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Toxikologe: Spuren schädlicher Pillen in Milosevics Blut

Toxikologe : Spuren schädlicher Pillen in Milosevics Blut

Den Haag/Belgrad (rpo). Ein niederländischer Toxikologe hat nach der Untersuchung von Blutproben des verstorbenen jugoslawischen Ex-Präsidenten erklärt, Milosevic habe ein für ihn schädliches Medikament eingenommen. Inzwischen wurde der Leichnam freigegeben. Milosevic soll, wenn es nach seiner Familie geht, in Belgrad beerdigt werden.

Der verstorbene jugoslawische Ex-Präsident Slobodan Milosevic hat möglicherweise mit einer eigenmächtigen Medikamenteneinnahme eine Verschlechterung seines Gesundheitszustandes in Kauf genommen. Der niederländische Toxikologe Ronald Uges sagte am Montag in Den Haag, Milosevic habe mit der Einnahme eines Antibiotikums, das die Wirkung der ihm verschriebenen Mittel gegen Bluthochdruck aufhob, eine medizinische Behandlung in Russland erzwingen wollen.

Milosevics Partei SPS drohte mit dem Sturz der Regierung in Belgrad, falls der frühere Serbenführer nicht im Beisein seiner Familie in Serbien beigesetzt werden könne. Der Anwalt von Milosevics Witwe Mirjana Markovic beantragte die Aufhebung des Haftbefehls gegen sie.

"Er hat Rifampicin eingenommen, ein Medikament, das die Wirkung von Mitteln gegen Bluthochdruck aufhebt", sagte Uges. Eigenen Angaben zufolge hatte er zwei Wochen zuvor Milosevics Blut analysiert und darin das bei Tuberkulose und Lepra angewendete Antibiotikum nachgewiesen. "Ich bin sicher, dass er das Medikament selbst einnahm, weil er eine einfache Fahrt nach Moskau wollte", sagte der Toxikologe weiter. Milosevic hatte im Dezember beim UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag vergeblich beantragt, sich im Moskauer Herzzentrum behandeln lassen zu dürfen.

Am Samstag war der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angeklagte Milosevic tot in seiner Zelle im UN-Gefängnis in Scheveningen aufgefunden worden. Laut einer ersten Autopsie starb er an einem Herzinfarkt. Bislang könnten aber auch Selbstmord oder eine Vergiftung als Todesursache nicht ausgeschlossen werden, sagte ein Tribunalsprecher.

Russland will eigene Ärzte schicken

Das russische Außenministerium bestätigte, einen handgeschriebenen Brief von Milosevic erhalten zu haben, in dem dieser sich über eine "unangemessene Behandlung" durch die Ärzte des Haager Tribunals beklagt habe. Der Brief sei am Samstag in der russischen Botschaft in Den Haag eingetroffen. In dem Schreiben nahm Milosevic demnach Bezug auf eine Blutuntersuchung im Januar, die eine hohe Dosis eines Lepra- oder Tuberkulosemedikaments nachgewiesen habe. Er befürchte, vergiftet zu werden, schrieb er demnach. Russlands Außenminister Sergej Lawrow kündigte die Entsendung russischer Ärzte nach Den Haag an.

Die niederländische Staatsanwaltschaft gab die Leiche des Verstorbenen am Montag frei. Milosevics Sohn Marko wolle von Moskau nach Den Haag reisen, um sie abzuholen, sagte der Rechtsberater des Verstorbenen, Zdenko Tomanovic, in Den Haag. Er habe die niederländische Regierung gebeten, dem Sohn ein Visum auszustellen.

Der Bestattungsort stand weiterhin nicht fest. Die Familie wolle ein Staatsbegräbnis in der serbischen Hauptstadt Belgrad, sagte Tomanovic. Sie bestehe jedoch nicht auf eine Beisetzung in der so genannten Allee der Großen, in der Serbien seine wichtigen historischen Persönlichkeiten bestattet. Zuvor hatte der serbische Präsident Boris Tadic ein Staatsbegräbnis des früheren Präsidenten wegen seiner Rolle in den Balkankriegen bereits ausgeschlossen.

Milosevic-Partei droht mit Regierungssturz

Milosevics Partei SPS drohte mit dem Sturz der serbischen Regierung, sollte sie nicht Milosevics Beisetzung in Serbien im Beisein seiner Familie ermöglichen. Sollte Regierungschef Vojislav Kostunica der Beerdigung in Belgrad nicht zustimmen, werde die SPS ihm die Unterstützung entziehen, sagte SPS-Generalsekretär Zoran Andjelkovic. Die Minderheitsregierung ist auf mindestens 22 SPS-Stimmen angewiesen.

Tomanovic beantragte als Anwalt von Milosevics Witwe Markovic in Serbien die Rücknahme des Haftbefehls gegen seine Mandantin, nach der wegen Machtmissbrauch gefahndet wird. Der Antrag werde von drei Richtern geprüft, sagte eine Gerichtssprecherin. Markovic war 2003 geflohen und hält sich wahrscheinlich in Russland auf.

Der österreichische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Wolfgang Petritsch, forderte die Fortführung der Beweisführung gegen Milosevic. Der Prozess müsse fortgeführt werden, um Serbien aus seiner historisch belasteten Situation zu führen, sagte der ehemalige Hohe Repräsentant der EU in Bosnien-Herzegowina in Deutschlandradio Kultur.

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(afp)