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Biografie über den US-Präsidenten: Die wilde Zeit des "Barry" Obama

Biografie über den US-Präsidenten : Die wilde Zeit des "Barry" Obama

In den USA sorgt eine neue Biografie des US-Präsidenten für Furore. Geschrieben hat sie der Pulitzer-Preisträger David Maraniss nach vierjähriger Recherche. Der Autor konzentriert sich vor allem auf die Jugendzeit Obamas und skizziert dabei einen wilden Jungen mit Drang zu höheren Weihen.

In der Choom-Gang galten eiserne Regeln. Wer nicht tief genug inhalierte, wenn der Joint kreiste, musste bei der nächsten Runde pausieren. Im verbeulten VW-Bus, in dem die Teenager manche rauschgiftschwangere Stunde verbrachten, durfte niemand die Scheiben herunterkurbeln, auf dass der benebelnde Rauch nicht entweiche.

Cool und erwachsen wollten sie wirken, die Basketballfreunde der Punahou-School, der teuersten Schule der Stadt Honolulu. "To choom" — das Verb bedeutet so viel wie Marihuana rauchen. Auf die schiefe Bahn geriet keiner von ihnen, aus den kiffenden Schülern wurden Anwälte, Schriftsteller, Geschäftsleute. Einer brachte es sogar bis zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Vier Jahre hat der Pulitzer-Preisträger David Maraniss recherchiert, um auszugraben, was noch unbekannt war über Kindheit und Jugend Barack Obamas. Der 641-Seiten-Wälzer ("Barack Obama: The Story") beginnt lange vor dessen Geburt und endet, als der Weltenbummler 27-jährig seine Sozialarbeiterstelle in Chicago aufgibt, um im Ivy-League-Milieu Harvards Jura zu studieren.

Meistdiskutiertes Buch im Wahljahr

Keine Zeile über den Politiker Obama, und doch ist das Familienepos das meistdiskutierte politische Buch des aktuellen Wahljahres. Wer für irrelevant hält, was sich vor acht Dekaden in Kansas oder Kenia zutrug, dem hält der Verfasser mit den Worten des Romanciers William Faulkner entgegen: "Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht mal vergangen."

Da ist eine Urgroßmutter, Ruth Armour Dunham aus Eldorado in Kansas, die sich im Alter von 26 Jahren das Leben nimmt. Da ist der kenianische Großvater Hussein Onyango, in seinem Dorf am Victoriasee der "jadak", der Fremde, weil seine Familie erst seit vier Generationen in der Gegend lebt. Die "birthers", die steif und fest behaupten, Obama sei nicht auf amerikanischem Boden geboren und dürfe daher gar nicht im Oval Office sitzen, sollten endgültig die Waffen strecken. Maraniss zitiert sogar den Arzt, einen gewissen Dr. Rodney T. West, in dessen Obhut Stanley Ann Dunham am 4. August 1961 im Kapi'olani Maternity and Gynecological Hospital zu Honolulu einen Sohn zur Welt brachte.

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Obama, der Weltbürger. Als er ins Oval Office gewählt worden war und der Himmel noch voller Geigen hing, gab sich mancher der Illusion hin, nunmehr leite wahrhaft globales Denken die Entscheidungen der Washingtoner Machtzentrale, angefangen beim Klimaschutz. Inzwischen ist klar, dass auch unter dem 44. US-Präsidenten nationale Interessen, mitunter durchaus eng definiert, an erster Stelle rangieren. An der Faszination seiner Biografie hat es nichts geändert.

Stundenlange Gespräche über Bob Marley

In allen Details beschreibt Maraniss, wie sich zwei Welten treffen im Russischkurs der University of Hawaii: Kenia und Kansas. Barack Hussein Obama, ein Mann mit imponierender Ausstrahlung, war mit Hilfe der Kennedy-Stiftung in den Pazifik entsandt worden, weil sein Heimatland mit Blick auf die bevorstehende Unabhängigkeit gut ausgebildete Experten brauchte.

Die 18-jährige Stanley Ann Dunham entstammte der mittelwestlichen Prärie. Ihr Vater, mit mäßigem Erfolg Versicherungsmakler, war auf der Suche nach dem Glück immer weiter nach Westen gezogen — "Go West!", seit jeher die Maxime für Amerikaner, die daheim an ihre Grenzen stoßen.

In Hawaii ist Obama der "hapa", sowohl weiß als auch schwarz. In Jakarta, wo er vier Jahre verbringt, nachdem seine Mutter in zweiter Ehe einen Indonesier geheiratet hat, hält man ihn für einen Bewohner der östlichen Inseln, Richtung Papua-Neuguinea, wo die Hautfarbe dunkler wird.

Am Occidental College in Los Angeles, seiner ersten Hochschule, beginnt er nach seinen schwarzen Wurzeln zu suchen. Stundenlang redet er mit Eric Moore, einem afroamerikanischen Kommilitonen, über die Lieder Bob Marleys, Titel wie "Africa United". Moore nennt ihn Barack, nicht Barry, wie alle anderen es tun. Das mit dem Barry, erklärt ihm Obama, sei ihm ganz recht, "dadurch muss ich nicht ständig erklären, wer ich bin". Er wolle nicht unbedingt auffallen in der Welt der Angelsachsen.

Einsicht in Tagebücher einer Freundin

Bestimmte Erfahrungen, bestimmte Verhaltensmuster von früher helfen, den heutigen Regierungsstil zu verstehen, glaubt Maraniss. Etwa die vorsichtige, analytische Art, die in markantem Kontrast zu den rhetorischen Höhenflügen des Kandidaten Obama steht. Der Sohn einer Anthropologin studiere sein Umfeld mit den Augen eines Anthropologen, meint der Autor. Er schaue von außen auf eine Kultur, ohne sich als Teil dieser Kultur zu fühlen. "Wäre er nicht in die Politik gegangen, wäre er Schriftsteller geworden."

Aufschlussreich sind die Briefe, die Obama seiner ersten festen Freundin schickt, Alexandra McNear, einer Kommilitonin aus reichem Haus. Nicht in einer festen Familie aufgewachsen, ohne finanzielles Hinterland, ohne den Halt traditioneller Netzwerke könne er das Gefühl der Isolation nur lindern, indem er alle Traditionen aufsauge. Da klingt der Brückenbauer an, der das Rampenlicht erobern wird, als er 2004 auf einer Parteitagsrede so etwas wie die Wiedervereinigten Staaten von Amerika beschwört.

1983 tritt Genevieve Cook in sein Leben, eine Australierin, ein bisschen älter als er, die an einer Schule in Brooklyn unterrichtet. Obama lernt sie auf einer New Yorker Weihnachtsfeier kennen, es ist wohl ein Treffen von Gleichgesinnten, mit der weitgereisten Diplomatentochter kann er über Gott und die Welt diskutieren. Während sie an die große Liebe glaubt, zieht er sich bisweilen zurück wie in ein Schneckenhaus.

Als sie ihm sagt: "I love you", antwortet er mit einem kühlen "Thank you". Fast drei Dekaden danach hat Cook dem Biografen Einsicht in ihre Tagebücher gewährt. Was er wahrscheinlich wirklich wolle, notiert sie an einer Stelle, "ist eine Frau, sehr stark, sehr aufrecht, eine Kämpferin, lachend, mit großer Erfahrung — eine schwarze Frau, wie ich sie immer wieder vor Augen habe".

(RP/das/csi)