Straßenschlachten in Ägypten: Tote am "Freitag der Ablehnung"

Straßenschlachten in Ägypten : Tote am "Freitag der Ablehnung"

Blutiger "Freitag der Ablehnung" in Ägypten: Bei den Massenprotesten von Islamisten gegen den Sturz von Präsident Mursi hat es mindestens sechs Todesopfer gegeben. Zehntausende waren nach dem Mittagsgebet in Kairo und anderen Städten gegen den "Militärputsch" auf die Straße gegangen.

Als Demonstranten vor den Sitz der Republikanischen Garden marschierten, wo Mursi angeblich festgehalten wird, eröffneten die Soldaten das Feuer. Mehrere Menschen wurden nach Angaben der Muslimbruderschaft verletzt. Sie hatte zu den Protesten aufgerufen. Landesweit sind sechs Menschen getötet worden. Das teilte das Gesundheitsministerium am Freitag mit.

Oberhaus aufgelöst

Unterdessen hat der Übergangspräsident Adli Mansur das islamistisch geführte Oberhaus aufgelöst. Das berichtete das Staatsfernsehen am Freitag. Die Auflösung der als Schura-Rat bekannten Parlamentskammer sei in einer verfassungsrechtlichen Erklärung Mansurs angeordnet worden, hieß es weiter.

Der Schura-Rat hat für gewöhnlich keine legislative Gewalt inne. Unter dem inzwischen gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi war der von Islamisten dominierte Rat jedoch zum gesetzgebenden Gremium aufgestiegen, nachdem das Unterhaus zuvor auf eine Gerichtsanordnung hin aufgelöst worden war.

Führer der Muslimbrüder wieder frei

Derweil ist der Führer der ägyptischen Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, aus der Haft entlassen worden. Kurz nach seiner Freilassung tauchte er am Freitag auf einer Großkundgebung für den gestürzten Staatschef Mohammed Mursi auf. "Freie Revolutionäre, wir werden unseren Weg fortsetzen", skandierte Badia mit Zehntausenden Anhängern Mursis. Man werde "unsere Rechte verteidigen", fügte er hinzu.

Kurz nach der Entmachtung Mursis durch die Armee am Mittwochabend waren Badia und weitere führende Muslimbruder festgenommen worden. Am Freitagabend teilte die Muslimbruderschaft auf ihrer Facebook-Seite mit, dass Badia aus der Haft entlassen worden sei.

Afrikanische Union schließt Ägypten aus

Die Afrikanische Union (AU) schloss Ägypten wegen des Umsturzes aus ihren Reihen aus. Der Machtwechsel in Kairo "entspreche nicht der Verfassung Ägyptens", lautete die Begründung des AU-Sicherheitsrates am Freitag in Addis Abeba.

Das Militär hatte Mursi am Mittwoch gestürzt, nachdem er tagelange, zum Teil blutige Massenproteste gegen seine Herrschaft nicht hatte beruhigen können. Auch gegen die Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, ging sie scharf vor. Verfassungsgerichtspräsident Adli Mansur trat die vorübergehende Nachfolge an.

Unmittelbar nach seiner Vereidigung hatte Mansur angekündigt, die Islamisten an der Regierung beteiligen zu wollen. Dies schlossen die religiösen Kräfte jedoch kategorisch aus. Mursi selbst bezeichnete seine Entmachtung als "klaren Militärputsch".

Proteste zunächst friedlich

Die landesweiten Proteste der Islamisten waren zunächst friedlich verlaufen. Die Menschen riefen: "Mursi ist der Präsident!" Sie machten ihrer Wut darüber Luft, dass der erste frei gewählte Präsident in der Geschichte Ägyptens aus ihrer Sicht willkürlich entmachtet wurde. Die größte Kundgebung fand vor der Rabia-al-Adawija-Moschee in der Kairoer Vorstadt Nasr City statt. Tausende Menschen strömten auch in Alexandria, Luxor und Damanhur im Nildelta zusammen.

Das Militär hatte von vornherein klargemacht, dass es durchgreifen werde, sollten die Demonstrationen aus dem Ruder laufen. In einer in der Nacht zum Freitag verbreiteten Erklärung rief der Oberste Militärrat die Ägypter auf, Ruhe zu bewahren und ihr Recht auf Demonstrationen nicht überzubeanspruchen. "Exzesse durch unnötige Beanspruchung dieses Rechts und mögliches unerwünschtes Verhalten wie Straßensperren, die Blockade öffentlicher Einrichtungen oder die Zerstörung von Eigentum" würden nicht geduldet.

Festnahme dementiert

Sicherheitskreise in Kairo bestätigten zwei Tote und acht Verletzte bei den Schüssen in Kairo. Zu Zusammenstößen zwischen Mursi-Anhängern und -Gegnern kam es in der Nildelta-Provinz Baheira und in Al-Arisch auf dem Sinai.

Ein Anwalt der Muslimbruderschaft dementierte am Freitag, dass deren Führer Mohammed Badia am Vortag festgenommen worden sei. Gegen Badia liege zwar ein Haftbefehl vor, doch sei der Top-Kader noch auf freiem Fuß, erklärte Mustafa al-Demeiri gegenüber "Al-Ahram". Badia wolle sich zwar stellen, wisse aber nicht, welche Behörde dafür zuständig sei, fügte er hinzu. Der Anwalt bestätigte, dass zwei Führungsmitglieder der Bruderschaft, Saad al-Katatni und Monim Abdel Maksud, sowie Badias Vorgänger Mohammed Mehdi Akif verhaftet wurden.

Angriffe mit Gewehren und Panzerfäusten

Auf der Halbinsel Sinai griffen militante Islamisten in der Nacht zum Freitag fünf Armeekontrollpunkte mit Gewehren und Panzerfäusten an. Ein Soldat wurde getötet, drei weitere verletzt, wie ägyptische Sicherheitskreise bestätigten. Zunächst war nicht klar, ob die Attacken im Zusammenhang mit dem Sturz Mursis standen.

Der deutsch-ägyptische Autor und Politologe Hamed Abdel-Samad (41), der nach einem Vortrag über "religiösen Faschismus" mit Morddrohungen belegt worden war, nannte den Umsturz am Nil einen "Sieg der Hoffnung". Bei den angekündigten Neuwahlen sei mit einer deutlichen Niederlage der Muslimbrüder zu rechnen, schrieb er in einem Gastbeitrag der "Bild"-Zeitung.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Der Tag nach Mursis Entmachtung - Tote in Kairo

(AFP/AP/dpa)
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