Neue Front im Norden? Ukraine verstärkt Druck auf russische Truppen im Süden

Cherson · Brücken in Cherson sind weitgehend unbrauchbar. Russische Truppen behelfen sich unter anderem mit Fähren. Die Ukraine befürchtet indessen eine neue Front im Norden.

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Zwei Jahre Krieg in der Ukraine

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Foto: dpa/Emilio Morenatti

Ukrainische Truppen haben ihren Druck auf russische Invasionstruppen im Süden der Ukraine verstärkt. Unter anderem seien Versorgungsrouten über den Dnipro beschossen worden, teilte das Militär am Freitag mit. Nach Angaben der russischen Verwaltung wurden dabei vier Zivilisten getötet. Im Donbass kamen bei russischem Beschuss zwei Menschen ums Leben. Derweil stationierte Russland Truppen in Belarus. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte zugleich, Präsident Wladimir Putin sei gesprächsbereit.

Ukrainische Truppen stoßen bei einer Offensive auf der Westseite des Dnipro vor und beschießen Brücken über den Fluss. Die russischen Besatzer haben deshalb Fähren und Pontonbrücken eingerichtet, um die Invasionstruppen auf dem Westufer mit Nachschub zu versorgen. Am Donnerstagabend sei eine Brücke über den Dnipro getroffen worden, sagte der von Russland eingesetzte Vizestatthalter der Region, Kirill Stremoussow. Dabei seien mindestens vier Zivilisten getötet worden, unter ihnen ein Journalist des von Russland aufgebauten Senders Tamwria. Ein führender Vertreter der Gesundheitsdienste in der Stadt, Wadim Ilmijew, sprach von 13 Verletzten.

Das ukrainische Militär bestätigte, es habe die nach früheren Angriffen unbrauchbare Antoniwskji-Brücke in der Stadt Cherson beschossen, allerdings erst nach Beginn der dort verhängten Ausgangssperre. „Wir greifen keine Zivilisten und Siedlungen an“, versicherte die Sprecherin des Südkommandos der Streitkräfte, Natalia Humeniuk.

Der ukrainische Generalstab erklärte, Russland habe etwa 2000 Wehrpflichtige nach Cherson geschickt, um Verluste auszugleichen und die Frontlinie zu verstärken. Von Russland eingesetzte Behörden drängten Einwohnerinnen und Einwohner, Cherson zu verlassen, damit das Militär Befestigungen errichten könne. Das ukrainische Militär teilte mit, die Evakuierung von Angestellten bei Banken und medizinischen Einrichtungen sowie Lehrern habe begonnen. Mindestens 15 000 Menschen seien aus der Stadt gebracht worden, etwa 60 000 sollten es wohl werden.

Cherson hatte vor Kriegsbeginn etwa 284 000 Einwohner und war eine der ersten Großstädte, die Russland nach Beginn der Invasion eroberte. Sie gehört zur Region Cherson, die Russland zusammen mit Luhansk, Donezk und Saporischschja im September völkerrechtswidrig annektiert, aber nie vollständig kontrolliert hat. Die Kontrolle der Stadt mit wichtigen Industriebetrieben und einem großen Hafen ist für beide Kriegsparteien wichtig.

In Donezk beschossen russische Truppen die Stadt Bachmut, wobei es nach Angaben von Gouverneur Pawlo Kyrylenko zwei Tote gab. Russische Truppen versuchen seit nunmehr einem Monat vergeblich, auf die Stadt vorzurücken.

Beschossen wurde auch Charkiw, die zweitgrößte Stadt der Ukraine. Dabei seien neun Menschen verletzt worden, sagte Gouverneur Oleh Syniehubow.

Russland nährte Spekulationen, es könnte im Norden der Ukraine eine weitere Front eröffnen. Es verlegte Flugzeuge und Soldaten auf Luftwaffenstützpunkte in Belarus. Der ukrainische Generalstab erklärte, es bestehe eine erhöhte Möglichkeit, dass Russland mit einem Angriff von dort versuchen könnte, Nachschubwege für Waffen aus dem Westen zu treffen. Die Truppenstationierung könne aber auch dazu dienen, die Ukraine zum Verlegen von Kräften zu bringen und so die Offensive im Süden das Landes zu schwächen.

(mzu/dpa)
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