Universitätsverbot für Frauen „Nicht unser Islam!“ – deutsche Imame verurteilen die Taliban scharf

Münster/Kabul · Der Ausschluss der Frauen von den Universitäten widerspreche dem Geist des Islam, erklärt eine Gruppe deutscher muslimischer Geistlicher. In einer gemeinsamen Erklärung richtet sie auch konkrete Forderungen an die deutsche Politik.

 Am 21. Dezember stehen afghanische Studentinnen vor der Kabul-Universität, die sie seitdem nicht mehr besuchen dürfen.

Am 21. Dezember stehen afghanische Studentinnen vor der Kabul-Universität, die sie seitdem nicht mehr besuchen dürfen.

Foto: dpa/Ebrahim Noroozi

Das von der afghanischen Taliban-Regierung ausgesprochene Universitätsverbot für Frauen stößt bei deutschen Imamen auf scharfe Ablehnung. Unter der Überschrift „Nicht unser Islam!“ schreiben 25 muslimische Geistliche, dass ein Ausschluss der Frauen von Hochschulen nicht mit ihrer Religion im Einklang stehe. „Frauen daran zu hindern, Bildungsinstitutionen zu besuchen bzw. zu arbeiten und sich zu verwirklichen, zementiert Strukturen der Abhängigkeit dieser Frauen vom Patriarchat. Dies steht im fatalen Widerspruch zum Islam, wie wir ihn verstehen und vermitteln“, heißt es in ihrer Erklärung, die unserer Redaktion vorliegt. Auf Initiative des Münsteraner Religionswissenschaftlers Mouhanad Khorchide hat sich die Gruppe zu dem Verein „Begegnung zwischen Imamen, Wissenschaft und Gesellschaft“ zusammengeschlossen. Es ist das erste Mal in Deutschland, dass sich Imame kritisch zum Taliban-Regime in Afghanistan und ihrem Vorgehen äußern.

Die muslimischen Geistlichen argumentieren mit dem Menschenbild ihrer Religion. „Der Islam, wie wir ihn verstehen, lehrt, dass der Mensch an sich, unabhängig davon, ob Mann oder Frau, ein von Gott gewolltes selbstbestimmtes Subjekt ist“, steht in der Erklärung. Dabei trage Bildung, so die Imame, zur Schaffung der nötigen Rahmenbedingungen für die Entfaltung dieser Selbstbestimmung des Einzelnen bei. Sie beziehen sich auf den Religionsstifter Mohammed, der Bildung als „religiöse Pflicht für jeden Mann und für jede Frau“ bezeichnet habe.

Die Unterzeichner der Erklärung appellieren an die afghanischen Machthaber, „frauen- und menschenfeindliche Handlungen im Namen des Islams dringend zu unterlassen“. Zugleich kritisieren sie das Frauenbild der Taliban, das diese auf Objekte der Hörigkeit beziehungsweise der sexuellen Vergnügung für Männer reduziere. „Die Auslegung des Islam durch die Taliban vermittelt ein Bild vom Islam als Botschaft der Bevormundung und Entwürdigung des Menschen“, schreiben die Geistlichen. Das sei nicht ihr Islam.

Die Gruppe, der auch konservative Imame angehören, hat es sich zum Ziel gesetzt, einen weltoffenen und aufgeklärten Islam zu verkünden. Sie will auch die Schweigespirale durchbrechen, die nach Ansicht des Initiators Khorchide bei vielen Moscheevereinen vorherrscht. „Innerislamische Kritik muss möglich sein“, fordert der Religionswissenschaftler, der zugleich Imam ist. Die Zurückhaltung vieler islamischer Vereine und Verbände in Deutschland und auch im europäischen Ausland nennt er „irritierend“. Khorchide glaubt zwar, dass die meisten Moscheegemeinden die frauenfeindliche Haltung der radikalen Taliban-Regierung in Afghanistan ablehnten. Aber nur wenige würden das auch offen erklären. „Das konnten wir nicht auf uns sitzen lassen“, erklärt Khorchide im Namen der Gruppe.

Von deutscher Seite erwartet der neugegründete Imam-Verein „klare Schritte, um den Frauen vor Ort zu helfen, ihre Rechte auf Bildung und Freiheit zurückzubekommen“. Da würden Appelle allein nicht ausreichen. Es müsste stattdessen zu konkreten Aktionen kommen, die den Frauen zugutekommen. Die Gruppe erhofft sich auch, dass sich andere Muslime in Deutschland ihrem Aufruf anschließen oder selbst Kritik formulieren.

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