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Ukrainischer Präsident Selenskyj schlägt sich wacker

Bewährungsprobe für einen politischen Quereinsteiger : Ein Hoffnungsträger hält durch

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verlebte sein erstes Amtsjahr im Dauerkrisenmodus. Aber er schlug sich gar nicht schlecht.

(dpa) Zu lachen hat der frühere Komödiant Wolodymyr Selenskyj nach seinem ersten Jahr im Amt als Präsident der Ukraine kaum noch etwas. Eine Krise jagt die nächste. Der mit 42 Jahren jüngste Präsident der Ex-Sowjetrepublik errang bei der Wahl vor einem Jahr am 21. April einen fulminanten Sieg gegen den als korrupt verschrienen Petro Poroschenko. 73 Prozent bei der Stichwahl, das gab es noch nie in dem in die EU und in die Nato strebenden Land. Nach Jahren des Krieges gegen prorussische Separatisten in der Ostukraine sollte vieles besser werden. Aber die Bilanz ist durchwachsen.

Ein stürmisches erster Jahr liegt hinter dem Ex-Schauspieler Selenskyj, der durch eine Rolle als Präsident im Fernsehen bekannt wurde. Die Popularitätswerte von damals sind verflogen. Aber erst unlängst zeigte sich Selenskyj in einer Fernsehshow zufrieden, dass er immer noch über dem Wert seines ersten Wahlganges liege – so bei „55/56 Prozent“. Aber das sei ihm ohnehin nicht so wichtig. „Unsere Aufgabe ist jetzt nicht, für Komfort zu sorgen, sondern fürs Überleben: Brot, Butter, Milch, Getreide“, sagte er mit Blick auf die Corona-Pandemie. Die Krise legt die Schwächen des chronisch unterfinanzierten Gesundheitssystems offen.

Probleme hatte das krisengeschüttelte Land, das zu den ärmsten in Europa gehört, schon immer genug. Mindestens acht Milliarden US-Dollar erwarte die Ukraine vom Internationalen Währungsfonds, von der Weltbank und der EU, sagte Selenskyj. Es gehe wieder einmal darum, den Staatsbankrott abzuwenden. „Ich bin übrigens auch Angela Merkel und Deutschland dankbar. Wir reden. Das heißt, wir werden mehr Geld bekommen“, so der Staatschef.

Seit die Ukraine sich von ihrem Nachbarn Russland wirtschaftlich und politisch abgewendet hat, sieht sie den Westen als wichtigsten Geldgeber in der Pflicht. Vor allem auf Washington setzt Kiew in der Konfrontation mit Moskau. Es geht um militärische Hilfe. „Die USA waren, sind und werden die wichtigsten Verbündeten bei der Verteidigung der Souveränität und des Territoriums der Ukraine sein“. Das sagte Selenskyj mit Blick auf die abtrünnigen Gebiete im Osten und die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim.

Trotzdem ist Selenskyj auch etwas gelungen, was als besonders schwierig galt: die Rückkehr zu einem Dialog zwischen Kiew und Moskau. Unter seiner Führung ist ein neuer ukrainisch-russischer Gaskrieg abgewendet worden. Die Ukraine bleibt damit für fünf Jahre das wichtigste Transitland für die Energielieferungen aus Russland in die Europäische Union – und erzielt damit Milliardeneinnahmen.

Sein wichtigstes Ziel, den Krieg in der Ostukraine zu beenden, hat der Präsident zwar noch nicht erreicht. Der Widerstand der Nationalisten ist groß, den russischsprachigen Gebieten in den Regionen Luhansk und Donezk Autonomie zu überlassen, wie es Moskau fordert. Doch Selenskyj hatte sein erstes persönliches Treffen mit Kremlchef Wladimir Putin. Und sie haben Gefangenenaustausche durchgezogen.

Zum Frieden in dem Konflikt, der nach UN-Schätzungen bisher rund 13.200 Menschenleben gekostet hat, ist es trotzdem noch ein weiter Weg. Selenskyj habe den Ukraine-Konflikt nach dreijährigem Stillstand immerhin vom toten Punkt bewegt, sagte der Politologe Wladimir Fessenko. „Ein Wunder ist nicht geschehen, doch auch keine Katastrophe.“ Fessenko sieht trotz der vielen Krisen Fortschritte. „Es gab eine tiefgreifende Erneuerung der politischen Eliten: zu 80 Prozent ist das Parlament erneuert, zu 90 Prozent das Ministerkabinett, zu 100 Prozent die Gebietsgouverneure. Und Parlament und Regierung sind erheblich jünger geworden.“ Es seien auch wichtige, vom Westen geforderte Reformen angestoßen worden. Der Experte nennt die Freigabe des Handels mit Ackerland, der verboten war.