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Wikileaks-Frau sucht Schutz in Berlin: Sarah Harrison - Engel der Whistleblower

Wikileaks-Frau sucht Schutz in Berlin : Sarah Harrison - Engel der Whistleblower

Sie ist 31, bildhübsch und widersetzt sich der gesammelten Staatsmacht der USA. Vier Monate lang half die Britin Sarah Harrison dem US-Staatsfeind Nummer eins, Edward Snowden, in höchster Not. Ohne sie säße er heute wahrscheinlich im Gefängnis. Inzwischen muss sich die Retterin selbst verstecken.

Als Sarah Harrison Edward Snowden das erste Mal begegnete, war er allein. Selbst engen Freunden wurde die Angelegenheit zu heiß. Snowden hatte mit seinen spektakulären Veröffentlichungen über die Umtriebe der NSA die Regierung der Vereinigten Staaten gegen sich aufgebracht. Auf seiner Flucht hatte es ihn im Juni nach Hongkong verschlagen. Selbst sein Anwalt riet ihm, sich zu stellen.

Auch die Chinesen zeigten kein Interesse, Snowden zu helfen. In seiner Not wandte er sich an Wikileaks, die Enthüllungsorganisation um Julian Assange, die sich der radikalen Wahrheit verschrieben hat, aber zuletzt durch die Streitereien im ihren Anführer in Misskredit geraten war.

Harrison managt die Flucht

Eine seiner engsten Mitarbeiterinnen ist seit Jahren die Britin Sarah Harrison. Sie soll an den großen Enthüllungscoups unmittelbar beteiligt gewesen sein. Als Assange in London gegen die Auslieferung kämpfte, gehörte sie zu seinen wichtigsten Begleitern, organisierte Tarnungen, Verstecke, Verteidigungslinien.

Als sie für Wikileaks nach Hongkong reiste, dürfte sie gewusst haben, was auf sie zukommt. Dennoch entschied sie sich mit Snowden, alle anwaltlichen Ratschläge in den Wind zu schlagen und stattdessen die Flucht zu wagen.

Sarah Harrison könnte man auch als Fluchtmanager bezeichnen, als eine Expertin für Versteckspiele im Agentenmilieu. Nur dass es sich dabei nicht um Hollywoodgeschichten handelt, sondern bitterernste Realität. Sie kümmerte sich um die Einreisepapiere und Tickets für Ecuador. Am Ende war der Druck so gewaltig, dass sie nur bis nach Russland kamen.

Nun muss sie sich selbst verstecken

Vier Monate lebte sie an der Seite von Edward Snowden, des meistgesuchten Manns der Welt. 39 Tage verbrachten sie zusammen im Transitbereich des Flughafens von Moskau. Dann ermöglichte der Kreml Snowden Asyl. Seitdem ist er untergetaucht. Mit Harrisons Hilfe.

Am Wochenende, kurz nach dem Treffen mit Christian Ströbele, bestieg sie den Flieger nach Deutschland. Ihren Schützling Snowden wähnt sie in Sicherheit. Harrison habe Snowden erst verlassen, nachdem sie sich sicher gewesen sei, dass er sich selbst eingerichtet habe und frei von Beeinflussung durch irgendeine Regierung sei, ließen ihre Anwälte wissen.

Worte einer Kämpferin

Jetzt muss sie sich selbst verstecken. Aus der Fluchthelferin ist eine Gejagte geworden. In Berlin hat sie Unterschlupf gefunden. Von einer Rückkehr in ihre Heimat Großbritannien raten ihr ihre Anwälte ab, weil sie dort möglicherweise juristisch verfolgt wird.

In einer bei Wikileaks veröffentlichten Stellungnahme schildert sie, was in ihr vorgeht. Offensichtlich ist es ein starker Gerechtigkeitssinn, der sie antreibt. Dass sie sich traut, gegen mächtige Regierungen anzukämpfen, begründet sie mit Worten, die so klingen als seien sie aus dem Mund einer neuen Jeanne d'Arc entsprungen: "Wo Whistleblower auftauchen, müssen wir für sie kämpfen, damit andere ermutigt werden", zitiert sie die SZ. "Wenn sie gejagt werden, müssen wir ihr Schutzschild sein."

Versteckt in einem Berliner Keller

In ihrem Manifest klingt dasselbe Ideal von Wahrheit an, wie man es von ihrem engen Vertrauten Assange kennt. "Die Wahrheit zu verbreiten, ist kein Verbrechen", schreibt sei. Denn es seien "unsere Daten, unsere Geschichte."

Reporter der SZ trafen sie an einem geheimen Ort in Berlin. Sie schildern eine Situation in einem Kellerraum, vollgestopft mit Kabeln, Akten und Computern. Harrison beschreiben sie als hellwach, aber auch nervös. "Alles nicht so einfach gerade", erklärt sie. Sie weiß, dass ihr langjährige Gefängnisstrafen drohen, sollte sie in die Hände der falschen Behörden fallen. "Ich will gerade deshalb nicht aufhören mit dem, was ich tue", sagt sie. Sarah Harrison will sich nicht einschüchtern lassen. Aus Prinzip, wie sie sagt.

2010 begeisterte sie sich für Wikileaks

Schon als Kind, so heißt es, habe sie diesen ungewöhnlichen Kampfeswillen gezeigt. Als Zehnjährige schrieb sie einen Brief an den damaligen britischen Premier John Major und beklagte sich über das Unrecht, unter dem Obdachlose zu leiden hatten. Später besuchte sie eine Privatschule, studierte Medizin. 2010 nahm ihr Leben eine Wende. Sie absolvierte im Center für investigativen Journalismus ein Praktikum und kam mit Wikileaks in Berührung.

Eine Begegnung, die sie nicht mehr losließ. "Wikileaks ist für mich die perfekte Symbiose", sagt sie auch heute noch, versteckt vor Spionen aus Großbritannien und den USA in einem Berliner Keller. "Recherche, Schreiben, Reisen, Abenteuer." "Wir haben die Schlacht um Snowdens unmittelbare Zukunft gewonnen", schreibt sie in ihrem Manifest.

"Aber der Krieg geht weiter."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die Beschützerin von Edward Snowden

(pst)