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Smog in Indien: Neu-Delhi hat die dreckigste Luft der Welt

Smog in Indien : Neu-Delhi hat die giftigste Luft der Welt

Indiens Hauptstadt Neu-Delhi erstickt im Smog – wie so häufig zu Beginn des Winters. Aber jetzt hat sich das Oberste Gericht eingeschaltet und die Politiker mit deutlichen Worten ermahnt, sich nicht weiter gegenseitig den Schwarzen Peter zuzuschieben.

Jeder Atemzug erzeugt Hustenreiz, Kopfschmerzen und Übelkeit. Seit der vergangenen Woche ist Indiens Hauptstadt Neu-Delhi weltweit die Stadt mit der giftigsten Luft. Doch Indiens Gesundheitsminister Harsh Vardan hatte einen guten Tipp für die 20 Millionen Einwohner parat, die die lebensgefährliche Luft einatmen müssen: „Esst Karotten!“ Das bunte Wintergemüse helfe gegen die Gesundheitsrisiken durch Abgase, meinte der Politiker. Und Umweltminister Prakash Javadekar riet, „den Tag mit Musik zu beginnen“. Die Luftverschmutzung werde von der Opposition „politisiert“, beklagte Javadekar und verwies auf den Ministerpräsidenten des Territoriums Neu-Delhi, Arvind Kejriwal. Er hatte die Stadt mit einer „Gaskammer“ verglichen und Kritik an der Apathie der Zentralregierung geübt.

Der Schadstoffkonzentration lag auch am Montag mehr als zehnfach über dem Grenzwert. Messungen der Dichte der gefährlichen Feinstaubpartikel, die so klein sind, dass sie in die Lunge eindringen, erreichten stellenweise Spitzenwerte von mehr als 1000 Mikrogramm pro Kubikmeter. Das ist Forschern zufolge ebenso schädlich wie der Konsum von 50 Zigaretten am Tag.

Wenn der Winter in Nord-Indien beginnt, beginnen auch die trüben, feuchten Tage mit dichtem Nebel, der sich rasch in Smog verwandelt. Autoabgase, Fabrikqualm, Staub von Baustellen und Feuer von Feldern und Müllhalden verschärfen das Problem. Ministerpräsident Kejriwal erließ am Montag ein Teilfahrverbot für Autos: Bis zum 15. November sollen abwechselnd nur noch Fahrzeuge mit geraden oder ungeraden Kennzeichennummern unterwegs sein. Das System ist bereits früher zum Einsatz gekommen, allerdings mit beschränktem Erfolg. An den Schulen wurden fünf Millionen Atemmasken verteilt, Baustellen wurden gesperrt, bestimmte Industrieanlagen stillgelegt.

Doch wie in allen Smogkrisen zuvor schieben auch diesmal die Zentral- und die Landesregierung einander den Schwarzen Peter zu. Dem Obersten Gericht wurde das nun zu bunt. Die obersten Juristen des Landes sparten nicht an klaren Worten und kritisierten die Untätigkeit der Politik. Es stünden Menschenleben auf dem Spiel, klagten die Richter. „Können wir in dieser Luft überleben? Es gibt keine Möglichkeit, das zu überleben.“

Eine der Ursachen des Smogs ist auch in diesem Jahr das Abbrennen abgeernteter Felder in den umliegenden Bundesstaaten. Doch Minister Sunil Bharala aus dem Nachbarbundesland Uttar Pradesh verteidigte die Praxis: „Dies ist eine alte Methode.“ Man solle einfach beten, riet Bharala. „Lord Indra“, der Regengott, werde es schon richten.

Die obersten Richter hingegen erklärten: „Bauern können nicht andere umbringen, nur um ihr Auskommen zu haben.“ Dies sei mehr als nur ein Notstand: „Die Leute sind nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden sicher.“ In einem „zivilisierten Land“ sei das unerträglich. Das Verbrennen von Abfall soll ab sofort mit einer Strafe von umgerechnet knapp 65 Euro geahndet werden. Am Mittwoch will das Oberste Gericht weiter über die dicke Luft in der Hauptstadt beraten; es hat dazu die Regierungschefs der Nachbarstaaten von Neu-Delhi einbestellt. „Wir können es nicht zulassen, dass Menschen sterben“, begründete die Richterrunde ihre Entscheidung.

In den vergangenen Jahren hat Delhi immer wieder Smog-Krisen erlebt. Kurz nach dem Lichterfest Diwali, das traditionell mit Feuerwerk begangen wird, erreichte die Luftverschmutzung regelmäßig neue Rekordwerte. In diesem Jahr war Feuerwerk zu Diwali zwar verboten worden, doch das verhinderte die diesjährige Krise nicht. Es fehlt in Indien weiterhin an Langzeitmaßnahmen, wie sie etwa die chinesische Hauptstadt Peking gegen den Smog ergriffen hat.