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Wie sich Amerika in acht Jahren veränderte: Die Bush-Bilanz

Wie sich Amerika in acht Jahren veränderte : Die Bush-Bilanz

Washington (RP). George Walker Bush, 43. Präsident der USA, hat Geschichte geschrieben ­- doch anders, als er es sich vorgenommen hatte. US-Historiker halten ihn für einen der schlechtesten US-Präsidenten überhaupt.

Am Dienstag wählen die USA ihren 44. Präsidenten, den Nachfolger des republikanischen Amtsinhabers George W. Bush. Ob nun am Ende der Demokrat Barack Obama oder der Republikaner John McCain gewinnen wird ­- diese US-Wahl birgt die Chance eines Neuanfangs. Zeit, eine Bilanz der Ära Bush zu ziehen.

Es begann, wie immer in Amerika, mit dem Versprechen, das Land neu zu erfinden. Und anders als im Clinton- und Obama-verliebten Deutschland wahrgenommen, verfügte Bush daheim anfangs über breite Unterstützung. Der damalige Gouverneur von Texas und Präsidentensohn inszenierte sich als Außenseiter des Washingtoner Politik-Geschehens, als "Anti-Washingtonian”. Bush versprach, aufzuräumen mit den Skandalen der Clinton-Ära. Er wollte eine neue Moral in der Politik.

Ideologisch unterfüttert wurde Bushs Kurs von der neokonservativen Denkrichtung innerhalb der Republikanischen Partei: evangelikal-bibeltreu, neoliberal, die Komplexität der globalisierten Welt durch Vereinfachung überlistend ­ so traten Bush, Vizepräsident Dick Cheney, Verteidigungsminister Donald Rumsfeld und die Chefstrategen Karl Rove und Paul Wolfowitz an.

Die Katalysator-Funktion für ihre Bewegung übernahm der 11. September 2001. Die USA wurden erstmals seit der japanischen Attacke auf Pearl Harbor 1941 auf ihrem eigenen Territorium angegriffen ­- diesmal von islamistischen Terroristen. Die verängstigten US-Bürger verlangten Rache und Ruhe. Beides gewährte ihnen Bush mit seinen Angriffen auf Afghanistan und später auf den Irak, durch seine jedem internationalen und auch amerikanischen Recht spottenden Schattenkriege gegen tatsächliche und vermeintliche Terroristen. Er schuf auch das Klima, das die Exzesse von Abu Ghraib bis Guatanamo erst möglich machte.

Trotzdem gehört es zur Wahrheit der Beurteilung der acht Bush-Jahre, dass er auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen den Terror 2002/2003 auch auf dem Zenit seines Ansehens in den USA anlangte, 2004 durch seine Wiederwahl gekrönt. Der äußere Feind versammelte Teile der Bevölkerung immer noch hinter ihrem starken Anführer. Allerdings schickte Bush seine technisch hochgerüsteten Heere gegen einen Feind, der sich den Regeln entzog: Gegen Selbstmord-Attentate hilft auf Dauer keine Satellitenüberwachung. Frustriert ob der eigenen Erfolglosigkeit, schlugen die US-Truppen immer wütender um sich.

Die Demonstration der Stärke im Kampf gegen den Terror war zeitweise durchaus erfolgreich. Doch die Bush-Doktrin, die Segnungen der Demokratie notfalls mit dem Schwert zu verbreiten, hat eine entscheidende Schwäche: Sie lässt außer Acht, dass Demokratie auch von Überzeugungen getragen wird, Verständnis für andere Kulturen, den behutsamen Aufbau demokratischer Strukturen und nicht wie Belohnung, sondern echte Unterstützung daherkommende Wirtschaftshilfe verlangt. Der Anspruch moralischer Überlegenheit wurde spätestens durch die Lügen über angebliche Massenvernichtungswaffen, mit denen der Krieg im Irak 2003 vor der Weltöffentlichkeit gerechtfertigt wurde, ad absurdum geführt.

Die Beantwortung der Frage, wie es nach dem vorübergehenden Triumph im Irak und Afghanistan politisch weitergehen sollte, ließ die intellektuelle Dürftigkeit dieser Präsidentschaft überdeutlich werden. Mit Lügen über die Gefährlichkeit des Gegners hatten sie die Kriege vorbereitet, die Wahrheit über die Zeit danach verkrafteten sie nicht. Schönfärberei ersetzte am Ende eine funktionierende Exit-Strategie.

Bushs Politik befeuerte hässlichen Anti-Amerikanismus, nicht nur in Wahlkämpfen hierzulande eingesetzt. Die deutsch-amerikanische Freundschaft wurde so in der Bush-Ära von beiden Seiten einer Belastungsprobe unterzogen. Sie hielt jedoch aufgrund vieler persönlicher Beziehungen. Bush und Amerika ­ das setzten nur Dumme und Demagogen gleich.

Bushs Bilanz in der Innenpolitik fällt ähnlich verheerend aus. Die Verachtung der "Neocons” für jegliche Beschränkung freien Wirtschaftens schuf die Voraussetzung für die Finanzkrise, die wir derzeit erleben. Freiheit wurde mit Gutgläubigkeit übersetzt. Eine unglaubliche Zockermentalität im Wirtschaftsleben sollte die Amerikaner mit Bushs Politik versöhnen. Nur so sind die Freibriefe für die Banken der Wall Street zu verstehen, die jedem noch so armen US-Bürger Kredite für den Hauskauf gewährten. Die Verwirklichung des amerikanischen Traums wurde nicht mehr durch Leistung, sondern auf Pump finanziert. Das Banken-Unwesen brach schließlich mit Getöse zusammen, die Welt trägt seitdem schwer an einer Finanzkrise historischen Ausmaßes ­ dem dritten, wenn auch virtuellen Krieg der Ära Bush.

Was bleibt nun von Bush? Er glaubt, die Geschichte werde ein milderes Urteil über ihn fällen als seine Zeitgenossen und vergleicht sich mit dem demokratischen Weltkriegs-Präsidenten Harry S. Truman, der zu Lebzeiten extrem unbeliebt war, heute jedoch für seine Standhaftigkeit gerühmt wird. Ob die Geschichte ihm diesen Gefallen tun wird, ist fraglich: Laut einer Umfrage unter US-Historikern halten ihn 98 Prozent für einen der schlechtesten Präsidenten, den die USA je hatten. Und Geschichtsbücher werden immer noch von Historikern geschrieben.

Hier geht es zur Infostrecke: George Bush - die verheerende Bilanz in Zahlen