Separatisten in Südtirol: Los von Rom

Landtagswahl am Sonntag : Separatisten in Südtirol fühlen sich im Aufwind

Südtirol wählt einen neuen Landtag. Die Separatisten wittern ihre Chance, wie vielerorts in Europa. Die Mitte-rechts-Regierung in Wien hat mit einem Doppelpass-Vorstoß die Unruhe noch verstärkt.

Die letzte Ansprache ist gehalten, da erheben sich die Menschen im Saal von ihren Stühlen. Die Bläser der Stadtkapelle Bozen stimmen die inoffizielle Tiroler Landeshymne an. Hand aufs Herz, dann dringt es zu zünftiger Marschmusik aus 100 Kehlen: „Du bist das Land, dem ich die Treue halte, weil du so schön bist, mein Tiroler Land. Ein harter Kampf hat dich entzweigeschlagen, von dir gerissen wurde Südtirol.“ Es ist der Parteitag der Südtiroler Freiheit. Die auf italienischem Staatsgebiet stets von Österreich träumenden Separatisten stimmen sich auf die Landtagswahl an diesem Sonntag ein.

Schon im Eingangsbereich zur Veranstaltung im Bozner Schloss Maretsch wird die Linie der Partei klar. Neben einem Korb mit hellgrünen Äpfeln können sich die Besucher mit Aufklebern und Propaganda-Material eindecken. Die Sticker mit den Slogans „Freiheit für Südtirol“, „Südtirol ist nicht Italien“ oder „Los von Rom“ gehen am schnellsten weg. Man könnte den Eindruck gewinnen, ein stolzes und unbeugsames Volk werde von einer despotischen Clique unterdrückt.

So ähnlich stellen es einige Redner an diesem Samstag auch dar: „Im Grunde sind wir in Gefangenschaft“, behauptet die Landtagsabgeordnete Myriam Atz Tammerle. Eva Klotz, die wie ihre Vorrednerin im Tiroler Dirndl auf die Bühne tritt, spricht vom „Kampf“ gegen Rom. „Unser Land ist nur sicher, wenn es unabhängig ist von Italien“, sagt sie. Für seine Vergangenheit müsse man sich nicht schämen.

Diese Feststellung hat einen besonderen Klang, wenn man bedenkt, dass der Vater der 67 Jahre alten Parteigründerin in den 60er Jahren ein führendes Mitglied des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) war. Der BAS war eine Terrororganisation, die die Abtrennung Südtirols mit tödlichen Bombenattentaten voranzutreiben versuchte.

Sven Knoll ist der politische Kopf der Süd-Tiroler Freiheit. Foto: Max Intrisano

Besonders wichtig für die selbst ernannten Südtiroler Freiheitskämpfer ist die Mitte-rechts-Koalition in Wien. Österreich bezeichnet sich auch heute noch als „Schutzmacht“ Südtirols. Der völkerrechtliche Streit mit Italien ist zwar seit 1992 offiziell beigelegt, seither sind auch weitreichende Autonomierechte Südtirols verwirklicht. Aber seit Monaten sorgt der Plan der ÖVP-FPÖ-Regierung, den deutsch- und ladinischsprachigen Südtirolern neben dem italienischen auch den österreichischen Pass zu geben, für Unruhe.

„Für uns ist ein historisches Zeitfenster aufgegangen“, sagt Sven Knoll, der im Trachtenjanker gekommene Fraktionsvorsitzende im Bozner Landtag. Knoll ist das schneidige Gesicht der Bewegung, die ganz selbstverständlich „Volkstumspolitik“ betreibt, eine in Südtirol immer noch sehr gängige Kategorie. Der Doppelpass ist das politische Instrument der Stunde, er ist für Knoll ein erster Hebel, um die Autonomie zu überwinden und letztlich zum großen Ziel der Selbstbestimmung zu gelangen. „Sind wir als ethnische Minderheit in Italien sicher?“, fragt er.

Drei von 35 Abgeordneten stellt die Südtiroler Freiheit bisher im Landtag, es könnten mehr werden am Sonntag. Vor allem die junge und ländliche Bevölkerung zeigt sich empfänglich. Angereichert wird das emotionale Amalgam mit der Angst vor Fremden, obwohl die rund 530.000 Südtiroler derzeit gerade einmal 1500 Asylbewerber aufnehmen müssen. Man müsse heute auf alles Rücksicht nehmen, aber die eigene Sprache und Kultur, also die deutsche, gerate in Vergessenheit, schimpft eine Sitzungsteilnehmerin.

So klingt das auf dem Trauma der nie verwundenen Abspaltung von Österreich gründende Südtiroler Lamento: Auf den Ämtern, bei Gericht, in den Arztpraxen werde immer häufiger nur Italienisch gesprochen, obwohl die deutsche Sprache der italienischen offiziell gleichgestellt ist. Auch sei man der Unberechenbarkeit Italiens, gerade in Finanzangelegenheiten, ausgeliefert, lautet ein anderes Argument, das nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen ist.

Die Grenze zwischen echten historischen Verletzungen und ihrer politischen Instrumentalisierung verschwimmt allerdings. Die Zwangsitalianisierung zur Zeit des italienischen Faschismus, aber auch vom Deutschen Reich unter Hitler geplante und umgesetzte Massenumsiedlungen und schließlich der Bombenterror, der trotz der Autonomieverhandlungen bis in die 80er Jahre anhielt, schwingen mit. Andererseits kann man auch den Eindruck gewinnen, vielen wäre es am liebsten, die Vergangenheit endlich mal Vergangenheit sein zu lassen.

Hannes Obermair spricht daher vom „geschichtsblinden Südtirol“. Der Historiker steht in der Abenddämmerung am Bozner Gerichtsplatz. Fledermäuse sausen waghalsig an den Monumentalbauten aus der Mussolini-Zeit vorbei. Hier, vor dem ehemaligen Lokalbüro der faschistischen Partei, provozierten Sven Knoll und Eva Klotz vor Jahren einen Eklat, als sie mit Sympathisanten Italien symbolisch mit Besen aus Südtirol herauskehrten. Beide wurden wegen „Schändung der italienischen Flagge“ verurteilt. Jahrelang benutzten Südtiroler Nationalisten Orte wie den Gerichtsplatz oder das Siegesdenkmal, um ihren Opfermythos zu pflegen. „Ohne Not überlässt die kollektive Verdrängung die Deutungshoheit den patriotisch-konservativen Gruppierungen“, stellt Obermair fest.

Er ist sich sicher, dass das Schema von italienischen Tätern und deutsch-österreichischen Opfern einer Aufarbeitung im Weg steht. „Man muss von der Schwarz-Weiß-Malerei wegkommen“, sagt der 57-Jährige. Wie das gehen kann, hat der Historiker mit anderen Kollegen gezeigt. Im jahrzehntelang instrumentalisierten Mussolini-Siegesdenkmal in Bozen schuf Obermair ein Dokumentationszentrum zur faschistischen, aber auch nationalsozialistischen Diktatur in Südtirol. Am Gerichtsplatz ließ die Stadtverwaltung ein faschistisches Monumentalrelief in ein Mahnmal verwandeln. „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ – mit diesen Worten leuchtet dort nun ein an Hannah Arendt angelehntes, absurd anmutendes Mantra in Neonlettern. „Wir haben den Nationalisten ihr Spielzeug weggenommen“, sagt Obermair. Aber das beredte Schweigen der Mehrheit zu den historischen Traumata überzeugt ihn nicht.

Südtirol geht es gut. Auch das trägt zu einer gewissen Gemütlichkeit bei, in der Nationalisten sich leichter Gehör verschaffen können. Knapp 90 Prozent aller Steuern bleiben im Land, so sieht es das Autonomiestatut vor. Von einer armen Bergregion hat sich Südtirol in den vergangenen 70 Jahren in die Rangliste der 20 wohlhabendsten Regionen Europas vorgearbeitet, in Italien steht man an der Spitze.

Wohlstand macht müde, das weiß auch Luis Durnwalder, eine Art Franz Josef Strauß Südtirols. 25 Jahre lang war er Landeshauptmann. Seine christdemokratische Südtiroler Volkspartei ist immer noch die tonangebende Kraft im Land, verliert aber immer mehr an Zuspruch. „Wissen Sie, ich bin Jäger“, sagt Durnwalder beim Treffen in einem Bräustüberl bei Meran, „wenn die Gämsen ruhig auf der Alm grasen, dann ist kein Adler oder Wolf in der Nähe. Wenn sie aber zu ruhig sind, merken sie gar nicht mehr, wenn Gefahr droht.“

So sei es auch mit den Südtirolern. Die Adler und Wölfe sind für Durnwalder dabei weniger die heimischen Nationalisten. Die Raubtiere sitzen auch für ihn in Rom. „Als Minderheit in Italien muss man die Autonomie immer wieder mit besonderem Einsatz verteidigen“, sagt Durnwalder. Der brisante und vor allem in Rom als Affront angekommene Doppelpass-Vorschlag Österreichs lässt ihn eher kalt: „Ich kann mit oder ohne leben, mir ist das gleich.“

Dass die Aufregung der Separatisten nicht flächendeckend verfangen muss, wird auch bei einer Podiumsdiskussion in Schlanders westlich von Meran deutlich. Die lokalen Kandidaten stellen sich vor. Die Zuschauer dürfen per Smartphone die Themen mitbestimmen. Ganz vorne liegen Probleme, die die Menschen im Vinschgau ganz besonders bewegen: der zunehmende Verkehr, die Zukunft des lokalen Krankenhauses. Der Doppelpass kommt erst weiter hinten.

Mehr von RP ONLINE