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Ukraine: Kiew weitet Militäroffensive im Osten aus

Moskau fordert Einschreiten des Westens : Kiew weitet Militäroffensive im Osten der Ukraine aus

Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter: Nach der Freilassung der OSZE-Militärbeobachter hat die ukrainische Armee ihre Offensive gegen prorussische Separatisten im Osten des Landes ausgeweitet. Russland fordert deswegen von der OSZE und dem Europarat eine scharfe Reaktion auf die "Anti-Terror-Operation" in der Ost-Ukraine.

Nachdem es am Freitag in Slawjansk und Odessa dutzende Tote gegeben hatte, wurde am Wochenende auch in Städten wie Kramatorsk, Lugansk und Kostjantyniwka gekämpft. Die OSZE-Beobachter, unter ihnen vier Deutsche, waren am Samstag nach acht Tagen in der Gewalt der Milizen freigelassen und nach Berlin ausgeflogen worden.

Der Militäreinsatz sei auf weitere Städte ausgeweitet worden, sagte der Vorsitzende des ukrainischen Sicherheitsrats, Andrij Parubij. Bei Kostjantyniwka räumten die Separatisten in der Nacht zum Sonntag einen Kontrollposten, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten. Kämpfer der Milizen berichteten über nächtliche Gefechte mit der Armee.

In Kramatorsk eroberte die Armee am Samstag einen Fernsehsendeturm und mehrere Kontrollposten der Milizionäre zurück. In Lugansk griffen prorussische Bewaffnete eine Militäreinheit und ein Rekrutierungsbüro der Armee an und verletzten zwei Soldaten. In Slawjansk schien sich die Lage am Sonntagmorgen zunächst beruhigt zu haben. Dort waren am Freitag bei Kämpfen mindestens neun Menschen getötet worden.

In der Schwarzmeerstadt Odessa eskalierte am Freitagabend die Gewalt zwischen hunderten Anhängern der Regierungen in Kiew und Moskau. Bei Straßenschlachten bewarfen sich beide Seiten mit Molotow-Cocktails, ein Gewerkschaftsgebäude wurde in Brand gesteckt. Insgesamt wurden 42 Menschen getötet.

Zwei Tage Staatstrauer

Übergangspräsident Oleksander Turtschinow ordnete eine zweitägige Staatstrauer an. Ministerpräsident Arseni Jazenjuk reiste am Sonntag nach Odessa und sagte, die Gewalteskalation sei Teil eines russischen "Plans zur Zerstörung der Ukraine". Er warf prorussischen Demonstranten vor, die Gewalt "provoziert" zu haben, und kritisierte auch die Sicherheitskräfte.

Nach Angaben von Augenzeugen hatten prorussische Aktivisten zunächst proukrainische Demonstranten und Fußballfans in der südukrainischen Stadt attackiert und sich später in das Gewerkschaftshaus zurückgezogen, das dann von einer wütenden Menschenmenge angegriffen wurde. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich "bestürzt und schockiert über den qualvollen Tod so vieler Menschen".

Moskau: Westen muss einschreiten

Russland fordert von der OSZE und dem Europarat eine scharfe Reaktion auf die "Anti-Terror-Operation" in der Ostukraine.
Die Regierung in Kiew führe eine "Strafaktion gegen das eigene Volk" durch, aber der Westen schweige dazu, kritisierte das Außenministerium in Moskau am Sonntag. Russland könne nicht glauben, dass die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) nicht informiert sei über das "Blutvergießen, das schießende Truppen an unbewaffneten Menschen" anrichteten, hieß es in einer Mitteilung. Moskau rufe den Westen mit Nachdruck auf, auf die "tragischen Ereignisse in der Ukraine schnell zu reagieren".

Sehr erleichtert zeigte sich die Bundesregierung hingegen über die Freilassung der sieben Inspekteure der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), darunter drei Bundeswehrsoldaten und ein deutscher Dolmetscher. Sie trafen am Samstagabend mit einer Regierungsmaschine in Berlin ein und wurden von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) auf dem Rollfeld begrüßt. Von der Leyen äußerte ihre "tiefe Dankbarkeit" für die internationale Zusammenarbeit, die zur unversehrten Rückkehr der Männer geführt habe.

Die befreiten Militärbeobachter, unter ihnen auch ein Pole, ein Tscheche und ein Däne, wurden am Flughafen Berlin-Tegel auch von ihren Familien erwartet. Nach der "stetig steigenden Bedrohung" der vergangenen Tage sei die Gruppe "sehr froh, sehr glücklich, aber auch beträchtlich erschöpft", sagte der deutsche Teamleiter, Oberst Axel Schneider, laut dem Verteidigungsministerium während des Flugs.

Die OSZE-Beobachter waren Ende April nahe Slawjansk gefangen genommen worden. Die Separatisten hatten die Geiseln als "Kriegsgefangene" bezeichnet und ursprünglich einen Austausch mit inhaftierten Gesinnungsgenossen gefordert. Nach Angaben des russischen Unterhändlers Wladimir Lukin fand aber kein Gefangenenaustausch statt. Die Freilassung sei vielmehr ein "humanitärer Akt des guten Willens" gewesen.

US-Außenminister John Kerry bezeichnete die Freilassung als "Fortschritt" in der Ukraine-Krise. Allerdings müsse Russland zum Abbau der Spannungen seine "Unterstützung für die Separatisten" in der Ostukraine aufgeben. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow erklärte hingegen, Moskau habe "seinen Einfluss auf diese Leute verloren".

Hier geht es zur Bilderstrecke: Freigelassene OSZE-Militärbeobachter in Berlin gelandet

(AFP/dpa)