Angeblicher Giftgaseinsatz mit 1300 Toten USA gegen Debatte über "rote Linie" in Syrien

New York · Die US-Regierung strebt nach den neuerlichen Vorwürfen zu einem Giftgaseinsatz durch die syrische Armee keine neue Debatte über eine "rote Linie" für ein Eingreifen in den Konflikt an. Der UN-Sicherheitsrat verlangt Aufklärung über den möglichen Einsatz von Chemiewaffen im dortigen Bürgerkrieg.

"Wir brauchen Klarheit über das, was sich zugetragen hat, und müssen die Lage weiter genau beobachten", sagte die Präsidentin des Gremiums, Argentiniens UN-Botschafterin María Cristina Perceval, nach einer Sondersitzung am Mittwoch (Ortszeit) in New York. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich besorgt über die Berichte.

Syriens Opposition beschuldigt die Regierungstruppen, bei einem Großangriff mit Chemiewaffen nahe der Hauptstadt Damaskus ein Massaker mit 1300 Toten verübt zu haben. Die Armee wies dies zurück. "Sollten sich die Angaben bewahrheiten, so ist dies ein entsetzliches Verbrechen", sagte Merkel nach Angaben der "Stuttgarter Zeitung" am Mittwoch bei einer Diskussionsveranstaltung des Blattes.

Großbritanniens Außenminister William Hague sagte am Abend in Paris, er hoffe, die mutmaßliche Attacke führe den Unterstützern des syrischen Machthaber Baschar al-Assad dessen "mörderische und barbarische" Art der Herrschaft vor Augen.

Die 15 Mitgliedsländer des UN-Sicherheitsrats äußerten "starke Bedenken" wegen der Berichte über den mutmaßlichen Chemiewaffen-Angriff. Syriens Verbündete Russland und China verhinderten nach Diplomatenangaben eine förmliche Erklärung des Sicherheitsrats zu dem Thema. Daher habe sich das Gremium lediglich auf einzelne Formulierungen für die Öffentlichkeit einigen können.

"Völlig falsch"

Mehrere europäische Länder und die USA forderten ein Einschalten der UN-Experten, die derzeit in Syrien früheren Berichten über Chemiewaffeneinsätze nachgehen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte, über eine Untersuchung am Ort des von der Opposition vermeldeten Giftgaseinsatzes der Armee werde mit Assad verhandelt.

Syriens amtliche Nachrichtenagentur Sana wies die Vorwürfe allerdings als "völlig falsch" zurück. Dies sei vielmehr ein Versuch, die derzeit in Syrien tätigen UN-Chemiewaffenexperten von der Erfüllung ihrer Aufgabe abzuhalten.

Nach Angaben der syrischen Opposition ereignete sich der Chemiewaffen-Angriff der Armee in der Region Ghuta, wo sich viele Rebellen aufhalten. In Videos, deren Echtheit nicht überprüft werden konnte, waren dutzende Leichen zu sehen und Kinder in Atemnot, die in einem Krankenhaus mit Sauerstoff behandelt wurden. Aktivisten zufolge waren die örtlichen Krankenhäuser hoffnungslos überfüllt.

Experten schätzten die Beweiskraft der Videos zurückhaltend ein. Sie sei nicht vollkommen überzeugt, da die Helfer keine Schutzkleidung und Gasmasken trügen, sagte Paula Vanninen vom Finnischen Institut für die Überprüfung der Chemiewaffenkonvention. "In einem echten Fall wären auch sie vergiftet und würden Symptome zeigen."

US-Präsident Barack Obama hatte den Einsatz von Giftgas vor rund einem Jahr als "rote Linie" für ein mögliches militärisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg bezeichnet. Die US-Regierung lehnte eine neue Debatte hierüber angesichts der nun bekannt gewordenen Vorwürfe jedoch ab. "Ich spreche nicht über rote Linien, ich ziehe keine roten Linien", sagte Außenamtssprecherin Jennifer Psaki in Washington.

(AFP)
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