen Herausforderer Andrew Scheer bevor.

Mit der Öffnung der ersten Wahllokale im Osten des Landes hat in Kanada am Montag die Parlamentswahl begonnen. Rund 27 Millionen Wahlberechtigte sind zur Stimmabgabe aufgerufen. Eine Mehrheit im Parlament in Ottawa können jedoch voraussichtlich weder Liberale noch Konservative auf sich vereinen. Der Wahlsieger müsste dann im Parlament Unterstützer für eine Minderheitsregierung suchen.

Amtsinhaber Trudeau hat an Zustimmung verloren. Der Premier ist wegen eines Rassismus-Skandals um ein 18 Jahre altes Foto, das ihn mit dunkel geschminkter Haut und Turban zeigt, und der Entlassung der ersten indigenen Justizministerin des Landes politisch angeschlagen.

Wenige Stunden vor der Öffnung der Wahllokale hatte sich Justin Trudeau noch einmal von seiner besten Seite gezeigt. In hautengem T-Shirt, leicht verschwitzt und gut ausgeleuchtet klettert er einen Berg in Vancouver hoch. Das Video, das sein Wahlkampfteam verbreitet, könnte symbolischer kaum sein: Trudeau geht jugendlich-dynamisch voran, bergauf - und das auch noch in den dichten kanadischen Wäldern, die er doch vor dem Klimawandel schützen wolle.

Es sind perfekt inszenierte Bilder, die aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Liebe zwischen den Kanadiern und ihrem Premier erloschen ist. Und dass mit Andrew Scheer ein konservativer Herausforderer bereit steht, die bei der Wahl am Montag nach der Macht greifen will. Auch Scheer postet ein Video. Auch er läuft durch den Wald - nur langsamer, langweiliger. Der 40-Jährige ist keiner, der die Massen begeistert. Trotzdem wackelt die Mehrheit des einstigen Polit-Superstars Trudeau bedenklich.

Tatsächlich hatte Kanadas Premier - 2015 angetreten als liberaler Held, seit 2016 betitelt als „Anti-Trump“ - in den vergangenen Monaten nicht viel zu feiern. Erst wurde öffentlich, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Bestechung in Libyen unterdrücken wollte - eine Ethik-Kommission bescheinigte ihm falsches Verhalten. Im September dann tauchte ein 20 Jahre altes Bild auf, das Trudeau mit dunkel geschminktem Gesicht - verkleidet als Aladdin - auf einer Party zeigte. Er entschuldigte sich für sein „rassistisches“ Verhalten, sei schon immer „von Kostümen mehr begeistert gewesen, als es manchmal angebracht ist.“

Doch die Skandale schadeten Trudeau nicht in dem Maße, wie seine Gegner - allen voran Scheer - hofften. Die meisten Kanadier seien der Meinung, den Premier besser zu kennen, erklärt Meinungsforscher David Coletto, Chef der Firma Abacus Data in Ottawa. „Das ist 20 Jahre her und wenn Sie auf seine Karriere als Politiker schauen, sehen Sie, dass es nicht passt.“ Trudeau habe Minderheiten aktiv eingebunden.

Trotzdem sind viele ernüchtert, dass Trudeau einige seiner Versprechen - eine Wahlrechtsreform oder ein ausgeglichener Haushalt bis 2019 - nicht gehalten hat. Kritiker empfinden auch seine Klimapolitik trotz der Einführung einer CO2-Steuer als nicht weitreichend genug. Doch es gab auch Erfolge: eine bessere Unterstützung für einkommensschwache Familien, die recht reibungslose Legalisierung von Cannabis und die Rettung des zwischenzeitlich am Abgrund stehenden Handelsabkommens Nafta mit den USA und Mexiko.

Die „sonnigen Wege“ aber, mit denen Trudeau Transparenz und Ehrlichkeit versprach, lagen in den vergangenen vier Jahren zu oft im Schatten. „Ich sage immer, er ist zu einem normalen Politiker geworden“, meint Coletto. Da kommt dem Premier die Wahlempfehlung vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama sehr gelegen. Der hatte auf Twitter geschrieben, die Welt brauche Trudeaus „progressive Führung“. Tatsächlich nutze dem die prominente Unterstützung in einigen der letzten Umfragen - gibt es einen „Obama-Effekt“?

Das größte Glück für die Liberalen aber ist der farblose Andrew Scheer. Wenn man Kanadier nach ihm fragt, kommt selten Euphorie auf. Taxifahrer Mike sagt, dass Trudeau zwar ein „Idiot“ gewesen sei, als er sich angemalt habe. „Aber das ist nichts gegen die Falschheit von Herrn Scheer!“. Viele der 37 Millionen im diversen Kanada tendieren zu liberaler und linker Politik. Scheers konservative Ansichten etwa zu Abtreibung oder Schwulenehe kommen bei ihnen nicht gut an. Und es hilft scheinbar nur wenig, wenn dieser ohne Ende wiederholt, die Offenheit bestehender Gesetze nicht antasten zu wollen.

Einen ganz anderen Weg dagegen will Scheer in Sachen Klima gehen. „Die CO2-Steuer hat die Kosten auf die Dinge erhöht, die wir jeden Tag brauchen“, wetterte er. Sein Klima-Programm soll den Kanadiern nicht weh tun. Kritiker halten es für entsprechend wirkungslos. Stattdessen buhlt Scheer beim zweiten großen Wahlkampfthema - der Angst vor steigenden Preisen - um die Gunst der Wähler.

Was sich mit einer Regierung unter seiner Führung sonst ändern würde, bleibt in vielen Bereichen unklar. Wirtschaftlich trauen die Bürger den Konservativen traditionell viel zu, doch die Ökonomie boomt ohnehin. Und ob ein Premier Scheer mit US-Präsident Donald Trump besser auskommen würde? Berlin jedenfalls würde Trudeau als verlässlichen internationalen Partner wohl vermissen.

Kanada erstreckt sich über sechs Zeitzonen. Die ersten Wahllokale öffneten in den östlichen Provinzen Neufundland und Labrador. Die letzten Wähler können in der westlichen Provinz British-Columbia (bis 04 Uhr MESZ) ihre Stimme abgeben. Erste Ergebnisse sind am Montagabend (Ortszeit, Dienstag 1 Uhr MESZ) zu erwarten.

(vek/AFP)
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