Parteitag der US-Demokraten: Michelle Obama weckt den alten Zauber

Parteitag der US-Demokraten : Michelle Obama weckt den alten Zauber

Fast könnte man meinen, diese Frau kann zaubern. Mit einer aufwühlenden Rede vollbringt Michelle Obama auf dem Parteitag der US-Demokraten etwas, das fast unmöglich schien: Die beseelte Euphorie aus dem Jahr 2008 war verschwunden, Amerika bitter enttäuscht von seinem Präsidenten. Nun fliegen den Obamas wieder die Herzen zu.

Man muss sich am besten zweimal zurückversetzen, um die Rede der Präsidentengattin Michelle Obama richtig einschätzen zu können. Zunächst ins Jahr 2008. "Yes, we can", hieß es. Wie ein Messias verbreitete Barack Obama Aufbruchsstimmung, das Land war beseelt davon und hing an seinen Lippen.

Drei Jahre später war die Euphorie in bittere Enttäuschung umgeschlagen. Das Land war nicht versöhnt, wie Obama es angestrebt hatte, sondern tiefer gespalten denn je. Für die Republikaner war Obama zum Feindbild geworden.

75 Prozent unzufrieden

Und mehr als das: Auch eigene Anhänger hatte Obama enttäuscht. Guantanamo war immer noch in Betrieb, Arbeitslosigkeit lähmte das Land, das Schuldengebirge wuchs unaufhörlich, der Riese Amerika wankt. Die Quittung: 75 Prozent der US-Bürger zeigten sich in Umfragen unzufrieden mit Obamas Politik, seine Popularität erreichte die Tiefstwerte eines George W. Bush.

Man muss sich das vergegenwärtigen, um die Leistung, die die Obama bisher vollbracht haben, würdigen zu können. Der erste Abend beim Parteitag der Demokraten und die Rede von Michelle Obama setzte dann am Dienstagabend gewissermaßen noch einen obendrauf. Die Magie des Wahlkampfes von 2008 — in Charlotte war sie zumindest in Ansätzen wieder spürbar, wie Korrespondenten berichten. In der Menge soll es spontane Zwischenrufe gegeben haben: Yes, we can."

All das war das Verdienst von Michelle Obama. Genauso wie schon knapp eine Woche zuvor Ann Romney hatte sie mit ihrer Ansprache die Aufgabe, die Herzen zu wärmen. Michelle Obamas Aufgabe fiel genau genommen noch ein wenig schwieriger aus. Ann Romney musste einen Technokraten zum Leben erwecken. Michelle musste hingegen den seinem Volk fremd gewordenen Präsidenten wieder zurückholen zu den Menschen. Wer weiß, wie tief die Wunden einer enttäuschten Liebe sein können, weiß, was das bedeutet.

Zu den Tönen von Stevie Wonder

Am späten Abend zeigte Michelle Obama, wie gut sie ihren Job versteht. Die First Lady reißt die 15.000 Zuschauer in der prallvollen Basketballarena der Südstaaten-Stadt Charlotte mit einer rhetorisch perfekten, einfühlsamen Rede von den blauen Klappsitzen. Begleitet vom fröhlichen Beat eines Stevie-Wonder-Klassikers aus der Motown-Ära schreitet sie über den blauen Teppich der Bühne zum Mikrofon, winkt mit einer Hand den jubelnden Anhängern zu, fährt sich verlegen durchs Haar, atmet tief durch. Tausende Delegierte wedeln mit Schildern, ein mächtiges Bild. "We love you, Michelle", steht drauf, und das glaubt man sofort. Beliebter als ihr Ehemann war Michelle schon längst.

Sie erzählt die alte Familiengeschichte der Obamas als die Geschichte, wie sie Millionen Amerikaner kennen. Und das bei bester Sendezeit an den Fernsehern. Darüber, wie ihr kranker Vater sich ihre Ausbildung vom Munde abgespart hat. Wie es der Großmutter ihres Mannes nicht anders ging.

"Wir waren so jung und so verschuldet"

Sie erzählt vom rostigen Auto, das ihr Mann damals hatte. Einen Kaffeetisch habe er vom Sperrmüll aufgelesen. Dass sie beide nicht gerade aus reichen Verhältnissen stammen und noch lange an Studienkrediten zu knabbern hatten. "Wir waren so jung, so verliebt und so verschuldet", sagt sie mit sanfter Stimme ins Mikrofon. In der Arena ist es so andächtig still wie sonst nie bei rummeligen Parteitagen.

Es dauert nicht lang, bis der Unterschied zwischen Michelle Obama und Ann Romney klar ist. Hier steht ein Profi, jeder Satz sitzt, jede Intonation stimmt. Die Frau von Obamas republikanischem Kontrahenten kam ebenso authentisch herüber, als sie über ihre tiefe Liebe zu Mitt Romney sprach. Aber eben nicht so sicher. Mal kicherte sie wie ein Schulmädchen, mal starrte sie etwas verkrampft in die Kamera.

Nicht so die Präsidentengattin. Sympathisch und ruhig zählt sie die Vorzüge ihres Mannes auf: charakterfest, sozial engagiert — und natürlich ein toller Vater. Anschaulich erzählt sie, wie er sich abends trotz aller weltpolitischen Krisen immer noch um die Sorgen seiner Töchter an der High School kümmere. Und Michelle Obama schließt: "Barack Obama ist immer noch derselbe Mann, in den ich mich vor all diesen Jahren verliebt habe."

"Ein wundervolles Beispiel"

Michelle Obama hat das, was ihrem Mann derzeit für einen sicheren Wahlsieg fehlt: tolle Umfragewerte. Die Parteitagsbesucherin Anne Kilpatrick aus South Carolina etwa kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. "Sie ist ein wundervolles Beispiel für Frauen in unserem Land, ein Vorbild für Kinder", sagt die grauhaarige Professorin, die wegen ihres in den Farben der USA glitzernden Hutes auffällt. Und was unterscheidet Michelle Obama von Ann Romney? "Michelle praktiziert, was sie predigt", sagt die Delegierte. Das ist der Kontrast, den Obama nicht offen anspricht, der aber in vielen Sätzen mitschwingt: Romney ist ein abgehobener Multimillionär, wir sind bodenständig.

So denken auch nach dieser Rede sicher viele Amerikaner. Wenn Michelle Obama sich hinstellt und sagt, sie sei vor allem anderen eine "Mom-in-Chief", die sich um das Wohl ihre Töchter sorge, dann nehmen die Menschen ihr das ab. Obamas Wahlkampfmanager dürften sich daher nach dem Auftritt zufrieden auf die Schultern geklopft haben, hat sie doch sicher vielen Zweifelnden endlich wieder das Gefühl gegeben, 2008 einen ganz besonderen Menschen ins Weiße Haus gewählt zu haben. Auch wenn er noch nicht alle Versprechen eingelöst hat.

"Wandel ist schwierig und Wandel ist langsam und es passiert niemals alles auf einmal", erklärt die First Lady in ihren Worten, die oft so viel klarer sind als die ihres Gatten. "Wir müssen noch einmal zusammenkommen und zusammenstehen für den Mann, dem wir vertrauen können, dass er diese Land weiter nach vorn bringt."

(dpa)
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