1. Politik
  2. Ausland

Ukraine: Was eine russische Einnahme von Mariupol strategisch bedeuten könnte​

Asow-Meer-Küste der Ukraine : Was eine russische Einnahme von Azovstal und Mariupol strategisch bedeuten könnte

Das seit Monaten belagerte Mariupol ist ein strategisch wichtiges Ziel der Russen. Nun meldet Russland die Eroberung der letzten verbliebenen Bastion der Ukrainer in der Stadt. Was bedeutet das für den Kriegsverlauf?

Nach Wochen blutiger Kämpfe steht das Stahlwerk Azovstal in der ukrainischen Hafenstadt Mariupol nach Angaben aus Moskau unter russischer Kontrolle. Eine Bestätigung von Seiten der Ukraine gibt es bislang nicht, auch unabhängige Berichte fehlen.

Alle Kämpfer hätten sich ergeben, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitagabend in Moskau. Es seien insgesamt 2439 ukrainische Soldaten seit dem 16. Mai in russische Gefangenschaft gekommen. Der Einsatz russischer Soldaten sei damit nun abgeschlossen worden. Das Werk war das letzte Stück der strategisch wichtigen Stadt im Südosten der Ukraine, das noch nicht komplett unter russische Kontrolle gewesen war. Vor Beginn der russischen Angriffe war Mariupol mit mehr als 400.000 Einwohnern die zehntgrößte Stadt der Ukraine.

Russland hatte bereits im April nach wochenlanger Belagerung erklärt, die Kontrolle über Mariupol im Südosten des Landes übernommen zu haben. Allerdings hatten sich hunderte ukrainische Soldaten im Tunnelsystem unter dem riesigen Industriekomplex von Asovstal verschanzt. Diese Woche begannen die verbliebenen Kämpfer, sich zu ergeben.

Russische Truppen hatten mit der Belagerung von Mariupol bereits kurz nach ihrem Einmarsch in die Ukraine Ende Februar begonnen. Bilder einer zerstörten Geburtsklinik gingen um die Welt. Wochenlang harrten Zivilisten in Kellern aus, selbst Trinkwasser fehlte in der umkämpften Stadt. Erst nach vielen gescheiterten Anläufen wurden Zivilisten aus der Stadt evakuiert. Zuletzt konzentrierten sich die russischen Angriffe auf das Stahlwerk Asovstal, in dessen weitläufigen Kellern sich die letzten Verteidiger der Stadt verschanzt hatten. Auch Zivilisten hatten dort Schutz gesucht und waren erst nach vielen gescheiterten Verhandlungen mit Hilfe internationaler Vermittler nach und nach evakuiert worden.

Am Freitag kam nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums die letzte Gruppe von 531 Kämpfern in Gefangenschaft. Noch Stunden zuvor hatten die verbliebenen ukrainischen Verteidiger des Stahlwerks am Asowschen Meer erstmals erklärt, dass sie einem Befehl ihrer Armeeführung zufolge die Verteidigung der Stadt einstellen sollen. Damit sollten Leben und Gesundheit der Soldaten der Garnison geschützt werden. Das erklärte der Kommandeur des umstrittenen Nationalgarderegiments „Asow“, Denys Prokopenko.

  • In Mariupol sind nur noch wenige
    Krieg in der Ukraine : Russland blockiert alle Evakuierungsrouten aus Mariupol
  • Das russische Militär bombardierte das Theater
    „Ein einziges großes Massengrab“ : Bis zu 600 Tote bei Angriff auf Theater von Mariupol
  • Zerstörung in der ukrainischen Stadt Mariupol.
    UN-Bericht von Evakuierungsproblemen : Darum wollten einige Menschen nach Stahlwerk-Evakuierung in Mariupol bleiben

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj machte am Freitag - in einem noch vor der russischen Verkündung der Einnahme aufgenommenen Fernsehinterview - den Westen für den Rückzug der Ukrainer aus dem Werk mitverantwortlich. Er habe die westlichen Staats- und Regierungschefs wiederholt aufgefordert, sein Land mit „geeigneten Waffen“ zu versorgen - „damit wir Mariupol erreichen können, um diese Menschen zu befreien“.

Sollten sich die russischen Angaben über die Eroberung des Stahlwerks und die Gefangennahme der ukrainischen Kämpfer bestätigen, würden die russischen Kräfte mit Mariupol nun die komplette Küste des Asowschen Meeres kontrollieren. Damit könnten die von Russland anerkannten Separatisten-Regionen Luhansk und Donzek formal eigenständig bleiben. Mit Mariupol haben sie den Zugang zu den Weltmeeren. Sie können nun über den gut ausgebauten größten Hafen am Asowschen Meer ihre Produktion unabhängig von russischen Landrouten auf dem kostengünstigen Wasserweg selbst exportieren.

Viel diskutiert wird auch der Landweg von Mariupol zu der seit 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim. Die Straßenverbindungen dürften jedoch wegen ihres schlechten Zustands für Russland kaum von Interesse sein. Als wichtig auch im militärischen Sinne gelten vielmehr die weiter nördlich verlaufenden Eisenbahnverbindungen über die kürzlich von den russischen Truppen eroberte Stadt Wolnowacha in Richtung des bereits seit Ende Februar von Russland kontrollierten Melitopol und von dort zur Krim.

Dem ukrainischen Generalstab zufolge hatte der erbitterte Widerstand in Mariupol den Vormarsch der russischen Streitkräfte auf die Großstadt Saporischschja, die sich nach wie vor in ukrainischer Hand befindet, entscheidend verlangsamt.

Mariupol hat aber auch für das von Neonazis und Nationalisten gegründete und bis heute von ihnen dominierte Nationalgarde-Regiment „Asow“ eine große symbolische Bedeutung. Dem Gründungsmythos der Einheit nach befreite die Anfang Mai 2014 von Freiwilligen gegründete Einheit knapp einen Monat später die damals von prorussischen Separatisten kontrollierte Hafenstadt. In dem nun wochenlangen Kampf um die Stadt betonten Ukrainer immer wieder: Wenn Mariupol gerettet werde, dann werde die Ukraine gerettet.

Das „Asow“-Regiment hatte zuvor bereits seine Basis bei der benachbarten Hafenstadt Berdjansk verloren. Da Mariupol nun auch noch gefallen ist, gilt dies als Niederlage des Kerns der von den russischen Truppen mit besonderer Härte bekämpften Einheit. Russland feiert dies als einen großen Teilsieg in seinem Angriffskrieg auf die Ukraine.

Der beharrliche Widerstand in Mariupol gegen die russische Invasion sorgte lange dafür, dass nach ukrainischen Angaben eine russische Gruppierung von etwa 14.000 Soldaten mit schwerer Technik an diesen Ort gebunden war. Mit dem Fall der Hafenstadt wird diese nun frei. Die Soldaten könnten für die seit langem erwartete russische Offensive in Richtung Slowjansk und Kramatorsk das entscheidende Übergewicht bringen.

(peng/dpa/AFP)