Biden und Trump sehen ihn als Gefahr Ein Kennedy will ins Weiße Haus

Austin · Robert F. Kennedy Junior (70) will in die Fußstapfen seines berühmten Vaters und Onkels treten. Seine Chancen, im Weißen Haus anzukommen, fallen eher bescheiden aus. Aber der unabhängige Präsidentschaftskandidat kann das Rennen trotzdem entscheiden – als Spielverderber.

 Robert F. Kennedy während einer Wahlkampf-Veranstaltung im März in Kalifornien. (Archiv)

Robert F. Kennedy während einer Wahlkampf-Veranstaltung im März in Kalifornien. (Archiv)

Foto: AFP/JOSH EDELSON

Für einen kurzen Moment klingt es plausibel, dass der Mann im Scheinwerferlicht auf der Bühne der Brazos Hall der „nächste Präsident der Vereinigten Staaten“ sein könnte. So hatte der Sprecher den gertenschlanken Grauhaarigen im dunkelblauen Anzug mit der hohen Stirn angekündigt. Die Ähnlichkeit im Gesichtsausdruck mit seinem Vater Bobby und seinem Onkel John sind unverkennbar.

Auch der dramatisch zusammengeschnittene Film, der seine Anhänger im texanischen Austin auf Robert F. Kennedy Junior eingestimmt hatte, weckt Assoziationen mit den beiden ermordeten Politikonen. Sie stammten aus dem vergangenen Oktober, als der Kandidat seinen Austritt aus der Demokratischen Partei erklärt hatte, die so eng mit dem Namen seiner Familie verbunden ist. Und die Kandidatur als Unabhängiger für das Weiße Haus ankündigte.

In der Kameraeinstellung hinter dem Rednerpult sieht RFK Jr. mit den ausgebreiteten Armen wie ein Heilsbringer aus. Einer, dem seine hoffnungsvoll strahlenden Zuhörer aus allen Teilen der Gesellschaft an den Lippen hängen. Er spricht über die gesellschaftlichen Verwerfungen und fragt die Menge: „Lässt sich unsere gespaltene Nation heilen?“. Es schallt ein lautes „Yeah“ zurück. „Dann lasst uns unser Land zurücknehmen.“

Vor dem Hintergrund eines wehenden Sternenbanners erscheint „KENNEDY24“ auf der Leinwand. Verbunden mit der Aufforderung „Erklär Deine Unabhängigkeit“. Der Erkennungssong des Kult-Wrestlers Hulk Hogan „Real American“ verbindet die Aufnahmen auf der Leinwand mit dem Kandidaten, der zum enthusiastischen Beifall seiner mehr als 400 Anhänger auf die Bühne tritt. Eine stattliche Zahl für einen Montagabend Mitte Mai in Texas.

„Die Meinungsmacher haben zu Beginn unseres Wahlkampfs gesagt, es sei unmöglich, für uns, es auf den Wahlschein zu schaffen“, erklärte RFK Jr. Und tatsächlich hätte es Texas ausgesprochen schwer gemacht, in nur 45 Tagen 130.000 Unterschriften von Bürgern zu sammeln, die den Kandidaten auf dem Wahlschein sehen wollten. Aber sein Team hätte alle Zweifler Lügen gestraft.

„Am Ende waren es knapp unter 267.000 Unterschriften – mehr als jede andere Kampagne in der Geschichte Texas oder der Geschichte unseres Landes“, erklärte Kennedy mit heiserer Stimme, die ein Markenzeichen des Kandidaten ist. Sie rührt von einer seltenen neurologischen Erkrankung, die ihm seit seinem 42. Lebensjahr zu schaffen macht. „Wir werden in allen 50 Bundesstaaten auf dem Wahlschein stehen.“

Seine ehemalige Partei setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um genau das zu verhindern. Sollte RFK Jr sein Ziel erreichen, hätte er theoretisch einen Weg ins Weiße Haus. In der Praxis glauben die meisten Analysten nicht, dass der nächste Präsident der Vereinigten Staaten Kennedy heißen wird. In der jüngeren Geschichte gab es nur drei Kandidaten, die als unabhängige Bewerber überhaupt nur eine Rolle spielten.

1968 schaffte es der rassistische Gouverneur von Alabama, George Wallace, im Süden der USA ein paar Wahlleutestimmen zu gewinnen. Ross Perot trat 1992 in allen Bundesstaaten an und sicherte sich 19 Prozent der Stimmen. Genug, um Bill Clinton zu helfen, an George Bush vorbeizuziehen. Acht Jahre später half dann die Kandidatur Ralph Naders Bush Junior, das Rennen gegen Al Gore knapp für sich zu entscheiden.

Dritte Kandidaten als Spielverderber – genau das befürchtet Kennedys jüngere Schwester Kerry, die sich, wie die anderen sechs Geschwister und der Rest der berühmten Dynastie, Mitte April demonstrativ hinter Joe Biden gestellt hatten. Bobby habe keine Chance, am 5. November zu einer Mehrheit von 270 Wahlleuten zu kommen. „Aber er beeinflusst das Rennen und das ist gefährlich bei dieser Wahl, die auf Messers Schneide steht.“

Die Sorge ist nicht unbegründet. In den Wechselwählerstaaten, die dieses Mal über das Weiße Haus entscheiden werden, wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet, in dem ein paar Tausend Stimmen mehr oder weniger den Ausgang entscheiden können. Allen voran in Michigan, Arizona, Nevada, Wisconsin, Pennsylvania und Georgia, wo RFK nach einer aktuellen Umfrage der New York Times auf zwischen 9 und 12 Prozent der Stimmen kommt. Oft zulasten Bidens, der in keinem Staat vorn liegt.

Dass RFK für seine Kandidatur als Unabhängiger gezielt den Namen der eng mit den Demokraten verknüpften Familie benutzt, schmerzt den Clan ganz besonders. Als er während des „Super Bowl Finales“ eine Werbung schaltete, die unverkennbar Anleihen aus einem historischen Clip John F Kennedys machte, musste er sich entschuldigen. „Wir sind geteilter Meinung, aber lieben einander“, räumt Bobby die Entfremdung von seinen Verwandten ein.

Dass er als Neunjähriger den Mord an dem ersten Kennedy im Weißen Haus erlebte und als 14-Jähriger am Sarg seines charismatischen Vaters Robert F. stand, der im Wahlkampf für das Weiße Haus erschossen worden war, hat etwas mit ihm gemacht. Das schwarze Schaf der Familie spricht offen über seine Heroinabhängigkeit, die über vierzehn Jahre sein Leben bestimmte. Und über seine tiefe Skepsis an den offiziellen Untersuchungsergebnissen zu dem Tod der beiden Männer. Er ist fest davon überzeugt, dass in beiden Fällen der amerikanische Geheimdienst CIA seine Finger im Spiel gehabt hatte.

Dieser Hang zum konspirativen Denken durchzieht sein Leben wie ein roter Faden. Hinter den Schulmassakern sieht er die Pharmaindustrie am Werk, die Schüler mit Medikamenten gegen Depression gewalttätig machten. Die wachsende Zahl an Autismus-Diagnosen rühre von Impfschäden. In seinem Buch „The Real Anthony Fauci“ macht er ein Kartell aus der Regierung, Bill Gates und der Pharmaindustrie für die COVID-19-Pandemie verantwortlich. Und Amerikas militärische Konflikte seit dem 2. Weltkrieg seien alle auf Betreiben der Rüstungsindustrie geführt worden.

Übrigens, auch der in der Ukraine. In der Lesart RFK’s habe sich die Industrie mit dem neuen Hilfepakt im Kongress gerade mit 64 Milliarden Dollar die Taschen gefüllt. Im Wahlkampf beschwert sich der Kandidat darüber, dass dies angeblich zulasten des Umweltschutzes und anderer Anliegen der Amerikaner gehe. Kennedy sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, unkritisch die Propaganda des Kreml wiederzukäuen.

In einem Interview mit dem New Yorker übernahm er die Ausrede Wladimir Putins für den Angriffskrieg auf die Ukraine als Selbstverteidigung gegen den Westen. Putin habe „ein nationales Sicherheitsinteresse, die NATO aus der Ukraine zu halten“. Er würde den Krieg durch Verhandlungen beenden. Das Abkommen von Minsk liefere dafür eine Blaupause.

Eine von vielen Positionen, mit denen sich Kennedy außerhalb des Mainstreams stellt. Und die den Anwalt, der sich einst als Umweltaktivist einen Namen gemacht hatte, heute näher an Donald Trump heranrückt als an die Politik Joe Bidens. Was auch erklären könnte, warum Großspender wie Timothy Mellon beide Kandidaten mit einem Geldsegen bedacht haben. Der Bankerbe gab 15 Millionen Dollar an ein „Politisches Aktionskomitee“ (PAC), das Trump unterstützt, und 20 Millionen Dollar an ein Pro-Kennedy-PAC.

Eine nationale NBC-Umfrage von Ende April zeigt seinen Appeal für Trump-Wähler. 40 Prozent haben eine positive Meinung über Kennedy. Nur 15 Prozent der Demokraten sehen das so. In einem direkten Duell mit Biden läge Trump mit zwei Punkten vorn. Mit Kennedy (13 Prozent) und den beiden linken Kandidaten Jim Stein (3 Prozent) und Cornel West (2 Prozent) im Mix hat der Amtsinhaber die Nase vorn.

Der Ex-Präsident wittert die Gefahr. In einem über „Truth Social“ verbreiteten Video bezeichnete er Kennedy als trojanisches Pferd der Demokraten. „Ein radikaler Linker, der aufgestellt worden ist, dem betrügerischen Joe Biden zu helfen.“ Er sei das Gegenteil eines Konservativen. Ein „großer Steuereintreiber“, „gegen das Militär“, „Anhänger offener Grenzen“ und „ein extremer Umweltschützer“. Alles an ihm und seiner Kandidatur sei „fake“.

Trump möchte sich nicht dazu äußern, ob sein Sinneswandel mit einem Korb Kennedys zu tun haben könnte. Dessen Wahlkampfteam behauptet, der Ex-Präsident habe ihm über Emissäre angeboten, als sein Vizepräsident anzutreten. RFK Jr. winkte ab. Er will selbst ins Weiße Haus einziehen.

Das Wahlkampfteam Bidens sucht nach dem richtigen Rezept im Umgang mit dem Abtrünnigen. Ihn nach Kräften zu ignorieren, hat bisher nicht funktioniert. Mindestens will ihm der Präsident keine Bühne aufbauen. Biden schließt seine Teilnahme an den für Ende Juni und Anfang September vereinbarten Debatten von vornherein aus, falls CNN und ABC neben Trump auch Kennedy einladen. Das Kriterium der Sender: Die Kandidaten müssen in genügend Bundesstaaten antreten, um ins Weiße Haus gewählt werden zu können und in vier nationalen Umfragen auf 15 Prozent kommen.

Zuletzt versuchten es die Demokraten mit Aufklärung. „Je mehr die Leute über ihn wissen, desto weniger werden sie ihn unterstützen,“ meint Lis Smith, eine Strategin, die sich neuerdings ausschließlich um die Abwehr dritter Kandidaten kümmert. Zum Beispiel die schräge Geschichte mit dem Wurm im Kopf.

Die New York Times hat Gerichtsdokumente aus einem Scheidungsverfahren Kennedys von 2012 ausgegraben, in denen er versucht, medizinisch zu begründen, warum er seiner Ex weniger Unterhalt zahlen könne. Er gab zu Protokoll, dass ein parasitärer Wurm einen Teil seines Gehirns aufgefressen und für den Verlust von Kurz- und Langzeitgedächtnis gesorgt hatte. Kennedy sagt, das Problem sei überstanden, der Wurm tot.

Woran er verstorben sei, erkundigte sich Mitternachts-Komiker Stephen Colbert und beantwortete die Frage selbst: „Verhungert“. Seitdem ist RFK Jr nicht nur als nächster Kennedy bekannt, der ins Weiße Haus will, sondern als "der Kandidat mit dem Wurm im Kopf“.

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