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Wie Angelika Kausche aus NRW in den USA zur Politkerin wurde

Deutsche US-Politikerin : „Ich wollte mich nicht nur über Trump aufregen, sondern etwas tun“

In Georgia entscheidet sich am Dienstag, wer künftig den Senat in Washington beherrscht. Mittendrin: Die Abgeordnete Angelika Kausche (58) aus NRW. Wie wurde sie von der Bankerin zur Politikerin in den USA?

Zwei, drei, höchstens vier Jahre wollten Angelika Kausche und ihr Mann bleiben, als sie 1997 mit zwei kleinen Töchtern in die USA gingen. Fabian Kausche, in der veterinärmedizinischen Forschung beschäftigt, hatte ein Angebot bekommen, in Kalamazoo, einer 75.000-Einwohner-Stadt in Michigan. Statt der Rückkehr nach Europa folgte nach einer Weile wegen eines Jobwechsels der Umzug in den amerikanischen Süden, nach Greensboro in North Carolina. 2015 ging es schließlich nach Johns Creek, in den Speckgürtel um die Metropole Atlanta, wo Angelika Kausches politische Karriere begann.

Geboren wurde die heute 58-Jährige in Wuppertal, aufgewachsen ist sie in Krefeld, Marburg und Bocholt. An der Universität Trier studierte sie Betriebswirtschaftslehre, danach arbeitete sie bei Banken in München und Hannover. Weil sie in Michigan mangels Arbeitserlaubnis zunächst keinem Beruf nachgehen konnte, studierte sie ein zweites Mal, diesmal Kommunikationswissenschaft, bevor sie – nunmehr mit Arbeitserlaubnis – als Dozentin unterrichtete. Dass sie später in Johns Creek für einen Sitz im Abgeordnetenhaus Georgias kandidierte, hatte mit Donald Trump zu tun. Aber nicht nur.

Zunächst war da ein lokales Projekt. Direkt neben ihrem Wohnviertel sollte auf einer Wiese ein großes Sportzentrum gebaut werden, was ein Ende der Ruhe und intensiven Busverkehr bedeutet hätte. „Ich bin mit Nachbarn zum Gemeinderat gegangen, das war der Anfang“, erzählt Kausche. Dann wurde Trump zum Präsidenten gewählt, und am 21. Januar 2017, einen Tag nach seiner Vereidigung, signalisierten Millionen von Menschen beim Women’s March, dass es immer noch das andere Amerika gab. Auch in Atlanta übertraf die Teilnehmerzahl alle Erwartungen.

„Mit Trumps Wahlsieg ging es in eine Richtung, die mir nicht gefiel“, blendet Kausche zurück. „Ich habe gesagt, okay, ich kann es dabei belassen, mich darüber aufzuregen. Oder aber ich tue etwas.“

Tom Price, der Republikaner, der ihren Wahlkreis im Repräsentantenhaus in Washington vertrat, wurde Gesundheitsminister, sodass sein Sitz neu vergeben werden musste. So kam es, dass Kausche, inzwischen amerikanische Staatsbürgerin, Wahlkampf machte. Sie legte sich für den Demokraten Jon Ossoff ins Zeug, einen jungen Dokumentarfilmer, der im Duell gegen seine konservative Rivalin zwar den Kürzeren zog, aber als aufstrebender Hoffnungsträger so viele Punkte sammeln konnte, dass er sich 2020 für einen Sitz im US-Senat bewarb. Durch Ossoffs Kampagne, durch das Klingeln an unzähligen Türen, sagt Kausche, sei sie quasi in die Politik gestolpert.

Vor den Kongresswahlen 2018 gehörte zu denen, die in ihrem Wahlkreis alte Denkmuster infrage stellten. „Bis dahin hieß es immer, die Gegend sei konservativ, die Demokraten haben hier sowieso keine Chance.“ Kausche sah das anders und beschloss, ihren Hut in den Ring zu werfen: „Irgendwann habe ich gesagt, wenn kein anderer das macht, mache ich es“.

Sie gewann mit 317 Stimmen Vorsprung und zog ins Lokalparlament Georgias ein. In ein Parlament, das in normalen Jahren, jenseits der Pandemie, nur von Januar bis Anfang April tagt, damit die Volksvertreter anschließend ihren normalen Berufen nachgehen können. Im November wurde sie wiedergewählt, diesmal mit über tausend Stimmen Vorsprung.

Wobei sie, die aus Deutschland Eingewanderte, vom demografischen Wandel in Johns Creek profitierte, einer Stadt, deren Bevölkerung mittlerweile fast zur Hälfte aus Einwanderern besteht.

„Die Leute kommen aus Indien, aus China, aus Südkorea, es gibt Russen, Franzosen, Deutsche. Man geht in den Supermarkt und hört zwanzig verschiedene Sprachen“, schildert Angelika Kausche ihr Umfeld. Insofern sei ihre Biografie vielleicht eher ein Vorteil gewesen. Migranten hätten sich mit ihr identifizieren können, und ihr Ziel sei es gewesen, Migranten zu mobilisieren - auch mit Hilfe ihrer Wahlkampfmanagerin, einer jungen Frau, deren Familie aus Indien stammt.

Gerade als Neu-Amerikanerin habe sie erklären können, wie amerikanische Politik funktioniere. „Hier wird ja ständig irgendwer gewählt, sei es der Manager für Wasserschutz, sei es die Schulaufsicht. Für jemanden, der aus einem anderen System kommt, ist das wahnsinnig schwer zu verstehen.“