Militärhilfe per Telefon-Hotline Haubitze kaputt? - So funktioniert die Fernwartung für Soldaten der Ukraine

Eine Militärbasis in Südostpolen · Aus Nato-Ländern erhält die Ukraine immer mehr hochmoderne Waffen für den Kampf gegen die russischen Angreifer. Das macht Wartung und nötige Reparaturen an den Frontlinien zu einer Herausforderung. Die Lösungen reichen von Hotline bis Chatroom.

 Ukrainische Soldaten reparieren Mitte Januar einen Panzer (Archivfoto).

Ukrainische Soldaten reparieren Mitte Januar einen Panzer (Archivfoto).

Foto: AFP/ANATOLII STEPANOV

An der Frontlinie in der Ukraine hat ein Soldat Probleme beim Abfeuern seiner 155mm-Haubitze. So sucht er Rat bei einem US-Militärteam - via einer Hotline. „Was tun?“ fragt der Ukrainer den Amerikaner auf der anderen Seite des Drahtes, weit entfernt auf einem Militärstützpunkt im südöstlichen Polen. „Was sind meine Optionen?“ Die Antwort kommt schnell. Der Ukrainer folgt ihr - und es funktioniert.

Kommunikationen solcher Art sind keineswegs selten. Die USA und andere Nato-Länder unterstützen das ukrainische Militär im Kampf gegen die russischen Invasoren mit zunehmend komplizierten High-Tech-Waffen, und damit steigt die Nachfrage nach Wartungs- und Reparaturratschlägen. So steht denn eine rapide wachsende Zahl von amerikanischen und verbündeten Soldaten sowie Vertragsnehmern bereit, ihnen unter die Arme zu greifen - in Echtzeit in virtuellen verschlüsselten Chatrooms, mit Hilfe von Telefonen, Tablets und zumeist Dolmetschern.

Anders geht es nicht, da die USA und andere Nato-Staaten keine Soldaten in die Ukraine schicken wollen, auch nicht zu Ausbildungszwecken - aus Sorge, dass sie damit in einen direkten Konflikt mit Russland gezogen werden könnten.

Der US-Soldat und andere Teammitglieder im Stützpunkt in Polen sprachen in der vergangenen Woche mit zwei Journalisten, die US-Generalstabschef Mark Milley bei einem Besuch auf dem Stützpunkt begleiteten. Im Einklang mit Sicherheitsregeln äußerten sich die Soldaten unter der Bedingung, anonym zu bleiben, und die Reporter verpflichteten sich, Ort und Namen der Basis nicht zu nennen und keine Fotos zu machen.

Wie man ein Problem mit einer Haubitze behebt, ist dem sogenannten Fernwartungs-Instandhaltungsteam zufolge eine häufige Frage ukrainischer Soldaten an den Frontlinien - eine häufige von vielen. Hatte das vor ein paar Monaten nur etwas mehr als 50 Leute, wird sie in den nächsten Wochen auf 150 Mitglieder wachsen. Die Zahl der verschlüsselten Chatverbindungen hat sich mehr als verdreifacht - von ungefähr 15 im vergangenen Herbst auf jetzt 38.

Das Team schließt derzeit etwa 20 Soldaten ein, ergänzt von Zivilisten und Vertragsnehmern, aber die Zahl der Militärangehörigen könnte etwas sinken, da mehr Zivilisten hinzukommen. Die Zusammensetzung hängt auch von den neuen hochmodernen Waffen ab, die Verbündete künftig noch der Ukraine liefern werden - und die neue Chatrooms erfordern, um mit ihnen umzugehen.

„Wir bekommen oft Anrufe direkt von der Schützenlinie, das heißt, es gibt Feuer, das herausgeht und das hereinkommt, zur selben Zeit, in der du versuchst, den Instandhaltern draußen vor Ort zu helfen, Probleme zu beheben so gut sie es können“, sagt ein US-Soldat, der dem Team angehört. Manchmal müsse der Chat etwas warten, damit Soldaten an einen sichereren Ort gelangen könnten.

Ein Schlüsselproblem, so schildert ein anderes Teammitglied, liegt darin, dass die Ukrainer die Waffen bis an deren Grenzen einsetzen, außergewöhnlich häufig und auch noch lange, nachdem US-Militärangehörige solche Systeme in der Regel abgäben, damit sie repariert oder ausgemustert werden. Der US-Soldat zeigt auf seinem Tablet Fotos vom Schussrohr einer Haubitze, dessen innere Ränder fast ganz abgewetzt sind. „Sie nutzen diese Systeme auf eine Weise, die wir vielleicht nicht unbedingt vorhergesehen haben“, sagt er. „Tatsächlich lernen wir von ihnen, wie viel Überbeanspruchung diese Waffensysteme aushalten können und wo die Grenze der Belastbarkeit liegt.“

Die ukrainischen Soldaten sind oft abgeneigt, die Waffen zur Reparatur aus dem Land schicken. Sie machen es lieber selbst - nach amerikanischen Schätzungen in 99 Prozent aller Fälle. Einem Teammitglied zufolge haben die Ukrainer selbst viel dazu gelernt, etwa die bemerkenswerte Fähigkeit, teilweise zersprengte Waffen wieder zusammenzusetzen. „Sie konnten vorher kein Titan verschweißen, jetzt können sie es“, sagt der US-Soldat.

Aber es kommen neue Herausforderungen, nicht nur für die Soldaten an den Frontlinien, sondern auch für das Instandhaltungsteam. Mitglieder sagen, dass das Patriot-Raketenabwehrsystem, das die USA an die Ukrainer liefern werden, mehr Erfahrung erfordern wird, Probleme zu diagnostizieren und zu beheben.

Das Team in Polen ist Teil eines sich stets erweiternden logistischen Netzwerkes, das sich über Europa erstreckt. Mehr Länder schicken der Ukraine ihre eigenen Versionen von Waffensystemen, und parallel dazu werden Teams an verschiedenen Orten aufgebaut, um für Unterstützung bei anfallenden Instandsetzungen zu sorgen. Die Länder und Herstellerfirmen stellen rasch Bedienungsanleitungen und technische Daten zur Verfügung, die übersetzt an die Ukrainer gehen. Dann werden Vorräte an Ersatzteilen zusammengestellt und an Orte nahe der ukrainischen gebracht - zum weiterem Transport an die Frontlinien.

Der Knotenpunkt der wachsenden logistischen Operationen befindet sich auf dem US-Heeresstützpunkt in Wiesbaden. Dort, in einem großen Raum in der Lucius-D.-Clay-Kaserne, koordiniert die internationale Koalition die Anstrengungen, weit verstreute Ausrüstung, Waffen und Ersatzteile in anderen Ländern, die in der Ukraine benötigt werden, zu lokalisieren und identifizieren. Dann arbeitet sie Pläne zur Lieferung - per Schiff, Flugzeug oder auf Landrouten - an Grenzorte aus, wo alles auf Lastwagen und Züge geladen und in die Kriegszone befördert wird.

Mindestens 17 Staaten haben Vertreter in dem, was - übersetzt - Internationales Spender-Koordinationszentrum genannt wird. Mit der Lieferung von mehr zusätzlicher fortgeschrittener Ausrüstung an die Ukraine müssten natürlich auch die Aktivitäten zur Instandhaltung zunehmen“, sagt Douglas Bush, Abteilungsleiter für Beschaffungsmaßnahmen im US-Heeresministerium. Das sei eine Herausfordeurng, aber „ich denke, die Army weiß, wie man es macht.“

(peng/dpa)
Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort