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US-Wahlkrimi - Ein Präsident mauert sich ein

US-Wahlkrimi : Ein Präsident mauert sich ein

Donald Trump verbiegt im Weißen Haus die Wahrheit, während draußen seine Gegner ausharren. Eindrücke aus der US-Hauptstadt während entscheidender Stunden.

Bedenkt man, was für Zitterstunden Amerika gerade durchmacht, da die letzten Briefwahlstimmen ausgezählt werden, geht es am Gitter vorm Lafayette Park erstaunlich entspannt zu. Aus einem Lautsprecher dröhnt Bob Marley. 60, höchstens 70 Menschen haben sich am Rand des Parks versammelt. Einige tanzen, die Stimmung lässt eher an ein Reggae-Festival als an eine Nervenschlacht denken. Keine Spur von den zornigen Aktivisten, von denen der Präsident so oft spricht.

Es gab Zeiten, da konnte man durch den Lafayette Park zum Weißen Haus laufen, ohne dass einem irgendein Hindernis den Weg versperrt hätte. Seit ein weißer Polizist den Schwarzen George Floyd tötete und eine Protestwelle durchs Land rollte, ist das vorbei. Vor der Wahl sind ein paar Zäune und Betonbarrieren hinzugekommen, sodass das Weiße Haus nun erst recht an eine Festung erinnert, deren Bewohner mit einer Belagerung rechnen.

Ein Präsident, der sich einmauert – das Bild passt. Am Donnerstagabend Ortszeit konnte man einmal mehr erleben, wie Donald Trump die Wahrheit verbiegt. Da begab er sich zum ersten Mal seit der Wahlnacht in den Presseraum des Weißen Hauses, wo er einen Monolog hielt, ohne Journalisten Fragen stellen zu lassen. „Wenn Sie die legalen Stimmen zählen, gewinne ich mit Leichtigkeit. Wenn Sie die illegalen Stimmen zählen, können sie versuchen, uns die Wahl zu stehlen.“

Draußen am Gitterzaun hat Abigail Corley live via Smartphone zugeschaut. Die Jurastudentin aus Atlanta macht schon mit dem Biden-Porträt auf ihrem T-Shirt deutlich, wo sie steht. Die amerikanische Demokratie, sagt Corley, sei zu stark, als dass sich ein Egozentriker über alle Regeln hinwegsetzen könne. „Trump wird die Auszählung nicht stoppen. Das sind alles nur Worte. Er ist einfach wütend.“ Was der Mann unter illegalen Stimmen verstehe, schiebt sie hinterher, das könne sie ganz einfach erklären: „Es sind die Stimmen, die ihm nicht passen.“ Scheinheiligkeit sei schon immer Trumps Masche gewesen, wirft Mark Holman ein, ein Mittvierziger aus West Virginia. „Aber jetzt faselt er nur noch dummes Zeug.“ So wie Holman das sagt, ganz ruhig, klingt es mehr nach Mitleid als nach Protest.

George Conway sieht es genauso, man kann es in einem Gastbeitrag für die „Washington Post“ nachlesen. Nur dass Conway ein Spitzenanwalt ist. Am Ende erreiche der Präsident, wenn er von Betrug spreche und dabei geradezu verwirrt wirke, nur eines, schreibt er: „Er wird seine letzte und beste Chance verpasst haben zu zeigen, dass er in der Lage ist, die Wahrheit zuzugeben.“ ­George Conway ist mit Kellyanne Conway verheiratet, einer schlagfertigen Frau, die von 2017 bis kurz vor der Wahl so etwas wie die Spin-Doktorin des Weißen Hauses war, stets bereit, den Präsidenten zu verteidigen. Er ist Republikaner, er berät das Lincoln Project, eine Initiative ehemaliger republikanischer Wahlkampfstrategen, die beißend ironische Werbespots produzierten, um vor der Wiederwahl Trumps zu warnen. Dass sich der Protest in den Reihen der Konservativen nicht auf das Projekt beschränkt, erkennt man schon an dem offenen Brief, den 19 Staatsanwälte des amerikanischen Bundes unterzeichnet haben.

Sie alle haben unter republikanischen Präsidenten gedient. Sie sähen sich gezwungen, ihre Meinung zu sagen, beginnen sie. Was Trump über Wahlbetrug in die Welt setze, sei unbegründet und verantwortungslos. Haltlose Anschuldigungen sowie das Drohen mit Klagen, um die Auszählung zu stoppen, hätten das Potenzial, den Rechtsstaat zu untergraben. „Die Welt schaut zu, und unsere Legitimation, eine Nation des Rechts zu sein, hängt davon ab, ob wir das hier richtig machen.“

Wie Trump-Loyalisten die Sache sehen, kann man bei Tommy Tuberville nachlesen, einem früheren Football-Trainer, der am Dienstag eine Senatswahl in Alabama gewann. Das Zählen gerate völlig außer Kontrolle, schreibt er. „Es ist, als wäre das Match abgepfiffen worden, als wären die Spieler nach Hause gegangen, und nun gibt der Schiedsrichter der anderen Mannschaft plötzlich noch ein paar Punkte.“

Bei MSNBC, dem Lieblingssender linksliberaler Amerikaner, kann man Steve Kornacki bei der Arbeit zuschauen. Selbst wenn er nicht auf Sendung ist. Es gibt eine „Kornacki-Cam“, unten rechts, die ununterbrochen auf ihn gerichtet ist. Man kann zum Beispiel sehen, wie Kornacki rechnet. Kornacki ist Kult, was auch daran liegt, dass er immer weitermacht, seit Dienstagabend schon, mit kurzen Pausen. „Ver­gesst das mit dem Schlafen“, twitterte er am frühen Freitagmorgen. „Es kommen noch Stimmen aus Pennsylvania rein. Bin gleich zurück im Studio.“ Kornacki, kann man sagen, ist der Anker im Sturm. Die Konstante im Wechselbad der Gefühle.

Bei Kornacki konnte man in Echtzeit verfolgen, wie Joe Bidens Vorsprung in Arizona dahinschmolz, je mehr Stimmen ausgezählt wurden, während er den Rückstand in Georgia und Pennsylvania verkürzte. Bis er am Freitagmorgen in den beiden Staaten im Osten vorn lag. Bleibt es dabei, hat er gewonnen.