Aus der Region Donezk Kiew und Moskau beschuldigen sich gegenseitig Gefangenenlager beschossen zu haben

Kiew · Prorussische Separatisten und das russische Verteidigungsministerium machen die Ukraine für den Tod Dutzender ukrainischer Kriegsgefangener verantwortlich. Kiew weist das zurück und vermutet ein planvolles Vorgehen der Gegenseite, um Gräuel zu vertuschen.

 Ukraine, Oleniwka: Ein Soldat steht Wache neben der Mauer eines Gefängnisses in Oleniwka, in einem von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten Gebiet.

Ukraine, Oleniwka: Ein Soldat steht Wache neben der Mauer eines Gefängnisses in Oleniwka, in einem von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten Gebiet.

Foto: dpa/-

Die Ukraine und Russland haben sich gegenseitig für den Beschuss eines Kriegsgefangenenlagers in der Region Donezk verantwortlich gemacht, bei dem offenbar Dutzende ukrainische Soldaten getötet und verletzt wurden. Beide Seiten erklärten, der Angriff sei vorsätzlich verübt worden, um Gräueltaten zu vertuschen.

Prorussische Separatisten und Vertreter Russlands sprachen von 53 getöteten ukrainischen Kriegsgefangenen und 75 Verletzten. Das ukrainische Militär erklärte hingegen, es habe auf das von den Separatisten der selbst ernannten Volksrepublik Donezk kontrollierte Oleniwka keinerlei Artillerie- und Raketenfeuer seitens seiner Einheiten gegeben.

Ukrainische Truppen nähmen ausschließlich militärische Ziele und nicht zivile Gebiete unter Feuer, hieß es in der Erklärung, die Russland für den Beschuss verantwortlich machte. Damit wollten die russischen Streitkräfte die Ukraine eines Kriegsverbrechens beschuldigen und Folter und Hinrichtungen in dem Camp vertuschen. Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj sprach von einem „vorsätzlichen, zynischen, kalkulierten Massenmord an ukrainischen Gefangenen“. Unabhängig verifiziert werden konnten weder die russischen noch die ukrainischen Angaben.

Moskau schickte ein Team des russischen Ermittlungskomitees in das Lager. Die staatliche Nachrichtenagentur Ria Nowosti berichtete, es seien Fragmente von Geschossen der von den USA an die Ukraine gelieferten Mehrfachraketenwerfer des Typs Himars gefunden worden.

Denis Puschilin, der Chef der international nicht anerkannten Volksrepublik Donezk, erklärte, in dem Lager hätten sich 193 Insassen befunden. Er machte keine Angaben zur Zahl der ukrainischen Kriegsgefangenen dort. Der stellvertretende Kommandeur der separatistischen Streitkräfte von Donezk, Eduard Bassurin, legte nahe, die Ukraine habe sich zu dem Angriff entschlossen, um Insassen daran zu hindern, wichtige militärische Informationen weiterzugeben.

Die Ukraine habe genau gewusst, wo ihre Soldaten gefangen gehalten worden seien, sagte er. „Nachdem die ukrainischen Kriegsgefangenen begonnen hatten, über die von ihnen begangenen Verbrechen und Befehle aus Kiew zu sprechen, traf die politische Führung der Ukraine eine Entscheidung“, sagte Bassurin.

Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak forderte eine genaue Untersuchung des tödlichen Angriffs und rief die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen dazu auf, die Attacke zu verurteilen. Er sagte, die Russen hätten einige ukrainische Gefangene nur wenige Tage zuvor in die Baracke verlegt, die getroffen wurde. Er legte nahe, dass dies geplant gewesen sei. Der Zweck sei, die Ukraine vor ihren Verbündeten zu diskreditieren und die Waffenlieferungen an sie zu stören, schrieb er bei Twitter.

Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, beschrieb den Angriff als „blutige Provokation“ die ukrainische Soldaten davon abhalten solle, sich zu ergeben. Auch er attestierte, es seien bei der Attacke Mehrfachraketenwerfer des Typs Himars eingesetzt worden. Unter den Verletzten seien acht Wärter.

Der ukrainische Gouverneur der Region Donezk, Pawlo Kyrylenko, teilte mit, die russischen Angriffe in dem Gebiet nähmen von Tag zu Tag an Intensität zu. Zivilisten sollten, wenn es noch möglich sei, die Kampfzonen verlassen. „Die russische Armee schert sich nicht um zivile Opfer. Sie feuern auf Städte und Dörfer in der Region.“ Bei einem russischen Angriff auf die Stadt Kramatorsk sei am Freitag ein Mensch getötet worden, fünf weitere seien verletzt worden, sagte er.

Unter den ukrainischen Kriegsgefangenen in dem Donezker Gefangenenlager befanden sich Soldaten, die nach dem Fall der südlichen Hafenstadt Mariupol gefangen genommen worden waren. Sie hatten sich über Monate im Azovstal-Stahlwerk der Stadt verschanzt, in dem auch Zivilisten Schutz gesucht hatten. Das Werk wurde zu einem Symbol für den ukrainischen Widerstand gegen die russische Aggression.

(jmb/dpa)
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