Bosnien-Krieg: Sarajevo: Der Hass bleibt

Bosnien-Krieg : Sarajevo: Der Hass bleibt

Vor 20 Jahren wurde die bosnische Großstadt für 1425 Tage zur Geisel der jugoslawischen Volksarmee. Es war die längste Belagerung im 20. Jahrhundert. Bis heute kommt der Balkan nicht zur Ruhe.

Auf den 11.541 blutroten Stühlen in der Innenstadt von Sarajevo nimmt niemand Platz. Sie erinnern eindrucksvoll an die Opfer der vierjährigen Belagerung, deren Beginn sich in diesem Monat zum 20. Mal jährt. Einen Stuhl für Azra gibt es nicht.

Die heutige Studentin entkam dem Tod nur durch Zufall: "Um das vor Hunger schreiende Baby zu beruhigen, bin ich stundenlang mit Azra durch die Wohnung gewandert — vom Wohnzimmer durch die Diele ins Schlafzimmer und zurück", erinnert sich ihr Vater. "Plötzlich, wir waren gerade im Schlafraum, krachte und splitterte es furchtbar. Eine serbische Granate hatte unser Wohnzimmer zerstört. Sekunden vorher, und wir wären beide tot."

Ein traumatisches Erlebnis von vielen: Bis Februar 1996 waren die 300.000 Einwohner lebende Zielscheiben. Auf dem Berg Trebevic, neben den Ruinen des Restaurants, das den Belagerern als Massen-Vergewaltigungsstätte gedient haben soll, blickt man aus einer früheren Scharfschützenstellung mitten ins Stadtzentrum — Sarajevo auf dem Präsentierteller.

Jedes Anstehen auf den Märkten, jedes Überqueren einer Kreuzung wurde zum tödlichen Roulette. Die Abschussraten stiegen makabrerweise an den Wochenenden: Ein regelrechter Tourismus der Schützen hatte sich entwickelt, an dem sich "normale" Bürger gegen Bezahlung beteiligen durften. Auch 1601 Kinder wurden ermordet.

Das Bild der heuilen Welt täuscht

Als die Bundeswehr zur Jahreswende 1996/97 in die Stadt einrückte — endlich hatte sich die internationale Gemeinschaft zum Eingreifen entschlossen —, wirkte Sarajevo menschenleer, die Häuserruinen waren von Einschusslöchern übersät, am Horizont kreuzten sich Leuchtspurgeschosse. Heute wimmelt es in der Stadt von Autos und Fußgängern, bunte Leuchtreklame hat das Gewehrfeuer ersetzt — auf den ersten Blick ist nichts mehr zu spüren vom Krieg.

Doch das Bild einer heilen Welt täuscht. Bosnien-Herzegowina ist ein mehrfach unsichtbar geteiltes Land: Die Bevölkerung besteht aus muslimischen Bosniaken, orthodoxen Serben, römisch-katholischen Kroaten. Die Serben in ihrer selbst ernannten "Republika Srpska" verweisen auf das Kosovo und drängen auf Abspaltung. Allgemein wittern die Nationalisten in der Stagnation ihre Chance.

Mitte Mai soll vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag der Prozess gegen Ratko Mladic beginnen, den Kommandeur der serbischen Truppen, dessen Name untrennbar mit der Belagerung Sarajevos und dem Srebrenica-Massaker verknüpft ist. Zwar wird er versuchen, Serbiens Präsident Slobodan Milosevic die Schuld zuzuschieben, der 2006 in einer Zelle in Den Haag starb.

Vermutlich belastet er auch seinen Ex-Mitstreiter Radovan Karadzic, im Krieg politischer Kopf der bosnischen Serben. Doch die Beweise wiegen schwer. Ein Schlussstrich wird Mladics Verurteilung jedoch für viele Bosniaken und Serben nicht sein: Zu groß ist der Hass aufeinander.

Anderen Staaten gelang EU-Integration

Moscheen und Tankstellen sind die auffälligsten Neubauten in Bosnien. Letztere, so wird gemunkelt, dienten als Geldwäschereien für die organisierte Kriminalität, die das Land im Würgegriff halte. Im Stadtbild sind etliche Männer mit langen Bärten und verschleierte Frauen zu sehen. Die Einwohner, selbst meist Muslime, liebten diese aus dem Ausland angereisten Hardliner nicht, heißt es. Religiöse Scharfmacher haben gerade noch gefehlt in dieser instabilen Balkan-Region.

Anderen Staaten des zerbrochenen Vielvölkerstaats Jugoslawien wie Kroatien glückte der Wiederaufbau und die Integration in die EU. In Bosnien bewegt sich dagegen fast nichts. Neun von zehn Bosniern wollten keinen Krieg mehr, berichten Beobachter — der Umkehrschluss alarmiert.

Die unter dem Afghanistan-Einsatz ächzende Nato hat versucht, ihre Präsenz auf dem Balkan deutlich abzubauen. Doch im Kosovo, ebenfalls Teil Ex-Jugoslawiens, gab es erst kürzlich schwere Unruhen, bei denen auch deutsche Soldaten verwundet wurden. In Bosnien scheint alles ruhig. Doch die Nato weiß: Der geringste Anlass kann das ändern.

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(RP/pst/das/rm)