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Unterhauswahl in Großbritannien: Es wird richtig eng für Theresa May

Unterhauswahl in Großbritannien : Wie eng wird es heute für Theresa May?

Unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen wählen die Briten vorzeitig ein neues Parlament. Bekommt Premier Theresa May ihre erhoffte Mehrheit? Nach den letzten Umfragen könnte es in Großbritannien knapp werden.

Die mehr als 40.000 Wahllokale in England, Schottland, Wales und Nordirland waren am Donnerstag seit 8 Uhr MESZ geöffnet. Nach dem Terroranschlag auf der London Bridge mit mehreren Toten am Samstag wurde besonders die Lage in der Hauptstadt von der Polizei beobachtet.

Premierministerin Theresa May möchte mit der vorgezogenen Unterhauswahl eine größere Mehrheit für ihre konservativen Tories und damit mehr Rückendeckung für die Verhandlungen mit Brüssel über einen EU-Austritt - dem sogenannten Brexit - bekommen. Nach drei Terrorattacken im Land binnen drei Monaten wird aber auch ihre wahrgenommene Kompetenz bei der inneren Sicherheit eine Rolle im Wahlergebnis spielen. Auf starke Kritik der Opposition stießen zuletzt Äußerungen Mays, im Kampf gegen den Terror notfalls Menschenrechte einzuschränken. Sie gab am Morgen in ihrem Wahlkreis in Maidenhead westlich von London ihre Stimme ab.

"Corbyn spricht junge Leute an"

Labour-Chef Jeremy Corbyn wählte in seinem Londoner Wahlkreis Islington North. Der Altlinke spricht vor allem junge Menschen an. Er will die Kluft zwischen Arm und Reich verringern, die Bahn verstaatlichen und das Gesundheitssystem auf Vordermann bringen. Corbyn gilt vielen aber auch als führungsschwach.

Labour-Chef Jeremy Corbyn. Foto: afp

Bei insgesamt 650 Abgeordneten im Unterhaus ergäbe sich rechnerisch bei 326 Stimmen eine absolute Mehrheit. Der künftige Premierminister wird aber wohl etwas weniger Stimmen brauchen. Denn die gewählten Vertreter der nordirischen Partei Sinn Fein nehmen traditionell ihre Sitze in Westminster nicht ein - aus Protest gegen Großbritannien.
Die katholisch-republikanische Partei hat einen festen Wählerstamm, 2015 holte sie vier Sitze.

Jess Stubenbord (26) aus London wählte am Donnerstag Labour. "Jeremy Corbyn überzeugt mich", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Ich bin Techniker und möchte auf jeden Fall das Gesundheitssystem behalten. Das ist für mich momentan das Wichtigste." Ähnlich sah das Adrian Reed (57), der ebenfalls Labour seine Stimme gab: "Ich arbeite im öffentlichen Dienst und mache mir Sorgen um die Krankenversicherung, wenn die Tories Kürzungen im Gesundheitswesen vornehmen. Außerdem finde ich Corbyn sehr sympathisch."

Mit ihr wird es uns gut gehen

Simon Kitching (55) entschied sich dagegen für die Tories.
"Eigentlich gibt es keine Wahl. Es gibt nur eine Möglichkeit - und das ist definitiv nicht Corbyn. Er kann das nicht", sagte Kitching der dpa. "Nur Theresa May ist momentan stark genug, dieses Land zu führen. Und sie wird auch den Terror eindämmen können. Ich bin mir sicher: Mit ihr wird es uns gut gehen - auch nach dem Brexit. Wir werden uns damit arrangieren."

May will Großbritannien aus der EU führen. Brüssel wünscht sich einen Start der Austrittsgespräche in der Woche ab dem 19. Juni. Dem habe die britische Regierung aber noch nicht zugestimmt, hieß es von EU-Beamten. Die 60-jährige Regierungschefin hatte mit einem Scheitern der Verhandlungen gedroht: Kein Deal sei besser als ein schlechter.
Der Ausgang der Wahl wird mit entscheiden, wie gütlich sich Großbritannien nach mehr als 40 Jahren von der Staatengemeinschaft trennt.

Umfragen sehr unterschiedlich

Umfragen zufolge könnte May ihr Ziel einer komfortablen Mehrheit im Parlament verfehlen. Laut einer Befragung des Meinungsforschungsinstituts Survation vom Mittwoch lagen die Tories mit 41 Prozent nur noch einen Punkt vor Labour mit 40 Prozent. Nach der jüngsten am Wahltag veröffentlichten Befragung von Ipsos Mori für die Abendzeitung "Evening Standard" hatte Mays Partei mit 44 Prozent der Stimmen dagegen acht Punkte Vorsprung vor Labour mit 36 Prozent.

Für die Sitzverteilung im Unterhaus ist wegen des Mehrheitswahlrechts nicht nur das generelle Stimmenverhältnis entscheidend, sondern auch die regionale Verteilung der Stimmen. In den 650 Wahlkreisen gewinnt der jeweils dort an erster Stelle liegende Abgeordnete - die übrigen Stimmen entfallen und werden auch landesweit nicht berücksichtigt.

Endergebnis erst am Nachmittag

Der rechtspopulistischen Partei Ukip droht der Kollaps bei der Wahl.
Im Parlament waren die EU-Gegner zuletzt nicht mehr vertreten, im März war ihr einziger Abgeordneter aus der Partei ausgetreten. "Die Konservativen werden vermutlich viele Ukip-Wähler abziehen", sagte John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow.

Die Briten können bis 23 Uhr MESZ ihre Stimme abgeben. Eine auf Wählerbefragungen basierende Prognose folgt direkt nach Schließung der Wahllokale. Die Auszählung der Stimmbezirke dauert die ganze Nacht. Zwar dürfte sich dann schon ein belastbarer Trend abzeichnen, das Endergebnis der Wahl wird aber erst am Nachmittag vorliegen.

(csi/dpa)