Türkei: Ekrem Imamoglu ist der Gegenentwurf zu Recep Tayyip Erdogan

Kommunalwahl in der Türkei : Ekrem Imamoglu – der Gegenentwurf zu Erdogan

Ekrem Imamoglu (49) hat es geschafft: Der Kandidat der Opposition liegt bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul vorn. Im Wahlkampf ist er als Versöhner aufgetreten, nicht als Spalter wie der autoritäre Staatschef. Ein Zeichen mangelnder Entschlossenheit ist das aber nicht.

Vor ein paar Monaten kannten nur Wähler in einem Istanbuler Vorort seinen Namen. Doch seit Sonntag ist Ekrem Imamoglu, Bürgermeisterkandidat der Opposition in Istanbul, der Hoffnungsträger vieler türkischer Regierungsgegner. Imamoglu – sein Name bedeutet „Sohn des Imams“ – ist zwar Mitglied der säkularistischen Partei CHP, doch er spricht auch islamisch-konservative Wähler an. Während Präsident Recep Tayyip Erdogan spaltet, tritt Imamoglu als Versöhner auf. Damit trifft er den Nerv vieler Türken, die der Polarisierung durch die Erdogan-Partei AKP müde sind.

Nach Angaben des türkischen Wahlleiters lag Imamoglu bei der Istanbuler Bürgermeisterwahl nach Auszählung fast aller Wahlurnen am Montag knapp 30.000 Stimmen vor seinem AKP-Konkurrenten Binali Yildirim. Das endgültige Wahlergebnis wird wohl erst nach Prüfung erwarteter Einsprüche feststehen. Aber Imamoglu gilt schon jetzt als eigentlicher Gewinner.

Mit 49 Jahren gehört der dreifache Familienvater einer jungen Politiker-Generation an, die sich anschickt, den 65-jährigen Erdogan, den 63-jährigen Yildirim und deren Altersgenossen abzulösen. Imamoglu stammt aus der konservativen nordosttürkischen Stadt Trabzon und arbeitete als Betriebswirt zunächst im Bauunternehmen seiner Familie. Wie Erdogan ist Imamoglu Hobby-Fußballer – und wie Erdogan begann er seine politische Karriere als Lokalpolitiker in Istanbul: Vor fünf Jahren wurde er für die CHP zum Bürgermeister von Beylikdüzü gewählt, einem bürgerlichen Vorort am westlichen Stadtrand der 15-Millionen-Metropole.

Als sich Imamoglu im Dezember die CHP-Kandidatur für das Amt des Istanbuler Oberbürgermeisters sicherte, war er den allermeisten Wählern von Istanbul und politischen Beobachtern unbekannt. In einem eher beharrlichen als spektakulären Wahlkampf ging Imamoglu daran, das zu ändern. Dabei profitierte er von den Fehlern der AKP: Erdogan suchte seinen Vertrauten Yildirim als AKP-Kandidaten für Istanbul aus – der eher als Partei-Apparatschik wirkte denn als Mann des Aufbruchs.

Vom Stil her könnten Imamoglu und Erdogan nicht verschiedener sein. Der Staatspräsident ist ein politisches Raubein; er beschimpft seine Gegner als Terroristen und Landesverräter. Imamoglu dagegen rief seine Anhänger selbst in der Hektik des Wahlabends auf, der politischen Konkurrenz höflich und „mit einem Lächeln“ entgegenzutreten.

Sein unaufgeregter Stil zeigte sich auch beim Plakate-Gate: In der Nacht auf Montag wurden AKP-Transparente  in Istanbul aufgehängt, auf denen sich Kandidat Yildirim und Präsident Erdogan für den Sieg bedanken – ungewiss, ob die AKP so siegessicher war oder es sich um einen gezielten Manipulationsversuch handelte. Imamoglu blieb cool und twitterte lediglich: „Ich hoffe, dass Herr Yildirim sich nicht für eine solche Manipulation instrumentalisieren lässt.“ Die Plakate wurden abgehängt, der große Streit blieb aus.

Imamoglus sanftes Auftreten ist kein Zeichen mangelnder Entschlossenheit. Fast ein Dutzend Mal trat er am Wahlabend vor die Kameras und kritisierte die regierungstreuen Medien, die seinen Stimmenanteil konsequent niedriger anzeigten, als er in Wirklichkeit war. „Ich lasse mir nicht meine Rechte nehmen“, wiederholte er mehrmals.

Viele Oppositionsanhänger hoffen nun, dass Imamoglu die verknöcherte CHP auf Landesebene auf Vordermann bringen kann. Der „Sohn des Imams“ ist der Mann der Stunde in der Türkei.

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