"Die weiße Wut" - ein Buch über die Tea Party: Ein Bild Amerikas zum Fürchten

"Die weiße Wut" - ein Buch über die Tea Party : Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. In ihrem Buch "Tea Party – Die weiße Wut" beschreibt sie kenntnisreich, welche Auswüchse das Denken vieler Amerikaner angenommen hat. Der Hass der Rechten macht selbst vor dem europäischen Fußball nicht halt.

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. In ihrem Buch "Tea Party — Die weiße Wut" beschreibt sie kenntnisreich, welche Auswüchse das Denken vieler Amerikaner angenommen hat. Der Hass der Rechten macht selbst vor dem europäischen Fußball nicht halt.

Amerika hat die Deutschen schon immer fasziniert. Weil es unsere westliche Kultur so tief geprägt hat. Und weil es uns dennoch immer fremd geblieben ist. Auf der einen Seite verkörpert dieses große Land die Freiheit, den Optimismus, Unternehmermentalität. Wer das Land besucht, begegnet zumeist herzlichen, offenen Menschen.

Auf der anderen Seite sind in den USA auch verstörende Dinge beheimatet. Rassenhass, Ku-Klux-Klan, Waffenkult oder auch Missionare, die gegen Evolutionstheorie und Klimawandel zu Felde ziehen. Seit etwa drei bis vier Jahren verkörpert diese Seite des Landes die so genannte Tea Party. So nennt sich das Sammelbecken für alles radikal libertär-konservative Denken, das schon seit Jahrzehnten und länger in Amerika anzutreffen ist.

Vaterland, Familie und Gott

Die wesentlichen Ziele der Tea Party laufen darauf hinaus, die Aufgaben des Staates auf ein Minimum zu beschränken, Steuern zu senken und Sozialabgaben zu kürzen. Amerika nimmt in ihren Augen als großartigste Nation der Welt eine Ausnahmestellung in der Welt ein. Sie treten ein für Vaterland, Familie und Gott, sie kämpfen gegen Immigration, die politischen Eliten in Washington, den Islam, den sie mit Terrorismus gleichsetzen. Ein in sich geschlossenes Programm liegt dem nicht zugrunde. Die Tea Party ist Sammelbecken derjenigen, die sich überrollt fühlen von den Entwicklungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der typische Vertreter der Tea Party ist weiß, männlich und stammt aus der Mittelschicht.

Die Journalistin und promovierte Amerikanistin Eva. C. Schweitzer hat die Bewegung der "Tea Party" in ihrem Buch "Tea Party. Die weiße Wut" zu ihrem Thema gemacht. Was sie ausmacht, wie sie entstanden ist, wer sie finanziert, was sie gefährlich macht.

Angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen ist es ein Buch zur rechten Zeit. Es ermöglicht seinem Leser Einblicke in einen fremden Kosmos. Amerika zeigt darin sein anderes Gesicht. Man könnte auch sagen, seine hässliche Fratze. Schweitzer ist in ihren Schilderungen dabei alles andere als neutral. Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie viele Positionen der Tea-Party-Anhänger verabscheut.

"In Teilen rassistisch"

In ihrer Einschätzung hat sich die Bewegung seit ihrer Entstehung in Richtung eines religiösen Fundamentalismus verändert. So schreibt sie: Die Tea Party sei mutiert in eine "Bewegung, die sich mit den religiösen Ultras assoziiert hat - gegen Schwulenehe, Abtreibung, Verhütung, Ehescheidung; das ganze katholische Programm. (…) Und sie ist auch sehr spalterisch, sie ist strukturell in Teilen rassistisch, und auch sehr gegen Immigranten gerichtet."

Schon schnell stellen sich beim Leser Irritationen ein angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die Schweitzer da über die Ansichten der Neuen Rechten ausbreitet. Dass der Staat ein Feindbild ist, der nur das Ziel hat, die Bürger ihrer Freiheiten zu berauben. Dass die Vereinten Nationen im Mittelpunkt einer kommunistischen Weltverschwörung stehen. Wie an Universitäten die Evolutionslehre offen in Frage gestellt wird. Oder in Schulbüchern Abstinenz als einzige Form der Verhütung gelehrt wird.

Irrwitzige Ansichten

Die 250 Seiten sind gespickt mit abstrusen Anekdoten. Nichts wird ausgelassen. Weder wie der ebenso erfolgreiche wie berüchtigte Radio-Moderator Rush Limbaugh das rassistische Spottlied "Barack, the Magic Negro" über US-Präsident Obama sang, noch wie Ann Coulter, Ikone der US-Konservativen, nach dem Anschlag auf das World Trade Center dazu aufforderte, in die Länder der Moslems einzumarschieren, deren Führer umzubringen und alle Menschen zum Christentum zu bekehren.

Die Beispiele für extreme Äußerungen beschränken sich nicht allein auf Moderatoren und Journalisten. Sie lassen sich ebenso mit ernsthaften Präsidentschaftsbewerbern erzählen. Rick Santorum etwa zog gegen die von Obama eingeführte staatliche Krankenversicherungspflicht zu Felde, indem er sich auf die US-Invasion 1944 in der Normandie berief: Die 60.000 US-Soldaten hätten damals alles riskiert, um für die Freiheit zu kämpfen — auch um die, ihre Krankenversicherung selbst auswählen zu dürfen.

Unter Verschwörern

Wie weit entfernt die US-Gesellschaft von der europäischen entfernt ist, zeigt Schweitzer anschaulich mit einem eigenen Kapitel über die Stellung der Medien. Sie beschreibt anschaulich die Ablehnung der gängigen Medien durch die Tea Party. So glauben US-Rechte, die gängigen Medien seien durch und durch von Links unterwandert. Und das, obwohl die meisten amerikanischen Zeitungen nach Schweitzers Einschätzung in Deutschland bestenfalls als liberalbürgerlich durchgehen würden "Die 'Washington Post' entspricht in ihrer politischen Linie der 'Welt', die 'NewYork Times' der 'FAZ', und so etwas wie die 'taz' gibt es in Amerika überhaupt nicht", kommentiert die Autorin.

In einer Gegenreaktion hat sich nun in den USA eine zweite, einen konservative Gegenöffentlichkeit gebildet, betrieben von Radiostationen, Blogs und vor allem dem ultrarechten Sender Fox News aus dem Hause Rupert Murdochs. Darin hetzen Moderatoren offen gegen Obama oder warnen vor einer jüdischen Weltverschwörung beziehungsweise der unmittelbar bevorstehenden Machtübernahme durch die Kommunisten.

Auch der eigentlich liberale Romney rückt nach rechts

Schweitzer macht in ihren feinen, reportagenhaft illustrierten Beobachtungen anschaulich, welch ein tiefer Riss sich durch die Gesellschaft der USA zieht. Mit dem schwarzen Präsidenten Barack Obama hat der mit ideologischer Verbissenheit geführte Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen noch einmal an Schärfe zugenommen.

Auch im aktuellen Präsidentschaftswahlkampf spielt die Tea Party daher eine tragende Rolle. Eindrücklich schildert Schweitzer, wie die Bewegung die republikanische Partei unterwandert und nach rechts gezogen hat. Zwar hat sich seit dem Druck des Buches schon manches überholt und weder Tea-Party-Liebling Michele Bachmann noch der evangelikale Rick Perry konnten sich als Präsidentschaftsbewerber durchsetzen. Doch um sie aus dem Feld zu schlagen, musste der jetzige Obama-Herausforderer Mitt Romney stramm konservative Positionen übernehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er einen beinharten Vertreter der Konservativen als Vize nominieren müssen.

Zwiespältige Bilanz

Schweitzers Buch vermittelt seinem Leser einen Einblick in die gesellschaftlichen Zerwürfnisse eines fremden Landes. Zum Verständnis der Auseinandersetzungen im US-Wahlkampf bieten sie eine ertragreiche Hilfe. Nur nachvollziehen lässt sich die "weiße Wut" bedauerlicherweise auch nach der Lektüre nicht. Zu sehr lässt einen die Autorin mit der Fratze des hassenden Amerikas allein. Das ein oder andere analytisch-distanzierte Kapitel hätte dem Buch gut getan. Zwischen den Protestwählern Europas und Amerikas gäbe es mit Sicherheit interessante Gemeinsamkeiten zu entdecken.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wie Radikale Obama dämonisieren

(pst)