Ukraine: "Völlig durchgedrehter" Bürgermeister Wjatscheslaw Ponomarjow

Wjatscheslaw Ponomarjow : Ein selbst ernannter Bürgermeister hält die Welt in Atem

Seit dem Osterwochenende hält Wjatscheslaw Ponomarjow im Rathaus von Slawjansk Hof wie ein Tribun. Mit 2000 bewaffneten Männern hält er die ostukrainische Stadt besetzt, sieben westliche Offiziere sind in seiner Gewalt. Der Mann mit den Goldzähnen und dem schwarzen Kapuzenpulli macht Scherze darüber. Er selbst bezeichnet sich als Volksbürgermeister. Andere halten ihn für einen "völlig durchgedrehten" Terroristen.

Am Osterwochenende hatte Wjatscheslaw Ponomarjow seinen ersten großen Auftritt. An einer Straßensperre vor Slawjansk war es zu einem Feuergefecht gekommen, es gab Tote. Wenige Stunden später hielt der selbsternannte Bürgermeister anklagend Gegenstände in russische Fernsehkameras.

Sie sollten beweisen, dass rechtsnationale Faschisten aus der Ukraine hinter dem Angriff steckten. Das "Beweismaterial" sorgte später für Spott und Häme auf Twitter. Dass die Separatisten unter Ponomarjows Führung eine unversehrte Visitenkarte mit der Telefonnummer des Faschistenführers in einem ausgebrannten Auto gefunden haben wollten, weckte erhebliche Zweifel an der Integrität des Bürgermeisters.

Kauder spricht von "Gangster-Methoden"

Knapp eine Woche später zeigt sich, dass der Milizenführer tatsächlich kaum Skrupel an den Tag legt. Wie er die gefangenen Militärbeobachter vor der versammelten Presse zur Schau stellte, sorgte bei westlichen Politikern für Fassungslosigkeit.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Zurschaustellung der Gefangenen als abstoßend. Dies verletze in eklatanter Weise die Würde der Betroffenen. Die öffentliche Zurschaustellung von Kriegsgefangenen verbietet das internationale Recht. Union-Fraktionschef Volker Kauder vergleicht die Geiselnahme mit "Gangster-Methoden". Es sei kaum zu glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert passiere.

Orange steht für Feuer, Schwarz für Schießpulver

Den Bürgermeister schert das nicht. In jedem seiner Auftritte geht es ihm nur um das Eine: Er will seine Macht demonstrieren und zeigen, dass hier, in Slawjansk, alles unter seiner Kontrolle ist. Jede Sekunde scheint er auszukosten. Journalisten begrüßt er als "liebe Freunde", dem deutschen Oberst Axel Schneider klopft er aufmunternd auf die Schulter und spricht mit Blick auf die acht offenkundig eingeschüchterten Offiziere von seinen Gästen. Kurz zuvor hatte er seine Geiseln noch offen als Kriegsgefangene bezeichnet.

Wer ist dieser Ponomarjow? Viel ist nicht über ihn bekannt. Ein ehemaliger Seifenfabrikant und Militärangehöriger soll er sein. Auch von einer kriminellen Vergangenheit ist zu hören. Wer ihn beobachtet, sieht einen Mann der laute Witze macht, sich gerne gönnerhaft zeigt und keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass er bereit ist, im Zweifelsfall Gewalt auszuüben. Wenn er lacht, blitzen zwei goldene Schneidezähne hervor. An seiner Jacke baumelt das schwarz-orangene Georgsbändchen, ein Bekenntnis zur ruhmreichen russischen Armee. Die Farbe Orange bedeutet Feuer, die Farbe Schwarz Schießpulver.

"Natürlich sind hier russische Kämpfer"

In seinen öffentlichen Äußerungen pflegt Ponomarjow eine kriegerische Ausdrucksweise. "Wir bereiten ihnen ein zweites Stalingrad", drohte er, als ukrainische Soldaten auf die Stadt Slawjansk vorrückten. Eine Reporterin der Welt beobachtete, wie der Bürgermeister auf einer Pressekonferenz einmal vor Wut explodierte, weil ihm die Journalisten zu viele Fragen nach dem entführten US-Reporter Simon Ostrovsky stellten. Der sei nicht den Staub auf den Stiefeln seiner Jungs wert.

Sein Verhältnis gegenüber dem Kreml ist schwer einzuschätzen. Ob er ein Lakaie Putins ist oder ein fanatischer Irrläufer, der sich längst nichts mehr sagen lässt, vermag derzeit kaum jemand verlässlich zu sagen. Doch dass er enge Kontakte zu den Russen pflegt, daran zweifelt niemand. "Natürlich sind hier russische Kämpfer", sagt er den Journalisten über seine schwer bewaffneten Kämpfer, ohne deren Begleitung er niemals auftritt. Das seien alles Freunde, Ex-Soldaten aus der Sowjetunion.

"Völlig durchgedreht"

Seine politischen Feinde, die Machthaber in Kiew, sehen in ihm einen Wahnsinnigen. Der ukrainische Präsidentschaftskandidaten Pedro Poroschenko spricht von einer "hochgefährlichen Situation für die deutschen Geiseln." Der Bürgermeister habe Ukrainer foltern lassen, Politiker getötet. "Er ist völlig durchgedreht und bereit, seine Waffen auch auf Ausländer zu richten", sagte der Politiker der Bild.

Das Schicksal der Militärbeobachter ist angesichts solcher Prognosen ungewiss. Kürzlich versprach Ponomarjow zwar noch, man werde die Gefangenen nicht töten. Aber dass sie bei einer Schießerei zufällig ums Leben kommen könnten, könne er leider nicht ausschließen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Wjatscheslaw Ponomarjow - der Volksbürgermeister von Slawjansk

(pst)
Mehr von RP ONLINE