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Hunderte harren weiter in der Moschee aus: Sohn des obersten Muslimbruders offenbar tot

Hunderte harren weiter in der Moschee aus : Sohn des obersten Muslimbruders offenbar tot

Während immer noch mehrere Hundert Anhänger von Ägyptens Ex-Präsident Mohammed Mursi in einer belagerten Moschee in Kairo ausharren, ist laut Muslimbruderschaft einer der Söhne des obersten Muslimbruders ums Leben gekommen. Zudem hat die Übergangsregierung die Zahl der Opfer vom Freitag auf 173 erhöht.

Zudem hat die ägyptische Regierung nach den blutigen Unruhen der vergangenen Tage angekündigt, sie wolle "mit eiserner Faust gegen den Terrorismus vorgehen. Das sagte ein Sprecher der Übergangsregierung am Samstag vor der Presse in Kairo. Seinen Angaben zufolge kamen bei Zusammenstößen mit Demonstranten und Angriffen militanter Islamisten seit dem vergangenen Mittwoch 57 Polizisten ums Leben. 563 Polizisten seien verletzt worden. Im gleichen Zeitraum wurden nach Angaben von Ärzten und Polizisten mehr als 750 Zivilisten getötet. Allein am Freitag seien 173 Menschen ums Leben gekommen.

Bei den Unruhen in Kairo am Freitag ist offenbar auch einer der Söhne des spirituellen Führers der Muslimbruderschaft, Mohammed Badia, getötet worden. Ammar Badia sei bei den Kämpfen zwischen Anhängern und Gegnern des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi im Zentrum der Hauptstadt ums Leben gekommen, teilte der politische Arm der Organisation, die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, am Samstag auf seiner Homepage mit. Mohammed Badia wurde gemeinsam mit anderen Führern der Muslimbruderschaft wegen Anstiftung zur Gewalt angeklagt, er befindet sich aber auf der Flucht.

Demnach wurde Ammar Badia während einer "friedlichen Kundgebung" am "Freitag der Wut" auf dem Ramses-Platz erschossen. Am vergangenen Mittwoch war Asmaa al-Beltagi, die Tochter eines anderen führenden Mitgliedes der Islamisten-Vereinigung, bei der gewaltsamen Räumung eines Protestlagers der Muslimbrüder in Kairo ums Leben gekommen.

Derweil erwägt die ägyptische Regierung nach den gewaltsamen Auseinandersetzungen der vergangenen Tage die Auflösung der Muslimbruderschaft. Ministerpräsident Hasem al-Beblawi habe das vorgeschlagen, teilte ein Regierungssprecher am Samstag mit. Der Vorschlag werde nun geprüft. Dafür ist das Sozialministerium zuständig.

Wieder Schüsse an der Moschee

An der von Sicherheitskräften belagerten Moschee, in der sich hunderte Islamisten befinden, sind am Samstagnachmittag wieder Schüsse abgefeuert worden. Das berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP. Die ägyptische Nachrichtenagentur Mena meldete, in der Moschee verschanzte Demonstranten hätten das Feuer auf gepanzerte Armeefahrzeuge eröffnet, im Fernsehen war zu sehen, dass Sicherheitskräfte auf das Minarett schossen.

Am Morgen war es der Polizei gelungen, einige der Islamisten sicher aus der Fateh-Moschee hinauszubegleiten. Die restlichen Mursi-Anhänger wagten sich jedoch aus Angst vor Übergriffen aufgebrachter Bürger nicht aus der Moschee hinaus. Vor der Moschee hatten sich Anwohner versammelt. Die Menschen seien aufgebracht, weil am Freitag aus der Kundgebung der Islamisten heraus Schüsse abgegeben worden seien. Rund 700 Menschen seien noch in der Moschee, sagten Betroffene dem Nachrichtensender Al-Dschasira.

Nach dem "Freitag der Wut" mit mehr als 100 Gewaltopfern werden in Ägypten für den Samstag allerdings weitere blutige Zusammenstöße befürchtet. Am Freitag war es landesweit zu Straßenschlachten gekommen, erstmals wurden auch Unruhen aus einer Touristenstadt am Roten Meer gemeldet. Anzeichen auf Deeskalation gab es nicht. So gab das Innenministerium am Samstagmorgen bekannt, dass am Freitag 1004 Anhänger der Muslimbrüder festgenommen worden seien.

Interimsregierung verteidigt hartes Vorgehen

Die Übergangsregierung hatte am Freitag ihr hartes Vorgehen auch gegen massive internationale Kritik gerechtfertigt und erklärt, sie müsse ein "terroristisches Komplott der Muslimbrüder" niederschlagen. Mehrere Stadtviertel von Kairo erinnerten an Schlachtfelder. Allein in der Nähe des Ramses-Platzes wurden in Moscheen mindestens 39 Leichen gezählt, außerhalb von Kairo waren es nach Angaben von Seiten der Sicherheitskräfte bis zum Abend mindestens 44 Tote.

Die Situation in Ägypten war am Mittwoch eskaliert, als bei der gewaltsamen Räumung zweier Protestlager und anschließender Unruhen 578 Menschen getötet worden. Es war der blutigste Tag in Ägypten seit der Entmachtung Mursis am 3 Juli. Und dessen Anhänger riefen als Reaktion für eine Woche zu täglichen Protesten auf.

Aus Protest gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte zog nach der Türkei auch Venezuela seinen Botschafter aus Ägypten ab. "Ich habe beschlossen, unseren Botschafter aus Kairo abzuziehen", sagte Präsident Nicolas Maduro am Freitag in einer von den staatlichen Medien verbreiteten Rede. Mursi müsse wieder in sein Amt eingesetzt werden, "um einen nationalen Versöhnungsprozess des ägyptischen Volkes einzuleiten". "Genug der Staatsstreiche, genug der Spaltung", fügte er hinzu.

Deutschland stoppt Waffenexporte nach Ägypten

Angesichts der blutigen Zusammenstöße in Ägypten will die schwarz-gelbe Bundesregierung keine neuen Waffenexporte in das Land genehmigen. Die deutsche Rüstungsexportpolitik sei ohnehin restriktiv, sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP) dem "Focus". "Und das wird so bleiben, gerade mit Blick auf diese aktuellen Entwicklungen." Dem Bericht zufolge prüft die Bundesregierung derzeit, wie mit bereits genehmigten, aber noch nicht erfolgten Waffenexporten umgegangen werden soll.

"Die Bundesregierung hat alle Entscheidungen über Ausfuhrgenehmigungen für Rüstungsgüter nach Ägypten zurückgestellt", zitiert der "Focus" aus einer Antwort des Wirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion. Im ersten Halbjahr 2013 lieferten deutsche Unternehmen dem Bericht zufolge Rüstungsgüter im Wert von rund 13,2 Millionen Euro an Ägypten. Es habe sich vor allem um Ausrüstungsgegenstände für die ägyptische Marine und um Telekommunikationstechnik gehandelt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief zu einem Ende der Gewalt auf. "Gewalt darf in keinem Falle ein Mittel zur Lösung der Probleme sein", sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Kanzlerin äußerte sich "sehr besorgt" über die Lage in dem Land, dessen Gesellschaft "politisch tief gespalten" sei. Sie beriet sich mit Frankreichs Staatschef François Hollande am Telefon. Am Montag wollen sich die EU-Botschafter in Brüssel zu einer Sondersitzung treffen. EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton rief die Mitgliedsstaaten auf, "angemessene Maßnahmen" zu ergreifen.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verlangte am Samstag eine unabhängige Untersuchung des Blutbades vom Mittwoch. Die Reaktion der Behörden auf die Proteste sei "extrem unverhältnismäßig", erklärte die Organisation. Die Sicherheitskräfte hätten offenbar nicht zwischen friedlichen und gewaltbereiten Demonstranten unterschieden und auch keine Versorgung von Verletzten zugelassen.

Behördenseiten gehackt

Sympathisanten der protestierenden Islamisten hatten am Freitag die "Facebook"-Seite und das Profil des ägyptischen Innenministeriums im Kurznachrichtendienst "Twitter" gekapert. Auch am Samstag verbreiteten sie bei "Twitter" weiter eigene Botschaften im Namen des Ministeriums. Sie beschimpften unter anderem Journalisten und den Scheich des Al-Azhar Islam-Instituts, Ahmed al-Tajjib. Der Geistliche hatte bei der gewaltsamen Räumung der Protestlager der Islamisten durch die Polizei am vergangenen Mittwoch versucht, einen Kompromiss zwischen den Muslimbrüdern und den neuen Machthabern auszuhandeln.

Hier geht es zur Bilderstrecke: August 2013: Blutige Straßenschlachten in Kairo am "Freitag der Wut"

(dpa/AFP)