Syrien: US-Truppen geraten unter Beschuss türkischer Artillerie

Brisanter Zwischenfall in Syrien : US-Truppen geraten unter Beschuss türkischer Artillerie

Die USA verschärfen ihren Ton gegen die Türkei und fordern ein Ende der Offensive des Nato-Partners in Syrien. Präsident Erdogan will davon nichts wissen. Mitten in diesen Konflikt platzt ein brisanter Vorfall.

Im Streit über den Einmarsch der Türkei in Syrien haben die USA ihrem Nato-Partner den Beschuss amerikanischer Truppen vorgeworfen. Die Einheiten seien am Freitagabend (Ortszeit) im syrischen Grenzgebiet zur Türkei unter Artilleriebeschuss geraten, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Zwar sei der Vorfall nahe des Grenzorts Kobane glimpflich ausgegangen. Gleichwohl schickte das Pentagon eine neuerliche Warnung an die Adresse Ankaras. Zuvor hatte die Türkei angekündigt, die Militäroffensive gegen die Kurdenmilizen in Nordsyrien trotz Sanktionsdrohungen der USA unbeirrt fortzusetzen.

Der Artilleriebeschuss habe „wenige hundert Meter“ entfernt von den US-Truppen zu einer Explosion geführt, teilte das Pentagon mit. Demnach wurden keine Soldaten getötet oder verletzt. Der Vorfall habe sich aber in einer Gegend ereignet, „von der die Türken wissen, dass dort US-Streitkräfte präsent sind“. Der US-Sender ABC News meldete kurz darauf, die Spezialeinheiten seien nach dem Vorfall von ihrem Posten abgezogen worden.

Die Türkei habe jegliche Handlungen zu vermeiden, „die eine sofortige Verteidigungsreaktion nach sich ziehen könnten“, warnte das Pentagon. Stunden zuvor hatte bereits US-Armeechef Mark Milley gesagt, dem türkischen Militär seien die Positionen der amerikanischen Truppen in der Region mitgeteilt worden. „Und jeder ist sich voll bewusst, dass wir uns als US-Militär das Recht auf Selbstverteidigung vorbehalten.“

Das türkische Verteidigungsministerium wies den Vorwurf zurück, dass auf Truppen der Amerikaner oder des Militärbündnisses gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) geschossen worden sei. Vielmehr seien türkische Grenzposten von Hügeln aus unter Beschuss genommen worden, die etwa einen Kilometer von einem US-Beobachtungsposten entfernt lägen. „Als Akt der Selbstverteidigung“ sei das Gegenfeuer eröffnet worden auf die Stellungen der „Terroristen“ - womit die türkische Regierung in der Regel kurdische Milizen meint. Dabei seien aber „alle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen“ und keine US-Kräfte beschossen worden. Nach Rückmeldungen seitens der USA sei das Feuer schließlich „vorsichtshalber“ eingestellt worden.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte bereits zuvor jede Kritik an der Militäroffensive seiner Streitkräfte zurückgewiesen. Die Türkei erhalte derzeit „von rechts und links Drohungen“, sagte Erdogan am Freitagabend bei einer Ansprache in Istanbul. „Aber wir werden nicht stoppen. Wir werden keinen Schritt mehr zurückgehen.“

Die USA dringen auf einen Abbruch der Offensive und drohen der Regierung in Ankara harte Strafmaßnahmen an. „Wenn wir müssen, können wir die türkische Wirtschaft stilllegen“, warnte US-Finanzminister Steven Mnuchin. Die USA bereiteten „sehr harte Sanktionen“ vor, die „jede Person mit Verbindungen zur türkischen Regierung“ und auch Finanzinstitute treffen könnten. „Ich hoffe, dass wir sie nicht anwenden müssen.“ Die Türkei dürfe zudem keinesfalls erlauben, dass auch nur ein einziger IS-Gefangener im türkischen Einmarschgebiet entkomme.

US-Verteidigungsminister Mark Esper verurteilte das „einseitige“ Vorgehen der Türkei, das der Beziehung zwischen den beiden Ländern „dramatischen Schaden“ zufüge. Auch die EU-Staaten haben ein Ende der Offensive gefordert.

Die türkische Offensive, die seit Mittwochnachmittag läuft, richtet sich gegen die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Die Offensive stößt international auf scharfe Kritik. Regierungen und Institutionen sprachen aber auch von legitimen Sicherheitsinteressen der Türkei im Grenzgebiet.

Die Türkei verlangte ihrerseits angesichts der internationalen Kritik an der Offensive von der Nato ein „klares und deutliches“ Bekenntnis der Solidarität. In einer Pressekonferenz mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Freitag, es reiche nicht, dass die Nato-Partner sagten, „wir verstehen die legitimen Sorgen der Türkei. Wir wollen diese Solidarität klar und deutlich sehen.“

US-Verteidigungsminister Esper wies Vorwürfe zurück, Trump habe der Türkei mit dem Abzug von US-Soldaten kurz vor dem Start der Offensive grünes Licht gegeben und die kurdischen Verbündeten im Stich gelassen. „Wir bleiben in enger Abstimmung mit den Syrischen Demokratischen Kräften“, sagte er. Die von kurdischen Milizen dominierten SDF waren im Kampf gegen den IS ein enger Verbündeter der USA und übernahmen unter anderem die Bewachung der IS-Gefangenen.

Die Offensive hat bereits in den ersten Tagen zahlreiche Menschen in Nordsyrien das Leben gekostet und Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben. Wie die SDF am Freitag mitteilten, brachen infolge der Offensive fünf IS-Kämpfer aus einem Gefängnis in der Stadt Kamischli aus. Zudem sei es in dem Flüchtlingslager Al-Hol im Nordosten Syriens, in dem zahlreiche IS-Angehörige leben, zu einem Aufruhr gekommen. In dem Lager leben nach UN-Angaben fast 70 000 Menschen.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen seit Beginn der Offensive 17 Zivilisten ums Leben. Zu den Toten in den Reihen der Kurdenmiliz YPG gibt es stark widersprüchliche Zahlen. Die SDF gaben an, 22 ihrer Kämpfer seien ums Leben gekommen. Dagegen sprach das türkische Verteidigungsministerium von fast 300 getöteten YPG-Kämpfern.

Im türkischen Heer gab es laut offiziellen Angaben bisher zwei Tote. Durch Raketen und Mörsergeschosse der YPG seien am Freitag im südosttürkischen Nusaybin zudem acht Menschen getötet und 35 weitere verletzt worden, teilte das Gouverneursamt der Provinz Mardin mit.

In einer Stellungnahme des UN-Nothilfebüros Ocha und des Humanitären Koordinators der UN für Syrien in Damaskus war am Freitagabend zudem von 100 000 Vertriebenen die Rede. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) in Genf hatte zuvor berichtet, die meisten Menschen seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abjad geflüchtet.

(csi/dpa)
Mehr von RP ONLINE