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Schweden suchen 1500 Flüchtlingskinder

Kritik der Vereinten Nationen : Schweden suchen 1500 Flüchtlingskinder

Der Kinderombudsmann in Stockholm schlägt Alarm: Von vielen Eingereisten fehlt jede Spur. Die Polizei soll helfen.

Hunderte alleinstehende Kinder sind aus Flüchtlingsunterkünften in Schweden seit 2010 spurlos verschwunden. Allein seit Jahresbeginn sind schon wieder 22 Kinder verschollen. Die Vereinten Nationen (UN) haben das scharf kritisiert. Nun hat Schwedens Kinderombudsmann Fredrik Malmberg sowohl die Flüchtlingsbehörde als auch die Polizei und andere zuständige Ämter an einen runden Tisch geholt. Malmberg hat der Polizei das Versprechen abgerungen, keine Unterschiede mehr zwischen dem Verschwinden von Flüchtlingskindern und schwedischen Kindern zu machen.

Der Hintergrund: Immer mehr Kinder bewerben sich allein um Asyl in Schweden, dem bevölkerungsreichsten Land in Skandinavien. Die Eltern schicken sie in die Ferne und hoffen, dass sie allein mehr Chancen auf Bleiberecht haben, um Geld nach Hause zu senden und die Familie nachzuholen.

Menschenschmuggler etwa in Bangladesch berechnen zudem weniger für den Transport von Kindern nach Europa. In Schweden angekommen, leben sie in Flüchtlingsunterkünften oder bei Pflegefamilien. Doch erschreckend viele Kinder gehen wieder verloren: Seit 2010 sollen es 1500 sein, von denen allerdings einige inzwischen wieder aufgetaucht sind.

Die Kinder verschwinden aus Heimen und Pflegefamilien während des Asylbewerbungsprozesses. Manche gehen bereits ganz am Anfang verloren, wenige Wochen nach oft traumatischen ein- bis zweijährigen Reisen mit skrupellosen Schlepperbanden durch die halbe Welt. Manchmal verschwinden sie aber auch erst in der Mitte des Bewerbungsprozesses oder lange nach einem Beschluss.

Offiziell ist kaum bekannt, wohin die jungen Flüchtlinge verschwinden. Selbst die wenigen Kinder, die zurückkehren, werden nach dem Verschwinden selten befragt, wo sie waren. Kaum jemand ist so schutzlos in Schweden wie Flüchtlingskinder ohne Angehörige und permanentes Bleiberecht.

"Es ist schlimm, das als Polizist mit ansehen zu müssen. Wenn ein 13-jähriges schwedisches Kind verschwindet, werden Suchtrupps losgeschickt, alle Medien veröffentlichen Fotos. Aber diese Kinder verschwinden ins Nichts, fallen zwischen alle Stühle, es gibt keine Zeitungsrubriken über sie", sagt Christian Frödén von der Stockholmer Polizei. Einerseits wird davon ausgegangen, dass Kriminelle die Kinder verschleppen und für ihre Zwecke missbrauchen, indem sie ihnen etwa einreden, dass sie nur so eine Chance haben, in Schweden zu bleiben. Gleichzeitig seien aber auch viele dieser Kinder auf ihren Flüchtlingsreisen verroht. So hätten sie das Straßenkinderleben in Spanien oder Griechenland "erlernt".

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Sie seien psychisch oft verletzt, hätten Selbstschädigungstendenzen und würden oft auch eher freiwillig in die vermeintliche Freiheit aus Straße, Kriminalität, sexuellem Missbrauch in versteckten Bordellen und vor allem auch Drogenrausch geraten, meint Frödén. Er hat viele solcher Kinder im Stockholmer Zentrum getroffen. Die Polizei sei kaum daran interessiert, Kraft in solche Ermittlungen zu stecken, kritisieren auch Kinderschutzorganisationen.

"Man muss die Unterkunftsmöglichkeiten neu überprüfen. Dort gibt es teils sehr ernste Mängel, die es einfacher machen, dass die Kinder ausgenutzt werden und verschwinden", so Malmberg. Einsame Flüchtlingskinder seien sehr unterschiedlich. "Einige brauchen viel Unterstützung, andere sind sehr selbstständig", sagt er.

Das Problem dürfte immer größer werden, wenn es nicht gelöst wird, warnt er. Gerade Kinder hätten doch ein gutes Integrationspotenzial, wenn man sie richtig betreue. Die Zahl allein ankommender Flüchtlingskinder nimmt in Schweden von Jahr zu Jahr zu. Für 2015 hat die Einwanderungsbehörde prognostiziert, dass jeder zehnte neu ankommende Asylbewerber in Schweden unter 18 Jahre alt sein wird. Das wären umgerechnet 8000 bis 10 000 Kinder.

(RP)