Slowakei: Zuzana Caputová hatte keine Chance - und nutzte sie

Slowakei : Zuzana Caputová hatte keine Chance – und nutzte sie

Frau, antiautoritär, liberal und grün angehaucht, klar EU-Freundlich: Zuzana Caputová (45), Umwelt- und Antikorruptionsaktivistin, wird die neue Präsidentin der Slowakei. Das ist eine Sensation – und zeigt, wie groß der Frust im Land ist.

Wenn Politiker nach Wahlsiegen erklären, sie nähmen die neue Aufgabe „mit großer Demut“ an, dann klingt das meist hohl. Auch Zuzana Caputová hat diesen Satz gesagt, nachdem die Slowaken sie am Samstag zur ersten Präsidentin des Landes gewählt hatten. Im Fall der 45-jährigen Bürgerrechtsanwältin lässt sich aber mit guten Gründen sagen: Sie hat diese Demut tatsächlich. Andernfalls hätte sie den angesehenen EU-Kommissar Maros Sefcovic auch kaum mit 58 Prozent deklassieren können.

Caputovás Sieg ist eine handfeste Sensation, die nicht ohne ihren biografischen Hintergrund und ihr Charisma als durchsetzungsstarke Frau zu erklären ist. Dabei hätte unter normalen Umständen beides eher gegen die Mutter zweier Kinder gesprochen, die sich als Umwelt- und Antikorruptionsaktivistin einen Namen gemacht hat und nach ihrer Scheidung 2018 mit dem Künstler Peter Konecny zusammenlebt. Allein das hätte sie in der strukturkonservativen Slowakei viele Stimmen kosten können. Aus den Reihen der katholischen Kirche kamen im Wahlkampf Warnungen, Caputová habe ein zu positives Verhältnis zur Homoehe. Und der parteilose Sefcovic versprach kaum zufällig, er wolle sich für traditionelle christliche Werte einsetzen.

Aber die Umstände in der Slowakei sind nicht normal. Seit dem mutmaßlichen Mafiamord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Frau vor gut einem Jahr blicken die Menschen in dem ostmitteleuropäischen Land anders auf die Politik. Die Erkenntnis, in einem von Mafiastrukturen durchzogenen Staat zu leben, hat viele Slowaken für neue Wege offen sein lassen. Und an diesem Punkt kam die Anwältin Zuzana Caputová ins Spiel, die im Fall Kuciak mit viel Power für eine rückhaltlose Aufklärung kämpfte.

Die Kampagne war anfangs durchaus erfolgreich. Der umstrittene Innenminister Robert Kalinák trat zurück, später räumte auch der linkspopulistische Regierungschef Robert Fico seinen Stuhl. Vier Tatverdächtige aus dem Mafiamilieu sitzen in U-Haft, ein zwielichtiger Geschäftsmann ist als mutmaßlicher Auftraggeber im Visier der Ermittler. Die Regierung leitete zaghafte Reformen ein. Doch nach einem Jahr geriet vieles ins Stocken, und so schlug Caputovás Stunde. Innerhalb weniger Wochen schossen die Umfragewerte der liberalen Politikerin in die Höhe. Schon die erste Wahlrunde gewann sie mit rund 40 Prozent der Stimmen. In der Stichwahl triumphierte sie dann unangefochten.

„Die Slowakei verlangt diese Wende, und zwar jetzt“, sagt Caputová. Das Rüstzeug für ihren Aufstieg zur Galionsfigur der Antikorruptionskämpfer brachte sie bereits mit. 1973 in Bratislava geboren, studierte sie in ihrer Heimatstadt Jura, bevor sie viele Jahre in der Verwaltung der westslowakischen Provinzstadt Pezniok arbeitete, am Fuß der Kleinen Karpaten, wo sie nicht nur für Bürgerrechte und gegen Korruption arbeitete, sondern sich vor allem für den Erhalt der Natur einsetzte. 2015 erhielt sie für ihr Engagement den internationalen Goldman-Umweltpreis. Zwei Jahre später trat sie der liberalen Kleinpartei PS bei.

Frau, antiautoritär, liberal und grün angehaucht, klar EU-freundlich: All das, was im östlichen Europa mit seinen Orbáns, Kaczynskis und Zemans zuletzt als Feindbild galt, machte Caputová nach der Kuciak-Tragödie für viele Slowaken erst recht zur idealen Kandidatin. Ihre Wahl ist deshalb ein Zeichen, das weit über die Grenzen ihres Landes hinausweist. Nun jedoch wird sie dem Taten folgen lassen müssen, was für ein Staatsoberhaupt mit eher repräsentativen Aufgaben nicht leicht ist. Auch daher rührt vermutlich Caputovás Demut.

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