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Tunesien: Souad Abderrahim zur Bürgermeisterin von Tunis gewählt

Historische Wahl in Tunesien : Erstmals ist eine Frau Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt

Sensation in Tunesien: Aktivisten feiern den Erfolg der Pharma-Managerin Souad Abderrahim als Meilenstein für Frauenrechte in der arabischen Welt.

Souad Abderrahim strahlte übers ganze Gesicht, streckte die Arme in die Luft und machte mit beiden Händen das Siegeszeichen. Um sie herum feierten islamisch-konservative Abgeordnete im Stadtrat der tunesischen Hauptstadt Tunis eine historische Entscheidung: Abderrahim, eine 53-jährige Pharma-Managerin, ist erste gewählte Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt. Ausgerechnet mit den Stimmen der islamisch-konservativen Partei Ennahda setzte sich Abderrahim im Stadtrat durch. Aktivisten feiern die Wahl als weiteren Meilenstein für Frauenrechte in der arabischen Welt. Erst vor Kurzem hatte Saudi-Arabien Frauen erstmals das Autofahren erlaubt.

Kein einziger Nahoststaat wird von einer Frau geführt

Es gibt nach wie vor wenige Frauen in politischen Spitzenämtern im Nahen Osten. Der Anteil weiblicher Parlamentsabgeordneter in der Region liegt laut Zahlen der Weltbank bei 16 Prozent und ist damit halb so hoch wie der Frauenanteil in europäischen Parlamenten. Einige Länder haben zwar Ministerinnen: Ägypten hat acht weibliche Kabinettsmitglieder, und Sheikha Lubna al Kasimi, die Ministerin für Toleranz der Vereinigten Arabischen Emirate, wurde vom Magazin „Forbes“ zur mächtigsten Frau in der arabischen Welt gekürt. Doch kein einziger Nahost-Staat wird von einer Frau geführt. Vor drei Jahren sorgte die Bauingenieurin Zekra Alusch für Schlagzeilen, als sie Bürgermeisterin der irakischen Hauptstadt Bagdad wurde – anders als Abderrahim in Tunis wurde Alusch allerdings nicht gewählt, sondern von Ministerpräsident Haidar al Abadi eingesetzt.

Abderrahim ist in ihrer Stadt nicht unumstritten. Die Managerin, die ihr Haar offen trägt, ist Mitglied des Politbüros der islamisch-konservativen Ennahda. Kritiker werfen ihr vor, sie werde von der Partei eingesetzt, um Modernität und Weltoffenheit vorzutäuschen. Weil das Bürgermeisteramt in der tunesischen Hauptstadt mit dem traditionellen religiösen Titel des Scheichs verbunden ist, gab es auch andere Bedenken gegen die Kandidatin. Abderrahim werde als Frau an hohen religiösen Feiertagen nicht zusammen mit anderen Honoratioren in der Moschee auftreten können, lautete das Argument. Die Ennahdha-Partei, die sich als Organisation „muslimischer Demokraten“ bezeichnet, erklärte jedoch, sie habe kein Problem mit einer Bürgermeisterin im Gotteshaus.

Tunis soll sauberer und grüner werden

Im Stadtrat setzte sich Abderrahim gegen die Vorbehalte durch. Ennahda hatte bei der Kommunalwahl im Mai – der ersten seit der Revolution vor sieben Jahren – 21 der 60 Sitze im Stadtrat gewonnen. Bei der Bürgermeisterwahl im Rat in dieser Woche blieben linke und säkulare Politiker der Wahl aus Protest gegen die Ennahda fern, weshalb Abderrahim mit der Hilfe einiger Verbündeter auf 26 Stimmen kam, die zum Erfolg reichten. Als Verwaltungschefin will sie sich nun vor allem darum kümmern, die Hauptstadt sauberer und grüner zu machen. Eine Reform der Müllabfuhr steht ganz oben auf ihrer Liste. „Tunesien macht Geschichte“, sagte Abderrahim nach der Wahl.

Wieder einmal, hätte sie hinzufügen können. Im Dezember 2010 hatte in dem kleinen nordafrikanischen Land die Welle von Aufständen begonnen, die im Jahr darauf den gesamten Nahen Osten erfasste und als Arabischer Frühling bekannt wurde. In Tunesien selbst sowie in Ägypten, Libyen und Jemen stürzten autokratische Herrscher, während in Syrien ein brutaler Bürgerkrieg begann. Von allen Ländern des Arabischen Frühlings steht Tunesien heute trotz großer wirtschaftlicher Probleme, schwacher demokratischer Institutionen und autokratischer Tendenzen in der Politik am besten da.

Beim Thema Frauenrechte ist Tunesien in der Region ebenfalls führend, auch wenn das Erreichte für Aktivistinnen längst nicht genug ist. Die Verfassung aus dem Jahr 2014 schreibt die Gleichstellung von Mann und Frau fest. Seit September vergangenen Jahres ist die Heirat muslimischer Frauen mit Nicht-Muslimen gesetzlich erlaubt; tunesische Männer konnten schon vorher ohne Probleme nicht-muslimische Frauen heiraten. Im Februar trat ein weiteres Gesetz in Kraft, das Frauen mehr Schutz vor physischem, sexuellem und psychologischem Missbrauch ermöglicht. Frauenverbände fordern nun die gesetzliche Gleichstellung von Frauen beim Erben, ein sensibles Thema in muslimischen Gesellschaften.