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Was der "Stehende Mann" von Istanbul heute sagt: "Vor der AKP war die Türkei sozial freier"

Was der "Stehende Mann" von Istanbul heute sagt : "Vor der AKP war die Türkei sozial freier"

Er wurde zum Symbol für die Proteste in Istanbul: Erdem Gündüz, besser bekannt als der "Stehende Mann". Am Donnerstag wird der Tänzer und Fotograf mit einem Medienpreis in Potsdam geehrt. In einem Interview hat er sich nun zu seiner Aktion vom Juni geäußert.

Es war im Juni dieses Jahres, als die Proteste in Istanbul gegen die Bebauung des Gezi-Parks hochkochten und die Polizei gewaltsam den Park räumen ließ. Plötzlich stand er einfach da, mitten auf dem zentralen Taksim-Platz, Erdem Gündüz. Stundenlang starrte er auf ein Bild des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk und ließ sich auch von Polizeikontrollen nicht beirren.

Sein stummer Protest zeigte Wirkung, innerhalb weniger Stunden gesellten sich hunderte Menschen zu ihm, taten es ihm gleich. Ähnliche Protestformen kamen in den nächsten Tagen hinzu. Nun wird Erdem Gündüz für sein Engagement für freie Meinungsäußerung und Menschenrechte ausgezeichnet — mit dem undotierten Medienpreis des internationalen Potsdamer Medienforums M100. Was das für ihn bedeutet und wie er seine Aktion heute sieht, hat der Choreograf nun in einem Interview erzählt.

Gündüz: "Letztlich Gehirnwäche" mit Medien

Zum einen, so erzählt er der "Berliner Morgenpost", sei seine Aktion ein Protest gegen die türkischen Medien gewesen, die ihre Arbeit nicht objektiv tun würden. Zum anderen habe sich seine Aktion auch gegen die Brutalität der Polizei während der Proteste gerichtet.

"Und schließlich wollte ich meinen Respekt vor unserem Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk bekunden", fügt Gündüz hinzu. In der heutigen Türkei vermisse er seine Ideen und Gedanken.

Ihm habe eine Gesellschaft ohne Klassen- und sonstige Unterschiede vorgeschwebt, seiner Ansicht nach sollte die Religion vom Staat getrennt werden, er habe Frauen die gleichen Rechte gegeben. "Er wollte eine moderne Türkei schaffen, und das gelang ihm auch", so der Tänzer. Als Diktator würde er ihn nicht bezeichnen, sondern als visionären Staatsführer.

"Die AKP", so sagt er mit Blick auf die Regierungspartei, "betreibt mit ihren Medien letztlich Gehirnwäsche." Und die Türkei sei vor der AKP sozial freier, europäischer gewesen. Als Beispiel nennt der Künstler die Frauenrechte. "Die AKP übt starken moralischen Druck auf Frauen aus, will ihnen vorschreiben, wie viele Kinder sie haben sollen."

Gündüz berichtet von über ihn verbreitete Lügen

Gündüz bericht in dem Interview mit der Zeitung auch, dass über die sozialen Medien, in manchen Zeitungen und auch im Staatssender TRT kurz nach der Aktion Lügen über ihn verbreitet worden seien, etwa dass er ein CIA-Agent sei. "Nichts davon stimmte."

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Doch viel wichtiger sei ihm auch gewesen, dass die ausländischen Medien über die Wahrheit berichtet hätten. Denn sie hätten über das berichtet, was die türkischen Medien nicht gebracht hätten. "Das hat viel ausgemacht", sagt er.

Dass die Verleihung des Medienpreises an ihn in der Türkei wahrgenommen wird, glaubt er nicht, wie er der Zeitung sagt. Aber ihm liege sehr viel daran: "Ich hoffe, dass dadurch mein Anliegen Gehör findet."

Hier geht es zur Bilderstrecke: #duranadam: Einsamer Protest auf dem Taksim-Platz

(das)